Elsass und Lothringen
Im August vor 80 Jahren: Zwangseingezogen in die deutsche Wehrmacht
12.000 Gesichter blicken von acht Plastikfolien, jede 4,50 Meter breit und 1,50 Meter hoch, junge Männer in Zivilkleidung, manche in französischer Uniform – oder in der anderen, der deutschen, die sie nicht tragen wollten. Es sind Porträtfotografien von 12.000 jener 40.000 in die Wehrmacht Zwangseingezogenen, die nicht aus dem Krieg zurückkehrten. 36 Meter Erinnerung an ein Kapitel deutsch-französischer Geschichte, das im großen Versöhnungseifer der Nachkriegsjahre immer ein wenig störend wirkte und bei dessen Aufarbeitung jetzt einige neue Seiten aufgeschlagen werden.
Die „Mauer der Gesichter“ wurde präsentiert bei der großen Gedenkfeier am 25. August auf dem Mont National hoch über Obernai. Dort steht seit 1956 das „Mémorial National des Incorporés de Force“, errichtet von der örtlichen l'ADEIF, der Vereinigung von Zurückgekommenen und Angehörigen der meist an der Ostfront Gefallenen, Verschollenen und Toten: 272 Opfer waren es allein im Kanton Obernai. Der Initiator der Foto-Collage selbst stammt aus dem weiter südlich gelegenen Turckheim. Drei Brüder seines Vaters kehrten nicht zurück. In mühevoller Recherche hat er in den Archiven des Deutschen Roten Kreuzes nach ihren Spuren gesucht. Die Gräber seiner Onkel hat er nicht gefunden, aber dafür über 100 andere Fälle aufgeklärt. Darüber ist er langsam zu einem Spezialisten für die Geschichte der Malgré-nous geworden.
Demnächst soll seine Fotowand am Mémorial d’Alsace-Moselle gezeigt werden, wo in Sichtweite des ehemaligen KZ Natzweiler-Struthof die Geschichte der drei ostfranzösischen Départements Bas-Rhin, Haut-Rhin und Moselle zwischen 1871 und 1918 erzählt wird. Das Projekt, dort eine Mauer mit den Namen von 52.000 Opfern des Zweiten Weltkriegs aus den drei Départements zu errichten, war 2017 auf Protest gestoßen: Kein Unterschied wäre erkennbar gewesen zwischen Soldaten beider Armeen, Zivilisten, deportierten Juden, Widerstandskämpfern – kurz: zwischen Opfern und eventuellen Tätern.
Eine alte Wunde ist noch längst nicht verheilt: Beteiligt am Massaker von Oradour-sur-Glane, bei dem 1944 642 Zivilisten – darunter auch evakuierte Elsässer – getötet wurden, waren auch in die SS-Panzerdivision „Das Reich“ zwangseingezogene Elsässer. Ihre Verurteilung im Prozess von Bordeaux 1953 sorgte im Elsass für Empörung. Eine Versöhnung zwischen Elsässern und den Bewohnern der Region Limousin bahnte sich erst vor wenigen Jahren an.
Inzwischen weiß man auch dort von den Repressalien gegen die Familien – und von über 300 Hinrichtungen von Deserteuren: Todesurteilen wegen Ungehorsams. Auf der anderen Seite forscht eine jüngere Historiker-Generation wie Frédéric Stroh an der Universität Straßburg jetzt auch über weitere Gründe, die junge Elsässer in die deutsche Armee trieb. Dass es durchaus manchmal auch die Ideologie war, ist kein Tabu mehr. Man fällt kein moralisches Urteil. Und auch, dass die Elsässer und Moselaner europäische Leidensgenossen haben, fast 12.000 Luxemburger zum Beispiel, aber auch Polen und Slowenen, ist Gegenstand historischer Forschung geworden. Auch dort haben Nachkommen lange um Anerkennung des geschehenen Unrechts kämpfen müssen.