Pfalzgeschichte(n)
„Ich kann nicht nachlassen“: Fotograf Thomas Brenner über sein Demokratieprojekt
Ein Sonntag im Dezember. Vorm Kulturzentrum Blaubär in Haßloch hat sich eine Menschenschlange gebildet. Zumindest wirkt es vom Rathausplatz aus so, an dem es liegt. Beim Näherkommen entpuppt sich die vermeintliche Schlange als Begrüßungskomitee: Dirk Schrader von Demokreativ, einer neuen Haßlocher Initiative für Demokratieförderung, wirbt um Mitstreiterinnen und Mitstreiter einer Aktion, die drinnen über die Bühne geht. Der Kaiserslauterer Fotograf Thomas Brenner hat sie im März 2024 ins Leben gerufen: Brenner lädt seither – wie jetzt in Haßloch – bei Fotoshootings dazu ein, zum Schutz der Demokratie Gesicht zu zeigen.
Dabei ist Thomas Brenner alles andere als ein gewöhnlicher Porträtfotograf: Der gebürtige Westfale und Wahl-Pfälzer studierte Kommunikationsdesign in Essen und hatte unter anderem von 1999 bis 2020 einen Lehrstuhl für Fotografie an der FH in Trier inne. Seine Werke sind detailverliebte Inszenierungen. In Mainz interpretierte er beispielsweise Orte römischer Geschichte mit einer zeitgemäßen und kritischen Betrachtung neu, „um sie stärker in das Alltagsbewusstsein und die tägliche Wahrnehmung der Bewohner und Besucher der Stadt Mainz zu integrieren“.
Internationale Bühne für seine Bildkunst
In einem Wohlfühl-Werk taucht er wie Holz gestapelte Baguettes auf einem Getreidefeld am Waldrand in heimeliges Licht. Dann wieder füllt er in einer Bilderserie metallisch-kühle Leere auf verstörende Weise mit urban-sterilem Leben. Brenner ist Mitglied der Deutschen Fotografischen Akademie (DFA), der Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler (APK) und im Berufsverband Bildender Künstler (BBK) sowie im Vorstand der Pfälzer Sezession.
Er organisiert Ausstellungen mit Künstlern verschiedener Sparten, und auch Einzelausstellungen mit seiner Fotokunst führten ihn quer durch die Pfalz und weit über ihre Grenzen hinaus bis nach Belgien, Tschechien und sogar Indien. 2024/25 war seine Schau „Inszenierte Photographie“ in der „Galerie 4“ in der Stadt Cheb (Eger) in Tschechien zu sehen. Zu den Marksteinen seines Schaffens zählt außerdem die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Stahlbildhauer K.M. Hartmann beim Projekt „Tod des Marat“.
Neben seiner freiberuflichen und künstlerischen Tätigkeit als Fotograf macht Brenner sich seit vielen Jahren durch sein soziales und politisches Engagement mit der Kamera als Kommunikationsmittel einen Namen. Von Inklusion und Integration bis hin zur Demenz-Bewusstseinskampagne reichen die Themenkreise.
„Es ist schön, etwas Sinnvolles zu machen“, formuliert er schlicht seine Beweggründe für die Kampagnen, zu denen auch „Flüchtlinge willkommen“ zählte. 2016 initiierte er diese mit großem Erfolg: Seine großformatigen bunten Plakate mit Fotografien von Menschen, die sich offen zur Willkommenskultur bekennen, fluteten damals geradezu den öffentlichen Raum. Die Resonanz sei riesig gewesen, sagt Brenner rückblickend: „Das entwickelte eine gewaltige Eigendynamik.“
An diese Kampagne, die er mit Grafiker Edgar Gerhards und Internet-Fachmann Stephan Baque startete, knüpft „Demokratie – Akzeptanz – Vielfalt“ an. Bei der Aktion, die ihn im Dezember in den Haßlocher Blaubär führt, hat er die beiden wieder an der Seite. Und Vereine und Initiativen wie Demokreativ, die ihn einladen und die Veranstaltungen vor Ort organisieren. „Wir versuchen, gemeinsam das Verständnis für Demokratie wieder nach vorne zu bringen“, benennt Dirk Schrader die Zielrichtung. Jeder sei dazu eingeladen, sich spontan zu beteiligen. Und an diesem Tag folgen viele Menschen dem Ruf. Drinnen im Blaubär herrscht am späten Nachmittag noch reges Treiben. Gut 80 „Demokratiemodels“ hat Brenner gegen 17 Uhr bereits vor der Linse gehabt, und immer noch stehen Wartende an der Theke. Weiter hinten drücken Akteure von der Initiative Demokreativ Interessierten Papierbögen in die Hand, die sie an Tischen ausfüllen, denn die Fotografierten müssen schriftlich die Freigabe für die Veröffentlichung ihrer Konterfeis erteilen.
Gesicht für die Demokratie zeigen
Sein Stativ hat der Fotograf direkt hinter dem Eingang aufgebaut. In der Mitte des Raums, wo sonst vermutlich der jetzt zur Seite geräumte Billardtisch steht, markieren Leinwände und ein Kreuz auf dem Fußboden den von Scheinwerfern ausgeleuchteten Fotospot. Gerade posiert ein Mädchen frech und selbstbewusst für den 64-Jährigen, der trotz des Treibens um ihn herum ruhig und besonnen agiert. Wenige Minuten – und eine erste Bildauswahl ist im Kasten. Schnell hat die kleine Demokratiefreundin ihr Lieblingsmotiv ausgewählt, während sich eine junge Frau nach ihr nicht so recht entscheiden kann. „Hier sieht mein Zahn so komisch aus“, findet sie.
Nach dem Fotomotiv suchen alle einen passenden Text für ihr Plakat aus. Anregungen finden sich vor Ort: Demokratie-Schützer und -Pfleger zählen ebenso dazu wie Demokratie-Fan, -Hüterin und -Liebhaberin. „Jedem ist es aber freigestellt, eigene Begriffe zu erfinden“, erklärt Brenner. Bestenfalls passt die Wortschöpfung zum Outfit, wie bei dem Plakat des älteren Herrn in FCK-Fankluft mit Fußball, der sich als „Demokratie-Verteidiger“ präsentiert.
Am Ende des Tages wird Thomas Brenner in Haßloch gut 120 Menschen für sein Projekt gewonnen haben. Ein paar Tage später in Alzey werden es wieder rund 125 sein. Stand jetzt hat der Westpfälzer Fotokünstler eigenen Angaben nach an 73 Orten 6518 Konterfeis aufgenommen. Aber Brenner macht es nachdenklich, dass seit gut einem halben Jahr Menschen offenbar zunehmend Angst davor haben, öffentlich für Demokratie einzutreten. Oder zumindest ein mulmiges Gefühl mitbringen, wie er feststellt. „Da muss was im Argen sein. Da ist was am Kippen“, glaubt er. „Das macht mir wiederum extrem Angst. Es ist doch gar keine Bedrohung da. Warum empfinden viele Leute es dennoch so?“ Laut Brenner fehlen vor allem Menschen mit Migrationshintergrund bei der Kampagne. „Als wir im März 2024 damit angefangen haben, sind bundesweit Tausende bei Demos gegen Rechts auf die Straße gegangen. Das hat aufgehört“, sagt er. „Alles rutscht weiter nach rechts.“ Bei Besuchen in Luxemburg werde er inzwischen öfter gefragt, „ob wir Deutschen Europa nicht mehr wollen, ob wir nicht sehen, was da abgeht.“ Ein Grund mehr für den engagierten Künstler und seine Mitstreiter, dranzubleiben: „Ich kann da nicht nachlassen“, betont er. „Ich will nicht das Gefühl haben, ich hätte etwas versäumt.“
Termine
Weitere Fotoshootings sind am 11. Februar in Winnweiler und am 29. Mai in Schifferstadt geplant. Aktuelle Informationen und Termine gibt es fortlaufend hier, Informationen zu Thomas Brenner finden sich hier.