Rock
Ian Gillan zum 80. Geburtstag
„Als ich 1969 bei Deep Purple einstieg, dachten wir alle, niemals so alt zu werden“, erinnert er sich. „Und wenn wir uns dennoch mal ein Alter wie unser jetziges vorstellten, hätten wir zumindest niemals geglaubt, dann noch in einer Rockband zu spielen.“ Nach dem Ausscheiden von Ritchie Blackmore und dem Tod von Jon Lord ist Gillan mittlerweile das älteste Bandmitglied, ein halbes Jahr älter als Bassist Roger Glover. Angesprochen auf das hohe Durchschnittsalter der Band, sagt Gillan: „Wir wurden schon Altrocker, Rockrentner und Dinosaurier genannt. Ich verstehe natürlich, wenn Jüngere das sagen. Ich denk mir dann halt: Fuck you.“
Nicht mehr auf der Bühne zu stehen, ist für Ian Gillan undenkbar. „Die Interaktion mit dem Publikum und mit den anderen Musikern, das ist pure Magie. Ich möchte diese Gefühle nicht missen.“ Deshalb ist es für Gillan, wie für die Mehrzahl seiner Kollegen, auch mit nun 80 Jahren kein Thema, in Rente zu gehen. „Klar, manchmal habe ich schon daran gedacht, alles hinzuwerfen – aber ernsthaft war dieser Gedanke nie, dafür ist die Liebe zur Musik viel zu groß. Außerdem kennt Kreativität keine Rente.“ Man sollte allerdings, so räumt er ein, „abtreten, ehe es peinlich wird und die Menschen nicht mehr wegen der Musik kommen, sondern um einem Mann beim Altern zuzusehen“. Beispiele dafür gibt es genug, so Gillan.
Im Alter weiter fit
John Lee Hooker wurde noch im Greisenalter auf die Bühne geschoben, mit seiner Gitarre auf einen Stuhl gesetzt, von wo aus er regungslos ins Publikum starrte, „I'm in the mood for your love“ grunzte und dafür auch noch einen Grammy bekam. Entwürdigend. Davon aber ist Gillan ebensoweit entfernt wie von den wilden Zeiten, in denen es „nur um leichte Mädchen und schnelles Vergnügen“ ging. Im Gegenteil – seine Stimme ist in den letzten Jahren trotz des Verlusts an Höhe recht stabil geblieben. Von zahmen Alben, schlaffen Shows und einer generellen Altersmilde ist bei dem Sänger nichts zu spüren. Also wird er wohl noch einige Zeit weitermachen und das Zelt mit der Sauerstoffflasche, das bei der Tournee vor zehn Jahren im Bühnenhintergrund zu sehen war, bleibt ein Gag.
„Ich weiß, dass ich nicht mein ganzes Leben lang Lieder über schnelle Autos und Frauen schreiben kann. Heute haben wir unsere Musik erweitert. Seit 1994 Ritchie Blackmore durch Steve Morse ersetzt wurde, ist Deep Purple eklektischer geworden, ein Mix aus Blues, Jazz, Klassik, Folk und Swing. Die düstere Zeit der Ego-Kriege und internen Grabenkämpfe ist vorbei“, sagt Gillan, der sich insbesondere mit Blackmore Kämpfe über die musikalische Ausrichtung der Band lieferte, die bis heute tiefe Gräben hinterlassen haben. „Diese rasenden Streits während der Tour waren in der Tat fürchterlich. Es gab oft keine Gespräche untereinander – so dass eben keine Band mehr auf der Bühne stand, sondern nur noch fünf Individualisten, die sich gegeneinander abmühten.“ Seine Beziehung zum Leithammel Blackmore hat Gillan mit einer „Ehe, die im Krieg endet“ verglichen. „Deep Purple war nie eine Drogen-Band, unser Gift war der Alkohol. Ich habe mich da nicht zurückgehalten und war sogar noch ein größerer Idiot als Ritchie.“
Der Ausstieg auf Zeit
Gillan hat die größten Hits der Band gesungen, aber auch immer wieder mit Deep Purple gehadert, ist zeitweilig ausgestiegen, um sich eigenen Projekten zu widmen, der Ian Gillan Band oder Gillan-Glover. 1983 nahm er mit Black Sabbath das mäßig erfolgreiche Heavy-Metal-Album „Born Again“ auf. Eine erneute Zusammenarbeit hatte er danach stets ausgeschlossen. „Ich leide noch immer an den Kopfschmerzen von damals“, sagt er.
Ian Gillan steht seit 1962 auf der Bühne und löste 1969 bei Deep Purple Frontmann Rod Evans ab. Gemeinsam mit ihm war der Bassist Roger Glover in die Band gekommen, mit dem Wechsel endete die psychedelische Anfangsphase der Gruppe. Leadgitarrist Blackmore setzte konsequent auf Hardrock, eine Mischung aus Pathos und Lautstärke, zu der Gillans ausdrucksstarke Stimme perfekt passte. Der Vokalist hatte nie Gesangsunterricht bekommen, war aber Sopran in einem Kirchenchor gewesen. Und in seinen Eltern hatte er stets Förderer seines musikalischen Talents, auch wenn Sohn Ian nicht in der gewünschten Richtung unterwegs war, war doch sein Großvater Opernsänger. Zumindest seinem Onkel, einem Jazz-Pianisten, näherte sich Gillan an in seiner Liebe zur Improvisation. Und so klingen bei Deep Purple die Songs jeden Abend anders.
Bühnenpräsentation basiert auf Improvisation
„Unsere Bühnenpräsentation basiert auf der Improvisation“, erklärt Gillan das musikalische Konzept. „Wir geben den Songs einen Rahmen, den wir in jedem Konzert neu ausfüllen. So gleicht ein Konzert nie einem anderen.“ Und mit Stolz zitiert er einen Sangeskollegen, den 2007 verstorbenen Luciano Pavarotti: „Pavarotti sagte mal zu mir: ,Ich bin so neidisch auf Dich, Du singst ,Smoke On The Water’ sechsmal und jedes Mal klingt der Song anders. Das ist ganz anders als bei meinen Arien. Wenn ich die nur einmal anders als gewohnt singen würde, würden mich die Kritiker und das Publikum kreuzigen, denn sie erwarten jede Nacht genau das Gleiche.’ Ist das nicht ein wunderbares Kompliment?“ Ian Gillan umschreibt es so: „Im Rock’n’Roll hat man die Freiheit, eine bestimmte Straße immer wieder entlang zu gehen und dabei doch immer wieder andere Schritte zu tun.“
Und das hat Gillan mit Deep Purple mittlerweile in 54 Ländern getan. Und keines der Konzerte endet ohne ihren Welt-Hit „Smoke On The Water“ – reinster Rock’n’Roll. Der ist zwar eigentlich eine Erfindung des Teufels, stellte sich aber auch schon in den Dienst Gottes. „Jesus Christ Superstar“ heißt die Rockoper des damals noch unbekannten Komponisten Andrew Lloyd Webber, die 1970 Frömmigkeit und Hippietum fusionierte. Auf dem Album, das noch vor der Broadwaypremiere herauskam, übernahm Ian Gillan die Hauptrolle und säuselt, sprechsingt und stößt sein berühmtes katzenhaftes Fauchen aus.
Besondere Beziehung zu Deutschland
Da war Gillan noch bei Deep Purple. 1973 stieg er dort aber aus, um eine Solo-Karriere zu starten, kehrte allerdings insgesamt zweimal zu Deep Purple zurück, ohne von seinen anderen Projekten zu lassen. Längst ist Ian Gillan wieder fester Bestandteil dieser Band-Maschine, bei der er von 1969 bis 1973, von 1984 bis 1989 und seit 1992 am Mikrofon steht.
Zu Deutschland hat Ian Gillan eine besondere Beziehung: „Ich habe dort als junger Musiker viel gelernt und Freunde gefunden, die mir bis heute geblieben sind“, erzählte er und spricht dabei sogar noch ein bisschen Deutsch. Wer Ian Gillan und Deep Purple in diesem Jahr noch live erleben will, muss sich auf eine weite Reise begeben, denn in Deutschland stehen derzeit keine Konzerte an. Der Tourplan weist nur drei Auftritte in Tbilisi in Georgien, in Dubai und in Kuala Lumpur aus.