Mannheim
Hoch hinaus: Das neue Museum Peter & Traudl Engelhornhaus
Fritz Wichert war es nicht vergönnt, seinen „Saal der Stadt“ zu verwirklichen. Erst 100 Jahre nach seiner Idee für die von ihm als Gründungsdirektor geleitete Mannheimer Kunsthalle eröffnete Ulrike Lorenz 2018 den lichtdurchfluteten Neubau am Friedrichsplatz. Wichert, 1951 verstorben, hätte er wahrscheinlich gefallen. Und ihm dürfte auch gefallen, was seine Enkelin Susanne, die ihren Nachnamen Wichert erst im vergangenen Jahr durch ihre Hochzeit gegen Hammer getauscht hat, am anderen Ende der Mannheimer Innenstadt vollbracht hat: Als Direktorin der Stiftungsmuseen und Geschäftsführerin der rem gGmbH verantwortet sie den jüngsten Neuzugang, das Museum Peter & Traudl Engelhornhaus. Das Atrium besticht durch eine zehn Meter hohe Decke, klinisch weiße Wände, seine funktionale Nüchternheit. Viel Raum für Kunst.
Dieser „Saal der Stadt“ war nicht ganz so teuer wie der Kunsthallen-Neubau und kostete „nur“ zehn im Vergleich zu knapp 70 Millionen Euro. Aus Ludwigshafener Sicht sind auch zehn Millionen Euro, privat gestiftet aus dem bürgerschaftlich-kunstliebenden Milieu, schlicht schwindelerregend.
Stifterin 2022 verstorben
Fritz Wichert und seine Enkeltochter Susanne Hammer: Das ist nur der eine sich nun schließende Kreis. Traudl Engelhorn-Vechiatto, die Stifterin des Peter & Traudl Engelhornhauses, hat die Einweihung am vorigen Wochenende nicht mehr erleben können. Im gesegneten Alter von 95 Jahren ist die Mäzenin am 22. September 2022 zu Hause in Lausanne friedlich eingeschlafen, 31 Jahre nach ihrem Ehemann Peter, einem Urenkel von BASF-Gründer Friedrich Engelhorn. Bei der Grundsteinlegung im Juni 2019 hatte die betagte Dame spontan und zur Verblüffung der Anwesenden bei Hochsommerhitze Goethes Gingko-Gedicht auswendig rezitiert. Die Corona-Pandemie, die Lieferschwierigkeiten, die archäologischen Funde, die vielen Probleme auf der Baustelle: All das verzögerte die ursprünglich für 2021 geplante Eröffnung, und die Traurigkeit in Susanne Hammers Stimme darüber, dass „die Traudl“ das nicht mehr erlebt hat, ist nicht zu überhören. Aber sie ist getröstet: dadurch, dass die Eröffnung zum 21. Januar geklappt hat, zwei Tage nach dem Geburtstag der Stifterin, an dem sie neben ihrem Mann Peter im Engelhorn-Mausoleum auf dem Mannheimer Hauptfriedhof beigesetzt worden war. In einer Stadt, der die weitverzweigte Unternehmerfamilie in vielfältiger Weise verbunden ist.
Engelhorn und Mannheim
Mit dem Tod von Traudl Engelhorn-Vechiatto schaffte es im Herbst 2022 noch einmal ihre Enkelin Marlene Engelhorn in die Schlagzeilen. Sie hatte schon zu Lebzeiten ihrer Großmutter eine Debatte über die Besteuerung Superreicher angestoßen und angekündigt, ihr künftiges Millionenerbe zu großen Teilen der Allgemeinheit zukommen zu lassen. Was nicht getan zu haben man ihrer Familie nun wirklich nicht vorwerfen kann. Schon Friedrich Engelhorn (1821-1902) hatte zusammen mit seiner Frau Marie eine Stiftung zur Unterstützung bedürftiger Mannheimer Familien gegründet. Die Curt-Engelhorn-Stiftung seines Urenkels (1926-2016), der keine unumstrittene Unternehmerpersönlichkeit war, finanziert Forschungsprojekte an den Reiss-Engelhorn-Museen. Traudl Engelhorn-Vechiatto gründete schließlich 2013 die Brombeeren-Stiftung, auch, um einen Platz für die Ausstellung ihrer Glaskunst-Sammlung zu ermöglichen.In den frühen 1960er-Jahren hatten sich Peter und Traudl Engelhorn für zeitgenössische Glaskunst zu begeistern begonnen. Ein großer Teil ihrer außergewöhnlichen Sammlung befindet sich im Kantonalen Museum für Design und angewandte Kunst der Gegenwart (mudac) in Lausanne. „Bei jeder Neuerwerbung hatten sie Herzklopfen, das hat Traudl Engelhorn immer wieder erzählt“, erinnert sich Susanne Hammer. So heißt nun die Ausstellung in einem der Bereiche des neuen Museums „Herzklopfen“ – sie zeigt das ganze Spektrum dieser Kunstrichtung.
Der Fotograf Horst H. Baumann
Herzklopfen kann man auch bei dem Gedanken daran bekommen, dass vier Wochen vor der Grundsteinlegung des neuen Museums 2019 Fotograf Horst H. Baumann verstorben ist. Er war in jungen Jahren gefeiert und später fast vergessen worden. Seiner Tochter ist es zu verdanken, dass sein Nachlass nun bei den REM einen Platz gefunden hat. In der Ausstellung „Apropos Visionär“ wird ein etwa 400 Werke großer Bruchteil gezeigt. Es sind Zeugnisse der Zeitgeschichte, von Autorennen am Nürburgring, in Spa oder Le Mans, von Volksfesten oder spielenden Kindern, schon in den 50er-Jahren eher künstlerisch inszeniert als journalistisch dokumentierend.
Die Fotografie-Ausstellung ist im Obergeschoss des Neubaus zu sehen, der sich hier ganz organisch mit dem früheren Zephyr verbindet. Selbst für die aus besonders hartem, sogenanntem „blauem“ Beton gebaute Treppe, die sich als unfassbar stabil erwies, konnte eine Lösung gefunden werden. Die neuen Stufen – sie erinnern an Gerhard Richters „Ema (Akt auf einer Treppe)“. Fast alle Wünsche konnten also erfüllt werden. Bis auf einen: Auf Wunsch von Traudl Engelhorn-Vechiatto sollten ein Gingko-Baum und eine Linde gepflanzt werden. Wegen der Wohnbebauung und der Tiefgarage unter dem Toulonplatz war das allerdings unmöglich.