Pfalzbuch RHEINPFALZ Plus Artikel Historischer Roman über Zweibrückens Mennoniten

 Flüchtlingsschicksal: Mennonitenfamilien in Zweibrücken.
Flüchtlingsschicksal: Mennonitenfamilien in Zweibrücken.

Bernd Kaufmanns historischer Roman „Wohin sollen wir ziehen“ erzählt die Geschichte einer mennonitischen Familie, die aus den Vogesen ins Herzogtum Zweibrücken kommt.

Über Mennoniten, über das, was sie glauben und wie sie leben ebenso wie über ihre Geschichte, existiert viel Halbwissen. Einzelne Schlaglichter verdunkeln ein Gesamtbild – wie etwa Berichte von ultrakonservativen Gemeinden aus den USA, denen schon ein Reißverschluss am Kleide als Sünde gilt. Oder die genüsslich ausgeschmückten Erzählungen von Gräueln um die radikal-reformistische Wiedertäufer-Bewegung im 16. Jahrhundert.

In der Pfalz gibt es immerhin das eine oder andere wissende Nicken um die Verdienste jener Glaubensflüchtlinge, die einmal mithalfen, eine von 30 Jahren Krieg verwüstete Landschaft wieder zum Blühen zu bringen. Man kennt die mennonitischen Ansiedlungen um den Weierhof bei Kirchheimbolanden und in der Gegend um Zweibrücken – wo sie noch zu Zeiten des mit der französischen Revolution untergegangen Herzogtums die vollen Bürgerrechte erhielten.

Gründliche historische Recherche

Woher kamen sie? Warum blieben die einen, während die anderen weiterzogen bis nach Amerika? Was auch Stoff für historische Abhandlungen sein könnte, hat Bernd Kaufmann in einen Roman verpackt. Zweibrücker seit 1980, ist er aus dem Osten Deutschlands hier längst ganz angekommen. Und möglicherweise weiß er inzwischen mehr über die Geschichte des Landstrichs ganz im Westen, die ihm zur Heimat wurde, als viele, die schon seit Generationen hier leben.

Gründliche Recherche über die historischen Zusammenhänge gehört ganz gewiss zu den großen Stärken des 426 Seiten starken Romans, der die Geschichte einer mennonitischen Familie erzählt, die das heimatliche Markirch (heute Sainte-Marie-aux-Mines) in den Vogesen verlassen muss: 1715, im Todesjahr des Sonnenkönigs Louis XIV, der mit der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 das Ende der religiösen Toleranz in seinem Königreichs eingeleitet hatte. Unter seinen Nachfolgern tobten im ganzen Land Religionskriege, von denen die deutschen Geschichtsbücher in der Regel wenig erzählen. Aber da waren die Romanfiguren, der junge Jos Stelter und seine Familie, schon wieder unterwegs – nachdem ihre aus der Schweiz vertriebenen Vorfahren im Elsass Zuflucht gefunden hatten. Gern gesehen waren die „Täufer“ auch hier nicht, jetzt aber gewannen allenthalben religiöse Eiferer die Oberhand.

Gewissenskonflikte und Glaubensfragen

„Wohin sollen wir ziehen?“ heißt der Roman. Für Vater Stelter heißt die Antwort: ins Herzogtum Zweibrücken. Dort braucht man tüchtige Landwirte und Handwerker, und dort haben auch schon andere mennonitische Familien verlassene Gehöfte übernommen. Vor dem Hintergrund der Geschichte des Herzogtums in den Jahren zwischen der Regierungszeit von Herzog Karl II., der als schwedischer König Karl X. den Großen Nordischen Krieg führte und der Ankunft von Christian IV. wächst der junge Jos auf, lernt, studiert, heiratet, wird Anwalt – auch seiner Glaubensbrüder.

Bernd Kaufmann packt viel in seine Fiktion, auch Glaubens- und Gewissensfragen. Es geht ums Erwachsenwerden, ein wenig auch um Frauenrechte, um religiöse Toleranz (auch eine schöne Jüdin lebt im Herzogtum!). Manchmal fehlt es ein wenig an der rechten Dramaturgie, um die Spannung aufrecht zu halten. Aber die Schilderung sowohl der historischen Orte und Landschaften als auch der mennonitischen Glaubenswelt – und der allen Religionsgemeinschaften gemeinsamen menschlichen Schwächen – machen das mehr als wett.

Lesezeichen

Bernd Kaufmann: „Wohin sollen wir ziehen“, historischer Roman; verlag regionalkultur; 426 Seiten; 18,90 Euro.

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