Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Hinter den Kulissen: Die Operndiva Brigitte Fassbaender schreibt über ihre Erfahrungen

Ihre berühmteste Partie: Brigitte Fassbaender in der Hosenrolle des Octavian in „Der Rosenkavalier“, hier 1972 mit Karl Ridderbu
Ihre berühmteste Partie: Brigitte Fassbaender in der Hosenrolle des Octavian in »Der Rosenkavalier«, hier 1972 mit Karl Ridderbusch und Gwyneth Jones (rechts) am Nationaltheater München. Foto: Istvan Bajzat/dpa-Report

Sie ist eine der letzten Diven der Opernszene, die noch die große Zeit der klassischen Musik erlebt hat. Als noch monatlich aufwendige Neuproduktionen von Opern-Gesamtaufnahmen entstanden, als es noch im Öffentlich-Rechtlichen regelmäßig Opernübertragungen gab, als noch Montserrat Caballé und Dietrich Fischer-Dieskau auf der Bühne standen: Brigitte Fassbaender, die im Juli 80 Jahre alt wurde, hat unter dem Titel „Komm' aus dem Staunen nicht heraus“ ihre Memoiren veröffentlicht. Ein faszinierendes, lebenskluges Buch – mit einem kleinen Makel.

Der Buchtitel versteht sich von selbst. Ein Zitat aus dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss. Die Oper ihres Lebens. Man muss ja mit Superlativen vorsichtig sein, aber einen besseren Oktavian – diese Hosenrolle für einen Mezzosopran – als Brigitte Fassbaender hat es vielleicht nie gegeben. Sie hat die Rolle überall gesungen. Und überall triumphiert. Vielleicht sogar zu viel, jedenfalls berichtet sie von regelrechten Stalkerinnen, die von ihrer androgynen Ausstrahlung hingerissen waren. Sie selbst lebt seit vielen Jahren mit Jennifer Selby zusammen.

Ein Leben für die Musik. Der Vater der berühmte Bariton Willi Domgraf-Fassbaender, die Mutter die Schauspielerin Sabine Peters. Nicht die einzige Frau des überaus charmanten Vaters, den die Tochter als eine Art sich keiner Schuld bewusster Womanizer schildert. Der Zweite Weltkrieg spielt eine zentrale Rolle. Brigitte Fassbaender hat ihn in der Feuerhölle des bombardierten Dresdens überlebt. Und musste miterleben, wie russische Soldaten ihre Mutter immer wieder abholten. Und vergewaltigten.

Ihre „Winterreise“: Ein jahrhundertereignis

Später folgte dennoch eine Karriere wie aus dem Lehrbuch. In kleinen Schritten. Ausgebildet vom eigenen Vater, nachdem sie die Schule vor dem Abitur abgebrochen hatte, wird sie noch vor Abschluss des Gesangsstudiums an die Bayerische Staatsoper nach München verpflichtet. Sie singt sich hoch, mit kleinen Rollen, Wurzen genannt. Um dann später selbst ein Weltstar zu sein. Vielleicht sogar mehr noch als Liedinterpretin denn als Opernsängerin. Ihre „Winterreise“ jedenfalls war eine Art Jahrhundertereignis. Und für die Mezzo-Partien bei Gustav Mahler kann man sich eigentlich auch keine andere Sängerin vorstellen.

Sie kann von Begegnungen mit Sänger-Legenden erzählen. Und das durchaus auch in witzigen Anekdoten. Etwa von einer Montserrat Caballé, die schluchzend von der Bühne kam: „Ich war so guuuut!“ Oder von dem Wagner-Recken Hans Hotter, der ganze Opern-Titel wie „Boris Godunow“ rülpste, um das Ensemble aufzuheitern. Aber Fassbaender erzählt auch von Übergriffen. Und dann taucht auch der derzeit so heftig umstrittene Placido Domingo auf: Gegen die „Kussszene“ in Massenets „Werther“ in München, die er „jedes Mal triumphierend ausnutzte“, habe sie sich „nicht wehren können“. Die Art und Weise, wie sie von der ungarischen Dirigenten-Ikone Georg Solti im Kino befummelt worden ist, bezeichnet sie als einen „krassen Fall von Machtausnutzung“.

Am Ende ist der Leser um einige Illusionen ärmer

Man ist am Ende des Buches schon um einige Illusionen ärmer. Wobei die Passagen über ihre Karriere als Regisseurin und dann als Intendantin in Innsbruck aus Pfälzer Sicht fast am spannendsten sind. Von 1999 bis 2012 war Brigitte Fassbaender Intendantin des Tiroler Landestheaters in Innsbruck. Eine überaus erfolgreiche Zeit für das Haus. Ihren Nachfolger, den ehemaligen Intendanten des Kaiserslauterer Pfalztheaters, erwähnt sie im ganzen Buch nie namentlich. Johannes Reitmeier folgte auf Fassbaender, in deren Biografie er nur als „versierter Theatermann mit langjähriger Intendantenerfahrung“ auftaucht. Dann aber wird es nachgerade ein wenig schmutzig. Sie schildert, wie Reitmeier seine Amtszeit vorbereitete, in einer Art und Weise, die irritiert. „Natürlich wurde der Nachfolger … hofiert und umworben. Aber das Maß der Liebedienerei auf beiden Seiten überstieg das, was ich mir vorgestellt hatte.“ Man versteht, zumal wenn man Reitmeier in Kaiserslautern kennengelernt hat, diese Verbitterung irgendwie nicht. Zumal, wenn sie sich dann auch noch zu folgenden Sätzen hinreißen lässt: „Es gibt einen rüden, bezeichnenden Ausdruck für derlei Verhalten, ich erspare ihn mir. Aber man kroch gewaltig ...“

Schade eigentlich. Eine so kluge Sängerin, die genau wusste, wann sie ihre Bühnenkarriere beenden musste, konnte offensichtlich als Intendantin nicht loslassen.

Lesezeichen

Brigitte Fassbaender: „Komm' aus dem Staunen nicht heraus“; Memoiren; C.H: Beck; 381 Seiten; 26,95 Euro.

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