Kinderspielkunst RHEINPFALZ Plus Artikel Herzpiksend bei der Biennale in Venedig und zuhause: Das Archiv der Kinderspiele von Francis Alÿs

Aus dem Archiv der Kinderspiele von Francis Alÿs: Ein Junge lässt seinen Drachen steigen, in Balkh, Afghanistan, im Jahr 2011.
Aus dem Archiv der Kinderspiele von Francis Alÿs: Ein Junge lässt seinen Drachen steigen, in Balkh, Afghanistan, im Jahr 2011.

Im belgischen Pavillon bei der Venedig-Biennale sieht man jetzt immer wieder Menschen sitzen, ganz beseelt. Träumerisch, versunken, ein Lächeln im Gesicht. Draußen, die böse Welt. Auf Leinwänden und Bildschirmen drinnen: Kinderlachen. Jungs, die im irakischen Mosul Fußball mit einem imaginären Ball spielen. Im schweizerischen Engelberg ist eine Schneeballschlacht in Gang. Auf der Straße in Kathmandu, Nepal, versuchen Mädchen in grünen Schuluniformen einen tennisballgroßen Laubblätterknäuel kickend in der Luft zu halten, so oft es nur geht. „Forty-nine, Fifty“, 49, 50, sie zählen auf Englisch. Dann klingelt sie die Schulglocke fort.

Im Pajottenland, Provinz Flämisch-Brabant, sitzen flachsblonde Kinder um einen Kreidekreis. „Allez la bleu“, ein Schneckenrennen, das hier Slakken heißt. Die blaue und die grüne gleich auf. Im Schlussbild rinnsalt blaue Wasserfarbe im prasselnden Regen von der Siegerschnecke. Der Künstler Francis Alÿs aus Antwerpen, der den belgischen Pavillon bespielt im wahrsten Wortsinn, ist der poetische Aktivist unter den Performancekünstlern. Ein Asphalt-Artist. Ein Atelier braucht er nicht. So zog er einmal einen Eisblock durch die Straße von Mexiko-Stadt, wo der 63-jährige seit Jahrzehnten lebt und arbeitet – bis der Quader nach neun Stunden geschmolzen war.

In London ließ er einen Mann mit einen Drum-Stick, die Zäune verschiedener Viertel spontanmelodisch betrommeln, eine Klangsoziologie. Er führte einen selbstgebauten magnetischen Spielzeughund auf Rollen an der Leine durch seinen Mexiko-Stadt-Kiez und hatte zum Schluss ein metallisches Tagesporträt an der Hand. 2002 in Lima halfen ihm 500 Freiwillige eine Sanddüne von einem halben Kilometer Länge um exakt zehn Zentimeter zu versetzen. Ein Sinnbild für die Aussichtslosigkeit im lange von einer Diktatur beherrschten Peru.

Sternenflug mit Drachen

Zudem sind Kinderspiele zentrales Element im Werk des vielreisenden Alÿs, der bevor er Künstler wurde als Ingenieur bei Hilfsprojekten unterwegs war. Für eines seiner Hauptwerke, produziert für die Kasseler Documenta 13, etwa filmte er einheimische Kinder, die Filmrollen durch Kabul rollten. „REEL UNREEL“, nannte er das Werk, das metaphorisch davon handelte, wie sich Afghanistan nach und nach zu einer westlichen Fiktion verwandelt hat. Das Vorbild für das Spiel an sich findet sich in dem Film-Archiv mit Kinderspielen, das Francis Alÿs seit 1999 führt und jetzt in Venedig so berührend ausstellt. Aber auch im Netz, für sich allein in – sagen wir - Münchweiler an der Rodalb, lässt sich Jungs dabei zusehen, wie sie auf einer staubigen Piste im afghanischen Bamiyan wettrennend Mopedreifen mit einem Stock neben sich hertreiben. Oder wie ein Mädchen durch die Hektik Honk Kongs hüpft und schaut, dass sie auch ja die Zwischenräume der gelben Streifen des Fußgängerüberwegs trifft und ja nicht die Fugen der Bodenplatten berührt. Wie ein Junge aus Balkh, Afghanistan selbstgebastelten Drachen steigen lässt, hochkonzentriert, als wäre er unterwegs zu den Sternen, währenddessen über ihm ein Militärhubschrauber kreist. Es ist das Jahr 2011, und unwillkürlich fragt man sich, was aus ihm wohl geworden ist. Unvermeidlich auch, die Rückerinnerung an die eigene Kindheit. Wie sich die Spiele gleichen. „Die Reise nach Jerusalem“ wird auch in Oxaca, Mexiko, gespielt. Auch im Irak übt man sich im Bockspringen, die Murmeln purzeln in Amman, Jordanien, über die Straße und wie am Gelterswoog lässt man auch in Tanger Steine übers Wasser tanzen.

Beklemmend, die Unschuld, mit der die Jungs in Ciudad Juarez, Mexiko, in Hausruinen mit Handspiegeln Krieg spielen – und wenn sie von Reflexionen getroffen werden, theatralisch zu Boden sinken. Wie sich die Zeit eingeschrieben hat in das wohl schon immer dagewesene Fangen. In Malinalco, Mexiko, stecken Fänger, die, die sie ticken, quasi an. Als Zeichen tragen sie fortan etwas Rotes. Gewonnen hat, wer als letztes übrig bleibt. „Contagio“ nennen die Kinder das Spiel auf einer Sandwüste, „Pandemie“ in Hong Kong, wo auf einem Hochhausdach gespielt wird. Auf Schultern tragen sie den letzten „Nichtinfizierten“ davon. Absolut herzpiksend aber der Junge, der barfuß einen Autoreifen, den er kaum überragt, den monumentalen Steinberg einer Kobaltmine in Lumbashi in der Demokratischen Republik Kongo hochrollt, unverdrossen. Meter um Meter. Er läuft ewig.

Kleiner König des Moments

Ein phänomenales Bild, wie er inmitten der Steinhalde steht. Oben angekommen, windet er sich in den Reifen und lässt sich den Berg wieder herunterrollen. Eine Kamera fängt sein breites Lachen ein. Andere Kinder versuchen jubelnd Schritt zu halten. Unten angekommen, fängt er wieder von vorne an. Ein glückseliger, glücklich machender Sisyphos.

Im Netz

„Children’s Game“ von Francis Alÿs unter: www.francisalys.com

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Kinder in Tabacongo, in der Demokratischen Republik Congo, beim Kisolo, das bei uns mit einem Brett gespielt wird und Steinchenspiel heißt, im Englischen Kalaha. 2021
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