Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Helikopter-Sex und Forellenquintett: Florentina Holzingers Ophelia-Tanzperformance bei den Festspielen

Ophelia, entfesselt: Szene aus der vielfach ausgezeichneten Inszenierung.
Ophelia, entfesselt: Szene aus der vielfach ausgezeichneten Inszenierung.

„Ophelia’s Got Talent“: Die phänomenale Wasser-Party der Radikalperformerin Florentina Holzinger bei den Festspielen im Pfalzbau hilft der klassischen Duldergestalt mit Schiller und Ed Sheeran auf – unten ohne und mit kulturkritischen Tauchgängen . Ein feministischer Stunt und ernster Riesenspaß. Einen kleinen Skandalauftritt gab es auch.

Vielleicht die Nicht-Nachricht vorneweg: Das drohend im Pfalzbau aufmarschierte Quintett der Sanitäter- und -rinnen musste nicht einschreiten. Alles gut. Das heißt, seit „Sancta“, Florentina Holzingers als „Sex Oper“ (Bildzeitung) skandalisierter Inszenierung des Hindemith-Werks dieses Jahr in Stuttgart, sind medizinische Bulletins in ihrem Fall zum Nebenfach der Kritik geworden.

Einflussreichste Künstlerin des Jahres: Florentina Holzinger erhielt wegen ihrer Stuttgarter „Sancta“-Choreografie Mordrohungen.
Einflussreichste Künstlerin des Jahres: Florentina Holzinger erhielt wegen ihrer Stuttgarter »Sancta«-Choreografie Mordrohungen.

„In der Oper gewesen, gekotzt“ , schrieb die FAZ zu „Sancta“. Und zählte die Zuschauenden, die bei der Radikalversion einer heiligen Messe wegen Übelkeit und Kreislaufschwäche betreut werden mussten, drei sogar von Ärzten. Und weiter so. Und egal, ob das stimmt. Holzinger, vom Kunstmagazin „Monopol“ gerade zur „einflussreichsten Künstlerin des Jahres gekürt“, hat ob ihrer scheinbaren Blasphemie Morddrohungen erhalten.

Türsteher präsidierten den Einlass bei „Sancta“-Wiederaufführungen. Im Pfalzbau am Freitagabend derweil war die Gefahr, versehentlich in die Schlange für das 3. Abokonzert der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz im Konzertsaal zu geraten, das gleichzeitig stattfand. Titel, „Donnerwetter“, unter anderem stand „Don Juan“ von Richard Strauss auf dem Programm, derweil es auf der großen Bühne um eine der klassisch ohnmächtigen weiblichen Opfergestalten ging.

Nackt, eh!

Die Ewigkeitsdulderin Ophelia, abgelegte Heimlichgeliebte von Shakespeares „Hamlet“, die sich „schwer getrunken, das arme Kind von ihren Melodien / hinuntergezogen in den schlammigen Tod“. Ätherisch schwebt sie auf John Everett Millais’ Berühmtbild aus dem Jahr 1852 wie gekreuzigt (!) in einem Blumenmeer im Wasser. Still leidet sie vor sich hin. Natürlich war man und Mensch gespannt, wie die österreichische Radikalperformerin dieser Antiheldin jeder feministischen Bestrebung auf den Leib rücken würde.

Nackt, eh, das dauerhafte Blankziehen ihrer Akteurinnen und ihrer selbst, ist so etwas wie Holzingers Markenkern, von ihr abwechselnd begründet als eine Art Uniform oder mit der Kostenersparnis beim Budget. Dazu, auch klar, ihr Hochkultur-Trash-Mix aus Quentin Tarantino („Pulp Fiction“), Blut-Zermonienmeister Hermann Nitsch, Anarcho-Chef Christoph Schlingensief. Oder Elementen der riskanten Aktionen von Performancekünstlerin Marina Abramovic, die einmal beinahe dabei erschossen worden wäre.

RTL für Intellektuelle

In „Tanz“, Holzingers Tanzperformance, die 2021 bei den Pfalzbau-Festspielen gastspielte, jedenfalls ließ sich eine Künstlerin an in den Rücken getriebenen Metallhaken in den Theaterhimmel ziehen. Bei „Ophelia’s Got Talent“ pierct sich Xana Novais einen Angelhaken in die Wange und diverse, in Körperöffnungen gefilmte Innenansichten sind auf den zwei Bildschirmen am Bühnenrand zu sehen. Das war’s dann aber auch an augenscheinlich mulmigen Momenten. Vor allem ähneln die Stücke sich in ihrer Dramaturgie.

In „Tanz“ eskaliert eine Ballettstunde orgiastisch. Jetzt in dem 2022 an der Berliner Volksbühne uraufgeführten, dort 50 Mal hintereinander ausverkauften, 2023 zum Berliner Theatertreffen eingeladenen und dem Faust-Award als beste Tanzperformance ausgezeichneten Stück, zeigen in den Theatersaal eingespielte Filmaufnahmen, wie ein weiblicher „Captain Cook“ per Helikopter in Ludwigshafen einschwebt. Oben Piratendress mit Hut, unten ohne. Starke Zahnfäule. Die Animateurin und Moderatorin einer im Schrägen ufernden, inklusiven Ophelia-Supertalent-Show und weiblichen Selbstermächtigungserzählung. Ufernd im Übrigen nicht ohne Grund.

Eintauchen in mythische Wasserwelt: „Ophelia’s Got Talent“.
Eintauchen in mythische Wasserwelt: »Ophelia’s Got Talent«.

Denn das symbolische Trägermedium der schrillen Party ist das Wasser, von jeher ein existenziell-kulturgeschichtlich aufgeladenes, flüchtiges Element. Sinnbild für Anfang und – siehe Ophelia – Ende, bevölkert von fatalen Sirenen, Wasserfeen, halbgöttlichen Undinen und ihrer Sexualität beraubter Meerjungfrauen. Der fluide Gegenstand von Philosophien („alles fließt“, Heraklit), Dichtungen wie Schillers „Taucher“, Musik von Schubert („Forellenquintett“) und George Gershwin („The Man I Love“), Aqua-Musicals und Jean Genets und Rainer Werner Fassbinders Matrosenepos „Querelle“ , Balletten wie John Neumeiers „Little Mermaid“ – Referenzen, die Holzinger alle locker flockig heranzitiert, anspielt und sich halbernst anverwandelt. Das Ganze, mehr parodistische Revue und Schwerkraftüberwindung als herkömmlicher Tanz. Ein riesiger Überwältigungsspaß mit kulturkritischen Tauchgängen. Die Bühne von Nikola Knezevic siedelt im technischen Schwerlastgrenzbereich.

Kinder an der Macht

Dreigeteilt, im Vordergrund drei Stühle auf dem die Jury – die Fernsehberühmtheit Inga Busch unter anderem – Platz nimmt, ein riesiger Pool mit vier Bahnen in der Mitte, im Hintergrund ein riesiges Bassin im Breitwandformat. Rechts vorn steht noch ein wassergefüllter Kubus, den über längere Strecken eine breitbeinig abgetauchte Jägerin mit Harpune besetzt. Per Livecam wird alles auf die Bildschirme übertragen. Das Stück selbst ist eine Talentshow zuerst, mit der Schwertschluckerin Fibi Eyewalker, schwereloser Cirque-du-Soleil-Pole-Dance-Artistik von Sophie Duncan, Zoran Schemm, eine Ikone des inklusiven Berliner RambaZamba Theaters bewegt sich zu „Ich war noch niemals in New York“ in gedankenverlorenen Abbreviaturen von Gene Kellys Regentanz. Eine Entfesselung unter Wasser geht scheinbar schief. Dann öffnen sich die mythischen, von Männerfantasien durchgeisterten Wasserwelten, durch die die Akteurinnen gleiten. Matrosinnen persiflieren Mackerposen, in Hemden, Vulva-frei, verwandeln sie den „Sailor’s Dance“ in eine Stepptanz-, Schuhplattler- und Stunt-Nummer. Eine große Feier der Körper-Positivität, voran die kleinwüchsige Saioa Alvarez Ruiz, die eine fast aggressive Präsenz ausstrahlt, wofür sie 2023 mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet worden ist. Herrlich Ihre Magic-Mike-Striptänzer-Version mit Klo-Pömpel. Im letzten Teil kippt das Geschehen in eine Sexfantasie. Ein Helikopter wird vom Bühnenhimmel gelassen, bestiegen und orgiastisch berammelt. Ergebnis, eine Aliengeburt. Zum Schluss übernehmen – ein ambivalenter Moment – Kinder auf dem Schlachtfeld Bühne als „die Zukunft“ die Macht. Am Ende singen alle zusammen Ed Sheerans „Bad Habit“ (auf Deutsch Unsitte). Es regnet Plastikflaschen. Das große Bassin im Hintergrund hat sich bedenklich eingetrübt. Auftritt der Talentwettbewerbssiegerin, sie ist vielleicht acht. Eine Ophelia, die alles Bessere noch vor sich hat. Der Rest ist stürmische Publikumsfeier.

Ende der Diskussion

Vielleicht eine letzte Meldung noch. Ein kleiner Skandalauftritt, hingelegt von einer Performerin aus Holzingers Ensemble, der das Publikumsgespräch mit Intendant Tilman Gersch im Anschluss an die Aufführung beendete. Sie pinkelte vor der Bühne in ein Sektglas, das sie der perplexen Choreografin überreichte. Sanitäter wurden aber auch hier nicht gebraucht.

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