Alte, weiße Männer
Helden, die keiner braucht: Eine Verteidigungsschrift von Norbert Bolz
Im Netz firmiert Norbert Bolz gern als rechts außen Anschluss suchende „Reizfigur“ und auf letzte Erkenntnisse abonnierter Philosoph. Als einer, der „die Wahrheit in einem Satz“ verbreitet. Merksätze, die auf Widerspruch spekulieren und den „gesunden Menschenverstand“ haushoch halten. Sachen wie: „Was anders ist als 68: Die Extremisten sind an der Macht.“ Es ist eine streberhaft widersprechende Inbrunst, die sich bei dem in Ludwigshafen geborenen Ex-Professor der TU Berlin durchpaust. Jetzt hat er sie auf ein Buch ausgeweitet, das durch und durch erstaunlich ist. Erstaunlich für jemand, der Medienwissenschaft gelehrt hat und einmal als „freier und gewitzter Denker“ mit breiter Fanbasis galt. Sein Werk ist bewusst für einen sozial-medialen Kot-Hagel prädestiniert. Und auf Zuspruch angelegt, der einem auch unangenehm sein kann.
Das große Vorbild heißt Thilo Sarrazin
Vier Mal nimmt Bolz Bezug auf den früheren Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Finanzministerium und Ex-SPD-Mann Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“), den er sichtlich für seine Haltung bewundert. „Im Fall Sarrazin“ schreibt er, „sind die politische Elite und die mit ihr verbündete Medienlinke daran gescheitert, den gesunden Menschenverstand der Menschen da draußen zum Schweigen zu bringen.“ Sein eigenes Werk „Der alte weiße Mann“ stellt eine Art Sarrazinisierung der Sündenbock-Debatte dar – geschrieben auch für die da draußen. Es geht um die Generation der über Fünfzigjährigen.
Leute mit Silberhaar und XY-Gensatz, die, wie nicht wenige glauben, alles verbockt haben, was zu verbocken war – von den Geschlechterbeziehungen über die Rente bis zum Klima. Für ihn, Bolz, hat ihr die Welt alles Gute zu verdanken.
Verzeihung, aber nur Männer sind Genies
Alte weiße Männer = Genies, ein Status, den, so er, Frauen nachweislich der „Glockentheorie“ überhaupt nicht erreichen könnten. Alt jedenfalls bedeute Tradition, Erfahrung, Konservativismus, Normalität, eine disziplinierte Lebensführung. Weiß, für Bolz sind damit die „europäische“ Rationalität, technische Naturbeherrschung, ein rationaler Kapitalismus und Universalismus der Menschenrechte verbunden. Mit männlich Mut, Risiko und Selbstbeherrschung, Freiheits- und Wettkampf, Stolz und Exzellenz. Alte weiße Männer, alles Helden. Seine in die drei Begriffe gegliederte Polemik liest sich vor allem im letzten Teil, der die Dominanz als „Inbegriff der Männlichkeit“ feiert, wie eine Parodie. Und während vor Jahren, angesichts der Flüchtlingsdebatte, noch über die „Radikalisierung“ des produktiven Autors und Denkers gemutmaßt wurde, wirkt er inzwischen wie entkoppelt.
Im Krieg der Hysteriker gegen das Normale
Bolz, Jahrgang 1953, der Sohn eines Chemotechnikers, promoviert über die Ästhetik Adornos, dreht scheinbar völlig frei. Dabei fühlt er sich in seiner neuen Verteidigungsschrift im „Krieg der Hysteriker gegen das Normale“ verwickelt. Und nicht nur, dass ihn verrückt gewordene Rot-Grüne regieren, deren „weichgespülte“ Sprache „alle deutschen Politiker sprechen“ – alle, steht da wirklich –, sondern er wird auch von einer Vielfach-Tyrannei drangsaliert.
Der Tyrannei der „gut organisierten Minderheiten“, in der „Schüler und Studenten das Gendern lernen müssen, so wie man die Sprache einer Besatzungsmacht lernt, um durchzukommen“. Der „Tyrannei der gefühlten Mehrheit“, wie er weiter schreibt, der „Tyrannei der Überempfindlichen und Neurotiker“, der „Tyrannei der Wehleidigen“ noch, einer „Öko-Diktatur“ und „Sprachdiktatur der Politischen Korrektheit“, kontrolliert von einem „linken Moralbonzentum“, „kulturellen Taliban der westlichen Welt“, journalistischen „Meinungssoldaten“ in den „Mainstreammedien“ und öffentlich-rechtlichen Massenmedien, die „als Organe der Gesinnungskontrolle“ fungierten. Seltsam nur, dass diesen wirkmächtigen Instanzen der rege Teilnehmer von Talkshows, SWR- und Zeitungsautor und gefragte Interviewpartner Norbert Bolz entgangen sein soll. Jetzt weiß er aus der Innenschau von Casting-Agenturen zu berichten, die Hartz-IV-Empfänger und alleinerziehende Mütter für Talkshows bereithalten, deren „sorgfältig aufbereitetes Leiden“ dann „von der Lazarettpoesie des Fernsehens in eine Selbstanklage der modernen Gesellschaft verwandelt“ werde.
Die Versklavung zu einer ungewollten Sprache
In den Medien, meint der frühere Professor am Institut für Sprache und Kommunikation, „werden die Menschen durch eine Sprache versklavt, die als die der unwiderruflichen Mehrheit auftritt, in Wahrheit aber von gut organisierten Minderheiten lanciert wird.“ Und um einmal vom Fachlichen zu sprechen. Die „Theorie der Schweigespirale“ von Elisabeth Noelle-Neumann, die verkürzt besagt, dass eine – via Mediennutzung – quasistatistisch erfühlte Mehrheitsmeinung zu einem moralisch aufgeladenen Thema alle anderen Meinungen dazu monopolisiert und zum Schweigen bringt: Für ihn, der sich als „freier“ Mann „einen Namen macht“, ist sie immer noch so intakt, wie Anfang der 1970er-Jahre, als sie formuliert wurde. So, als habe es das Internet, die sozialen Medien, die Echokammern nie gegeben, in denen sich alle versichern, dass ihre, die einzig wahre Meinung ist. Als habe selbst Jürgen Habermas seinem Klassiker „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ nicht zuletzt einen neuen Dreh eingeschrieben. Wenn es ihm passt, mimt Bolz den Unzeitgemäßen, der fassungslos die Gegenwart vermisst.
Schämt euch, Geschiedene und Nichtraucher
Politisch verortet er sich als „Anhänger des rechten SPD-Flügels, der immer noch gleich denkt wie vor 20 Jahren. Sein Weltbild jedoch verharrt deutlich in vorüber geglaubten Zeiten. Seit sich die „klassisch asymmetrische Arbeitsbeziehungen“ wie „Arzt/Krankenschwester und Chef/Sekretärin“ aufgelöste hätten, sei das „Gefühlschaos am Arbeitsplatz genauso groß wie zu Hause“, analysiert er. Bei Identitätspolitik, Herkunftsfragen und ihren Zuschreibungen und Folgen, geht es für ihn „im Kern“ um „psychische Probleme, denn „ein normaler Mensch weiß, wer er ist.“ Homosexualität, für den Vater von vier Kindern, ist sie krank, abnormal, eine Neurose, die „Umwertung“ in eine „bunte Identität“, die vermarktbare „Chance auf persönliches Unglück“ .
Schwule, Lesben, non-binäre und Transgender-Menschen, Antifa, Klimaaktivisten und Multikulti, meint er, dürften sich frei entfalten, „während eine intolerante Minderheit streng darüber wacht, dass an ihrer Herrschaft keine Kritik“ geübt werde. „So“, heißt es dann, „wird das Pathologische normalisiert und das Normale als pathologisch stigmatisiert.“ Und um noch eins drauf zu setzen: „So sind praktizierte Homosexualität, die früher ein Straftatbestand war, und Scheidung, die früher ein Grund für Scham und Peinlichkeit war, heute souveräne Lebensentscheidungen – also völlig entmoralisiert“. Umgekehrt würden „frühere Selbstverständlichkeiten wie das Rauchen oder Fleisch essen“ heute moralisiert. Schwul, geschieden, nichtrauchender Vegetarier, ungefähr so sieht also für ihn der Gottseibeiuns der Normaldenkenden mit gesundem Menschenverstand aus. Abstruser wird es nur noch, wenn sich der ehemalige Politikberater der CDU im letzten Kapitel der Männlichkeit zuwendet.
Die Zähmung durch die Frauen schreitet voran
Atemraubend, was Bolz über Männer und Frauen schreibt. Es lässt den Flachwitz-Comedien Mario Barth als fundamentalistischen Feministen erscheinen. „Die Männer dominieren die Frauen, die Frauen domestizieren (also zähmen, oder verhäuslichen, Anm. der Redaktion) die Männer“, das sei die „Ultrakurzgeschichte der Zivilisation“, so in dem Dreh. „Der Mut zum freien, riskanten Denken ist männlich.“. „Männlich ist die Selbstbehauptung, nicht die Diskussion.“ „Ich riskiere, also bin ich. Männlich ist der Wille zum Risiko“ „Im Rausch der Geschwindigkeit und über dem Abgrund erreichen Männer wieder ihre archaische Erlebnisschicht. Am liebsten würde Mann sich bei der Lektüre noch „Old Spice“ auftragen und Testosteron nachschießen: „Männer sind Jäger, die man nicht mehr braucht. Und deshalb brauchen sie Sport als Asyl der Männlichkeit. Das ist eine genaue Reaktionsbildung darauf, dass die Zivilisation als Zähmung durch die Frauen voranschreitet.“ Kein Vergleich ist ihm zu verschoben, um die toxisch aus den Fünfzigerjahren gekippte Geschlechterbeziehung zu beschreiben.
Sex gegen Ressourcen, so läuft das nun mal schon immer
„Nach der Entnazifizierung“, schreibt er, „kommt jetzt die Entmachoisierung, die Verwandlung des Mannes in ein sorgendes Haustier.“ Letztlich gehe es hier um die Ausrottung von Stolz und Ehrgeiz durch immer neue Zumutungen. Er schreibt: „Männer sollen fürsorglich werden und im Haushalt mitarbeiten, Frauen sollen das Sexualverhalten imitieren und ihren Mutterinstinkt verdrängen. Männer sollen für die Kinder sorgen, die die emanzipierten Frauen – kaum mehr – gebären. Männer werden von der Politischen Korrektheit auf weich und sensibel, Frauen auf kalt und berechnend programmiert. Jungs sollen sich wie Mädchen verhalten. Es geht also um die Entwertung der Männer, der Frauen und speziell der Mütter.“ Die Fünfte Kolonne des Feminismus sei der effeminierte, also verweiblichte Mann. Gut, so Bolz selbstgewiss, dass dieser Typus von den Frauen gar nicht gemocht werde.
„Frauen“, behauptet er, bevorzugten „Männer, die nicht wie Frauen sind“. Sie verachteten Männer, „die es nicht schaffen, in ihrer Lebenswelt Respekt zu verschaffen“. Sie möchten Männer, die „karriereorientiert, fleißig und ehrgeizig“ sind. „Männer konkurrieren miteinander, weil Frauen Männer wollen, die von anderen Männern respektiert werden“, so das Fazit des Urschrei-Paartherapeuten. Und dann kommt es noch: „Denn evolutionstypisch tauschen Frauen Sex gegen Ressourcen, während Männer Ressourcen gegen Sex tauschen.“ Danke für die Aufklärung. Danke für nichts. Wer noch nicht wusste, dass Klischees über den alten, weißen Mann auch stimmen können, weiß es jetzt. Tausche Bolz gegen das Buch von jemand, der uns Schimpf und Schande an den Hals wünscht.
Lesezeichen
Norbert Bolz: „Der alte, weiße Mann. Sündenbock der Nation“; Lange-Müller, München, 256 Seiten, 24 Euro.