Kunst und Corona RHEINPFALZ Plus Artikel Heilmittel Kunst: Die Karlsruher Schau „Systemrelevant? Dass und wie wir leben“

Aufgelöst: Leiko Ikemuras „Fuku“ (Ausschnitt) aus dem Jahr 2012. Ein Sinnbild für die Naturkatastrophe in Fukushima.
Aufgelöst: Leiko Ikemuras »Fuku« (Ausschnitt) aus dem Jahr 2012. Ein Sinnbild für die Naturkatastrophe in Fukushima.

Die Kunsthalle Karlsruhe kombiniert für die Ausstellung Hochkaräter aus dem eigenen Bestand, von Dürer zum Beispiel und Rembrandt, mit Statements von Schülerinnen, Bankern, Erzieherinnen, Soziologen zum Ausstellungsthema. Einen „Zwischenruf“ nennt Direktorin Pia Müller-Tamm die spontan installierte Schau. Sie lehrt auch, dass fast alles vorübergeht.

Gebeugt schleppt er sich dahin, ein Bild zum Herzerbarmen: Auf Francisco de Goyas Zeichnung trägt ein Mann einen Toten auf den Schultern. Totale Trostlosigkeit in Brauntönen, entstanden ist das Werk des Spaniers zwischen 1815 und 1820. Nach den Napoleonischen Kriegen, Hunger herrscht, das große Sterben – es ist in dieser Zeit sozusagen systemimmanent. Viele dieser großartigen Sinnbilder existenzieller Krisen hängen jetzt in der Karlsruher Kunsthalle. Auf Abstand.

Druckgrafik, Gemälde, Plastiken. 30 Werke insgesamt, aus dem Spätmittelalter bis zur Gegenwart, die die Singularität des derzeitigen Ausnahmezustands relativieren, im Sinne von: Das war auch – gewesen. Ist vorübergegangen. Und dazwischen haben die Kuratorinnen Leonie Beiersdorf und Dorit Schäfer Zitate von Gegenwartsmenschen zum Zentralbegriff der Corona-Pandemie an die Wand gepinnt: Systemrelevanz.

Zusammenhänge erschließen sich oft erst im Nachhinein

Ein rätselhafter Mix erst einmal, Gerhard Richters „Stadtbild F“, typisch unscharf, ein Gemälde nach einer Luftaufnahme von München, das darauf aussieht wie das kriegszerstörte Dresden. Und das Diktum des Soziologen Harald Welzer: „Kunst ist in der Krise nicht systemrelevant.“ Max Beckmanns Armut- und Angst-Apokalypse „Die Nacht“, 1922. Und wie der Schriftsteller Ingo Schulze die Bedeutung von Kunst danach bemisst, wie es ihr gelingt, „die Unsichtbaren immer wieder sichtbar zu machen“. Sinnfällige Resonanzen erschließen sich manchmal erst später.

Auf Dürers Mischtechnik „Christus als Schmerzensmann“ (1492/93) blickt selbst der Gottessohn ultimativ verzagt. Die Dornenkrone auf, blutend, sein Kopf liegt schwer in seiner Hand. Im Goldgrund, mit Nagelpunzen eingeschlagen, wird eine Eule attackiert. Von zwei Vögeln. Ein Symbol für unschuldige Verfolgung. Das Unglück, das sich in Leiko Ikemuras Aquarell „Fuku“ eingeschrieben hat, indes ist menschengemacht. Die Frau darauf völlig aufgelöst – in giftige Pastellfarben. Eine Reaktion der japanisch-schweizerische Künstlerin auf die Atomkatastrophe in Fukushima, damals, im März 2011.

Der Mensch statt das System

Auch der Begriff der Systemrelevanz hat einen geschichtlichen Hintergrund. Aufgekommen in der Finanzkrise – als Prädikat der Banken, die es zu retten galt. Jetzt sind plötzlich Krankenpfleger/innen, Supermarktkassierer/innen und Paketfahrer/innen systemrelevant. Berufe, interessanterweise, die Anwesenheit notwendig machen. Wo doch die quasi körperlose Digitalisierung als Allheilmittel gilt. Auffällig auch, wie oft der Begriff systemrelevant in den Karlsruher Statements als ungenau, verfehlt oder spalterisch abgelehnt wird – gerade auch von Menschen, auf die er zutrifft.

Über die Relevanz seiner Tätigkeit habe er sich nie Gedanken gemacht, sagt so ein Mediziner. „Wie erkläre ich Menschen mit Behinderung, dass ihre Arbeit in der Werkstatt nicht systemrelevant, also verzichtbar ist?“, fragt eine Lebenshilfe-Mitarbeiterin.

„Ich mache nur Kunst“

„Menschen sind wichtiger als Systeme und nicht andersrum“, erklärt ein Filmproduzent in diesem Sinn. „Wir leben in vielen Systemen gleichzeitig“, merkt ein Ökonom in der Nähe von Karl Hofers „Selbstbildnis mit Dämonen“ an. „Was weiß ich“, lautet schließlich die Antwort der Künstlerin Karina Smigla-Bobinski auf die selbstgestellte Frage: Ist das systemrelevant? – „ich mache nur Kunst“.

Die Ausstellung

Bis 27. September; Eintritt frei; www.kunsthalle-karlsruhe.de
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