Pfalzgeschichte(N)
Hauenstein: Das Schuhmuseum läuft auf neuen Sohlen
2000 Quadratmeter groß ist das Deutsche Schuhmuseum. Mehrere Depots, die über das halbe Dorf verteilt sind, beherbergen die vielen Sammlungen, die dem Museum vermacht oder als Dauerleihgabe überlassen wurden. Ein Fundus, der allein aus den Sammlungen Tillmann und Salamander schon mehr als 10.000 Paar Schuhe umfasst. Dazu kommen Sammlungen des Produzenten Rheinberger oder die Kollektion von Reklamemarken, die Einblick in einstige Werbestrategien ermöglicht.
Im alten Schuhmuseum aus den 1990er Jahren waren diese Sammlungen nur in Teilbereichen eingearbeitet worden. Eine komplette Überarbeitung war nötig und wurde vom Mannheimer Büro für Konzept und Gestaltung geplant. Die Kulturgeschichte des Schuhs soll nun im Vordergrund stehen, während zuvor doch noch sehr die Anfangskonzeption eines Schuhmaschinenmuseums erkennbar war.
Der vielleicht größte Schatz: das Gebäude selbst
„Ikonisches wie der Schuh als solcher kam bisher zu kurz“, meint auch Bettina Scheeder, die Geschäftsführerin des rheinland-pfälzischen Museumsverbands, die lobt, dass nun viele Schätze aus den Sammlungen gehoben werden konnten. Vor allem ein Schatz liegt Scheeder hier besonders am Herzen: das ist das Gebäude selbst. Der Bauhaus-Stil und die großen Fensterflächen seien bei der alten Konzeption fast schon kaschiert gewesen, findet die Museumsfachfrau. Jetzt sind die Fenster geöffnet. Ebenfalls positiv bewertet Scheeder, dass die Zeit des Nationalsozialismus besondere Beachtung findet. Nicht nur in einer Vitrine mit Zeitdokumenten zu Zwangsarbeit und der NS-Geschichte in Hauenstein, sondern auch mit Vermerken bei den Schuhfabriken, die davon berichten, dass der eine oder andere Fabrikbesitzer von „Übernahmen“ zwangsenteigneter jüdischer Konkurrenten profitierte.
25.000 Besucher hat das Haus bisher pro Jahr angezogen. Für ein ehrenamtlich geführtes Museum eine beachtliche Zahl, wie Scheeder betont. Nach dem Umbau dürfte die Besucherzahl noch einmal deutlich steigen. Das hofft jedenfalls Bürgermeister Michael Zimmermann, der kurz vor Ende der Arbeiten noch keine Zahl zu den Kosten der umfangreichen Maßnahmen nennen will.
Die Besucher werden jetzt direkt am Eingang von Kuriositäten aus den verschiedenen Schuhsammlungen begrüßt, die den Machern der Ausstellung beim Stöbern in den Depots in die Hände fielen. Ein chinesischer Wachpostenstiefel aus dem Jahr 1700 steht da neben einem Stiefel eines sowjetischen Soldaten aus Stalingrad. Die Vitrine daneben widmet sich Sandalen aller Art und aus aller Welt. Die Römersandale findet da Platz zwischen den Flipflops neuerer Machart und einer indischen Zehenpflocksandale. Bei der Bildrolle an der Wand scheint es sich um moderne Kunst zu handeln. Irrtum: Es ist ein Zuschnittplan für Herrenstiefel aus dem Fell eines Kalbs.
Noch immer sitzen Frauen an Nähmaschinen
Noch immer steht natürlich das Schuhdorf Hauenstein im Mittelpunkt der Präsentation. Die Neukonzeption verweist jedoch auch mehrfach auf den Ursprung der Schuhindustrie in Pirmasens. Aus der Sammlung Rheinberger kamen Modelle der Fabrik, die heute immer noch in Pirmasens zu bewundern ist, aber schon längst nicht mehr der Schuhproduktion dient. Am Beispiel des Herstellers Rheinberger, der 1882 mit 15 Mann startete und 1905 bereits auf eine Belegschaft von 1500 Mitarbeitern anwuchs, lässt sich die Entwicklung der Schuhindustrie ablesen. In den 1930er Jahren wurde hier ein Spitzenwert von 2500 Mitarbeitern erreicht. Nach dem Krieg dann nochmal 1500, bevor der Betrieb wegen der Auslagerungen ins Ausland bis auf 30 Beschäftigte im Jahr 2000 schrumpfte.
Im Obergeschoss des Museums liegt der Schwerpunkt weiterhin auf der Schuhherstellung. Dort integriert wurde die Plakatsammlung von Salamander und anderen Firmen. Neben Installationen, die einen guten Einblick in die tatsächliche Situation in den Fabriken von einst geben, kommt die Werbung für den Schuh zu Wort. An einer der Stationen wird darauf verwiesen, dass die Automatisierung trotz allem nicht so weit fortgeschritten sei, um Handarbeit zu ersetzen. Immer noch braucht es (in der Mehrzahl) Frauen, die an Nähmaschinen sitzen, jetzt eben in Fernost.
Es fehlt nur der Geruch von Leder und Buchsel
Dabei hat es schon früh Bemühungen für die Automatisierung gegeben. Eine zu diesem Zweck entwickelte Sohlen-Rad-Klebepresse von 1950 ist so eine Maschine. Wie sich Arbeiter wohl nach acht Stunden an dieser Maschine gefühlt haben? Noch deutlich furchteinflößender ist die „Kombinierte Überhol-Spitzen-Seitenzwickmaschine“ aus dem Jahr 1975. Eine Kreation wie aus einem Horrorfilm, die aber sehr praktisch mehrere Arbeitsschritte in einer Maschine kombinierte. Mit den heutigen Arbeitsschutzrichtlinien dürften solche Geräte kaum mehr in Betrieb gehen.
Über das Arbeitsklima verrät die Ausstellung auch einiges. An mehreren Stellen wird dazu aufgerufen, den Kollegen immer schön im Blick zu behalten. „Jeder ist der Kontrolleur seines Vordermanns“, ist da zu lesen.
Die Fabrikatmosphäre wurde von den Machern der Ausstellung sehr gut nachempfunden. Es fehlt zwar der typische Geruch von Buchsel, also dem Klebstoff, der normalerweise in offenen Eimern neben den Maschinen zu finden war und der Ledergeruch. Die abgenutzten Schränke und verschrammten Maschinen erzählen aber genug von unzähligen Arbeitsstunden im Akkord, die in den Fabriken dieser Region jahrzehntelang geleistet wurden. Auch die Heimarbeit wird bedacht. Hier fehlt aber der Aspekt, dass es nicht einfach ein nettes Zubrot für viele Arbeiterinnen war, wie es eine der Macherinnen der Ausstellung formulierte, sondern eine willkommene Gelegenheit für den Fabrikanten, einen Teil der Produktion günstig auszulagern, und dass die Heimarbeiterinnen oft genötigt waren, bis in den späten Abend zu schuften, um auf einen vernünftigen Verdienst zu kommen. Der Maschinenpark der Heimarbeiterinnen wurde zudem noch von diesen oft genug selbst bezahlt.
Den schönen Seiten am Schuh ist eine andere Etage gewidmet. Hier erfährt man, wie viele Schuhe sich jede Deutsche derzeit im Schnitt pro Jahr kauft. Es sind tatsächlich nur sechs Paar. Richtig mondän, manchmal auch ein bisschen enttäuschend wird es bei den Schuhen der Prominenten. Der Tennisschuh des aktuell inhaftierten Boris Becker steht da neben den so gar nicht weltmännischen Tretern eines früheren Bundeskanzlers. Aber was Grace Kelly, David Bowie, Kurt Cobain, Sophia Loren oder Twiggy an den Füßen trugen, bringt dann doch Glamour ins Museum. Dazu gesellen sich die Meisterstücke aus deutschen Schuhfabriken, die heute jeder gerne tragen würde, wenn denn der aktuelle Vintage-Trend auch einmal diese Modelle erfassen würde.
Das Museum
Täglich geöffnet von 9.30 bis 17 Uhr, auch an Feiertagen. Der Eintritt beträgt acht Euro. Am Samstag, 14. Mai, ist von 13 bis 17 Uhr Tag der offenen Tür mit kostenlosem Eintritt. Ebenso am 15. Mai, dem Internationalen Museumstag.
Zur Sache: Das Museumsgebäude
Der Schutzstatus fiel der Unteren Denkmalbehörde erst auf, als die Planung für den Umbau der Schuhfabrik schon angelaufen war: im Juli 1991. Die Fabrikanlage weise „durch ihre Architektursprache eindeutig auf den Bauhausstil der 1920er Jahre hin“ und lege „Zeugnis ab vom geistigen und künstlerischen Schaffen dieser abgeschlossenen Bauepoche“, so die Begründung der Denkmalbehörde. Der langgestreckte dreigeschossige Putzbau mit „jeweils einem Kopfbau an den Schmalseiten und einem gemeinsamen Geschoss unter einem flach geneigten Walmdach“ galt als Indiz.
Mit dem Amt für Denkmalschutz musste seinerzeit nicht nur die sach- und stilgerechte Sanierung besprochen werden, sondern auch die Nutzungsänderung. Deswegen musste an der vorderen Fassade des Gebäudes zum Hof hin eine Eisentreppe angebracht werden, die heute als zweiter Fluchtweg dient.
Bauhaus-Gründer Walter Gropius wollte mit seinem künstlerischen Ansatz die Einheit von Handwerk, Kunst und Technik umsetzen. Gemeint ist der Bau als Gesamtkunstwerk, in dem sich Inhalt und Form bedingen. So entstand eine klare schmucklose Formensprache, die der Zweckmäßigkeit des Objekts entsprechen sollte. Mit anderen Worten: bei der die Form der Funktion zu folgen hat. Mit klaren Linien, schnörkellos und funktional. Wie die Bauhaus-Bauten in Dessau und andernorts auch.
Das Fabrikgebäude in der Hauensteiner Turnstraße wurde im Jahr 1929 nach Plänen des Pirmasenser Architekten Joseph Uhl erbaut. Die Gebrüder Schwarzmüller ließen es ursprünglich als Ort der Schuhproduktion errichten, nachdem ihre Fabrik in der Burgstraße zu klein geworden war. Bis 1972 diente das Gebäude der Produktion von Schuhen. Danach zog mit der Firma Gerber ein Schuhzulieferungsbetrieb in das Gebäude ein und produzierte dort Hinterkappen. Doch schon nach wenigen Jahren stellte sie den Betrieb ein, und die Bauhaus-Fabrik verkam. Über zehn Jahre moderte sie vor sich hin, niemand interessierte sich für sie. Bis 1990 die Gemeinde Hauenstein das Gebäude kaufte.
Dass alles so gut geworden ist, sei der klaren Struktur des Bauhaus-Kubus zuzuschreiben, sagte der ehemalige Museumsleiter Willi Schächter seinerzeit. Das Fabrikgebäude sei eine perfekte Symbiose mit der neuen Zweckbestimmung eingegangen, findet er.
Nach und nach folgten weitere Modernisierungsetappen an dem Gebäude – bis zu der jetzigen Sanierung, immer in Begleitung des Amts für Denkmalschutz. Es durfte sogar ein Aufzug angebaut werden. Das Credo der Denkmalbehörde damals: Der Aufzug müsse sich sowohl in seiner architektonischen Form als auch in seiner Funktion in die klar gegliederte Fassade einfügen. Barrierefreiheit war ebenso wichtig nach der genehmigten Umnutzung. Die runden Fenster oben an der Frontseite oben mussten allerdings unbedingt sichtbar bleiben – trotz Aufzug.