Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Großer Jubel: Pfalztheater in Kaiserslautern eröffnet Spielzeit mit Verdis Oper „La Traviata“

Daniel Kim als Alfredo und Irina Simmes als Violetta.
Daniel Kim als Alfredo und Irina Simmes als Violetta. Foto: Brenner/frei

Umjubelter Start in die neue Spielzeit am Pfalztheater mit Giuseppe Verdis „La Traviata“. Stürmischer Applaus für Stimmen wie Orchester, aber auch für die Regie. Eine Premiere, mit der das Pfälzer Dreispartenhaus Maßstäbe setzte und ein eindrückliches Plädoyer für seine Existenzberechtigung hielt. Glückliche Gesichter allenthalben. Dunkle Wolken am Horizont sind für später ...

Giuseppe Verdi ist Spitzenreiter, jedenfalls in der jüngsten Statistik des Deutschen Bühnenvereins, in der er Mozart diesmal von Platz eins verdrängt hat. Und unter den (ohne zweite Fassungen und Umarbeitungen) 26 Opern des Italieners hält „La Traviata“ seit Jahren uneinholbar die Position ganz oben. Kein großes Wagnis also, die tödlich endende Geschichte der Edelkurtisane Violetta Valéry und ihres Geliebten Alfredo Germont auf den Spielplan zu setzen. Oder doch? (Fast) jeder kennt sie, und sei es, weil sie 1990 Julia Roberts im Hollywood-Kino „Pretty Woman“ so schön laut zum Weinen brachte. Alle haben Bilder im Kopf, die dann höchstwahrscheinlich den üppig-plüschigen Interieurs der Zeffirelli-Verfilmung mit Plácido Domingo und Teresa Stratas von 1983 gleichen. Und beim Brindisi, dem Trinklied aus dem ersten Akt, können auch die meisten laut mitsingen. Ohne Text freilich, aber man kann dazu so schön klatschen und schunkeln ...

Die Inszenierung bricht mit Klischees

Stopp! Genau hier grätscht die Inszenierung von René Zisterer hinein, und in Kaiserslauterns Generalmusikdirektor Uwe Sandner haben der österreichische Gastregisseur und sein Team – Agnes Hasun (Bühne) und Marcel Saba (edel-elegante Kostüme) – einen kongenialen Verbündeten. Da ist erst einmal eine gewisse Nüchternheit angesagt, und dann sind genaues Hinschauen und Hinhören gefordert. Befreit von Requisiten-Bergen, losgelöst von Hm-ta-ta ebenso wie von jeglicher Tränendrüsen-Sentimentalität wird die Oper „La Traviata“ gezeigt als das, was sie ist: ein in unendlich vielen Facetten funkelndes Juwel der Gattung.

Zu sehen ist auf den ersten Blick ein gewisser Regie-Minimalismus. Auf den zweiten Blick geben die hohen, grau-beige-farbenen verschiebbaren Wände des Bühnenbilds Einblicke in die Seelenwelten der Protagonisten ebenso wie in die Schauplätze der Handlung frei. Sie schimmern edel-perlmuttfarben und irgendwie auch abweisend kalt, wenn in Violettas Palais das rauschende Fest gefeiert wird, bei dem sie Alfredo (und der Liebe) das erste Mal begegnet. Im letzten Bild wirken sie dann nur noch trist, grau, erdrückend. Fast schon paradox: Wenn das Liebespaar sich aufs Land zurückgezogen hat – in eine kleine, enge Guckkastenbühne auf der Bühne – ist im Hintergrund das Meer zu sehen: der weite Horizont einer (trügerischen) Freiheit, die eingegrenzt wird durch gesellschaftliche Konventionen. Wer daraus ausbricht, stößt an Grenzen. Genau dies war das Thema, das den Komponisten faszinierte. Es ist nach wie vor aktuell. Und „Grenzen.Horizonte“ ist auch das Motto, das über der nun beginnenden Pfalztheater-Spielzeit steht.

Ein hochsensibles Kammerspiel

Regisseur Zisterer sprengt keine Grenzen, aber er zeigt, dass auch „konventionelles“ Theater – ganz ohne die derzeit anscheinend allenthalben unentbehrlichen Live-Video-Sequenzen mit auf der Bühne agierenden Kameramännern und Riesenprojektionen angestrengter Sängergesichter – in den Kern eines Werkes vordringen kann. Ohne dass Zisterer die großen Chorszenen vernachlässigt – selten etwa hat man die „Stierkämpfer“ so glaubhaft in Floras Spielsalon im dritten Bild eindringen sehen – zeigt er ein hochsensibles Kammerspiel. Das hat Höhepunkte etwa im zweiten Bild, wenn Violetta Besuch von Alfredos Vater Giorgio Germont erhält. Diese Vaterfigur, meist recht eindimensional als das Glück der Liebenden zerstörender Unsympath gezeichnet, wird in seinem rasch einsetzenden Zweifel an Richtigkeit seines Tuns zu einem in seinem Ringen um den richtigen Weg interessanten Charakter. Was durchaus auch damit zu tun hat, dass er in Nikola Diskic einen Interpreten hat, der dies nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich vermitteln kann. Noch so eine unselige „Traviata“-Tradition, mit der diese Produktion bricht: die Besetzung der Partie mit einem verdienten Bariton am Ende seiner Laufbahn. Diskic ist das Gegenteil davon – und seine Stimme ist ein Gewinn, in seinen beiden Arien sowieso, vor allem aber in den großen Final-Ensembles des zweiten und des dritten Bildes.

Irina Simmes in der Titelpartie

Und während auch an größten Häusern Sopranistinnen scheitern, weil sie ihrem Repertoire eben noch diese Partie hinzufügen möchten, singt am Pfalztheater mit Irina Simmes eine Ideal-Inkarnation der Violetta auf der Bühne; Jung, schön, die Stimme brillant bis in die höchsten Höhen, zerbrechlich-zart und anrührend lyrisch im letzten Bild. Und mit dem „Haustenor“ Daniel Kim ist in den vergangenen Jahr ein Sänger herangereift, der passgenau in das Konzept dieser bis in die kleinsten Partien ideal besetzten Produktion passt: Höhensicher, aber nicht protzend-prunkend und – ja doch– zu Tränen rührend im so wunderbar leise von einer besseren Zukunft träumenden Schlussduett. Dass an all dem auch Uwe Sandner und das Orchester einen ganz wesentlichen Anteil haben, wurde eingangs erwähnt. Zum Kammerspiel auf der Bühne kammermusikalische Feinstarbeit an den Solo-Pulten. Für weitere Details die Empfehlung: Hingehen, hinschauen und vor allem: hinhören!

Termine

Nächste Vorstellungen am 22. 9., am 2., 11. , 18., 31. Oktober und sieben weitere Aufführungen bis 18. Januar 2020; www.pfalztheater.de

Am Ende steht die Verzweiflung des jungen Mannes.
Am Ende steht die Verzweiflung des jungen Mannes. Foto: Brenner/Frei
Die Inszenierung bricht mit allen Klischees.
Die Inszenierung bricht mit allen Klischees. Foto: Brenner/frei
Irina Simmes begeistert in der Titelpartie.
Irina Simmes begeistert in der Titelpartie. Foto: Brenner/Frei
Irina Simmes.
Irina Simmes. Foto: Brenner/Frei
x