Kultur Große Bühne für alle Bürger
Was verbindet den Speyerer Dom mit der Geschichte des Theaters in Karlsruhe? Der Architekt Heinrich Hübsch. Der Erbauer des Westbaus am Dom schuf um 1850 auch ein neues Hoftheater für die badischen Großherzögen, das in der Folge Schauplatz eines blühenden Theaterlebens in Karlsruhe wurde. Der erste Theaterbau in der Fächerstadt wurde vor 300 Jahren eröffnet.
Damals war die Planstadt, die Markgraf Karl Wilhelm errichten ließ, gerade vier Jahre alt. Im Ostflügel des ein Jahr zuvor fertiggestellten Schlosses, das nun auch Residenz der badischen Markgrafen war, wurde am 13. Januar 1719 ein Theater eröffnet, von dem es keine Bilddokumente gibt. Es war knapp 50 Meter lang. Gegeben wurde das Singspiel „Celindo oder Die hochgepriesene Gärtnertreue“, von dem Librettist und Komponist nicht bekannt sind. Nur das Textbuch ist überliefert. Bei der bisher letzten Theaterneueröffnung in Karlsruhe, am 29. Januar 1975, wurde mit Mozarts „Zauberflöte“ gleichsam auch ein Singspiel in deutscher Sprache gespielt, aber eben das Größte seiner Art. Bei der Eröffnung wirkte auch die Hofkapelle mit, die 1662 erstmals schriftlich erwähnt wird und die Badische Staatskapelle, wie sie heute heißt, zum sechstältesten Orchester der Welt macht. Im 18. Jahrhundert wurde an zwei weiteren Orten Theater gespielt – und das offensichtlich nicht nur für die Hofgesellschaft. Ein „richtiges“ eigenständiges Theater entstand dann erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Da wurde Baden dank Napoleon zum Großherzogtum. Karl Friedrich, der erste Herrscher mit dem neuen Titel, beauftragte Friedrich Weinbrenner mit dem Theaterbau. 1810 wurde das Karlsruher Hoftheater an dem Platz eröffnet, an dem heute das Bundesverfassungsgericht seinen Sitz hat. Es war eines der modernsten Theater in Europa, für 1800 Besucher. Die Bühne war 25 Meter breit, fast so breit wie die des heutigen Großen Hauses. Das wie erwähnt 1975 eröffnete Theater unserer Tage war seinerzeit auch hochmodern und europäische Spitze. Bei der Bauphase in den 1970er-Jahren kam es zu einem Brand, der vergleichsweise glimpflich ausfiel. Eine Katastrophe war dagegen am 28. Februar 1847 der Brand des Weinbrenner-Baus, bei dem über 60 vor allem junge Menschen starben. An gleicher Stelle zwischen dem Westflügel des Schlosses und dem (heute alten) Botanischen Garten schuf Heinrich Hübsch dann seinen steinernen Theaterbau mit klassizistischer Fassade, der am 17. Mai 1853 mit Schillers „Jungfrau von Orléans“ eröffnet wurde. Zum Theaterleiter wurde Eduard Devrient berufen, der einen professionellen Theaterbetrieb aufbaute und pflegte. Die noch heute übliche Probenstruktur von der Lese- bis zur Generalprobe geht auf ihn zurück. Devrient kam aus Dresden, dort arbeitete er mit Richard Wagner zusammen. Kein Wunder, dass die Pflege der Bühnenwerke Wagners ihm auch in Karlsruhe ein wesentliches Anliegen war. Fast wäre es zur Uraufführung des „Tristan“ in Karlsruhe gekommen. Wagner dirigierte selbst Konzerte in Karlsruhe – und mit Hermann Levi wirkte der spätere Bayreuther Dirigent der „Parsifal“-Uraufführung am Hoftheater. In Erinnerung an den bedeutenden jüdischen Musiker heißt der Platz am heutigen Badischen Staatstheater seit ein paar Jahren Hermann-Levi-Platz. Mit Levi beginnt die Reihe der großen Dirigenten am Karlsruher Theater, zu der weiter Felix Mottl, Josef Krips, Joseph Keilberth und in jüngster Zeit bis zu Justin Brown heute Christoph Prick, Günter Neuhold und Kazushi Ono gehörten. Christian Thielemann war ein Jahr lang als junger Kapellmeister hier – und Sir Georg Soltis Wirken als Assistent von Krips wurde durch die NS-Machtergreifung vereitelt. Seit Ende des Ersten Weltkriegs hieß die Bühne Badisches Landestheater. 1933 kamen dann die Namen Badisches Staatstheater und Badische Staatskapelle. Im Zweiten Weltkrieg fiel am 27. September 1944 Hübschs Hoftheater einem Fliegerangriff zum Opfer. Die Ruine blieb noch bis 1963 stehen und wäre (man denke an die Alte Oper Frankfurt) für einen Umbau zu nutzen gewesen. Doch das Bundesverfassungsgericht wollte den Platz – und die Stadt wollte das höchste Gericht Deutschlands in Karlsruhe halten. So wurde die Ruine abgerissen und ein Neubau am Ettlinger Tor geplant. Nach 30 Jahren in provisorischen Spielstätten wie dem Konzerthaus für die Oper und einem Schauspielhaus in der alten Stadthalle wurde dann 1975 der heutige Bau nach Plänen des Karlsruher Architekten Helmut Bätzner eröffnet. Aus Kostengründen wurde dessen Entwurf abgespeckt. Unter anderem wurde auf ein Schauspielhaus verzichtet. Das heutige Kleine Haus war zunächst als Probebühne geplant. Der Bätzner-Bau ist ein demokratisches Theater mit guter Sicht von allen Plätzen und weiträumigen Foyers. Weniger optimal ist die Situation hinter den Kulissen. Das Jubiläum 300 Jahre Theater in Karlsruhe steht deshalb ganz im Zeichen des für die kommenden Jahre geplanten Theaterumbaus, der mit einer umfassenden Sanierung einhergeht. Schließlich soll nicht wie in Heidelberg, wo der aktuelle Generalintendant Peter Spuhler zuvor tätig war, das Theater aus Sicherheitsgründen von einem auf den anderen Tag geschlossen werden müssen. Für geschätzte über 300 Millionen Euro soll also nach den Plänen der Wiener Architekten Delugan Meissl zusammen mit Wenzel + Wenzel Karlsruhe in drei Schritten das Badische Staatstheater ein neues Gesicht erhalten. Zunächst wird ab dem kommenden Jahr bei laufendem Theaterbetrieb über der heutigen Einfahrt zur Tiefgarage endlich ein „richtiges“ Schauspielhaus errichtet, dann werden im Norden und Osten neue Teile für Werkstätten angebaut und bestehende „ertüchtigt“. Erst in der dritten Bauphase ab 2027 muss bei der Sanierung der bestehenden Spielstätten an noch nicht feststehenden Ausweichorten Theater gemacht werden. 2030 soll das neue Badische Staatstheater fertig sein – und sich mit einer großen Treppe hin zu Stadt öffnen. Ein offenes Theater für alle soll es sein, das auch außerhalb der Vorstellungen zum Besuch einlädt. Info Als Fest für alle feiert das Theater am Sonntag ab 15 Uhr seinen 300. Geburtstag. Der Festakt beginnt um 16.30 Uhr. Infos unter www.staatstheater.karlsruhe.de.