Nationaltheater Mannheim
Grandioser Spielzeit-Auftakt mit „Die Nacht von Lissabon“
Vor fünf Jahren hat Maxim Didenko sich am Nationaltheater schon einmal einen allmählich in Vergessenheit zu geraten drohenden Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur vorgenommen: Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“. Den 1963 erschienenen Roman inszenierte er bildgewaltig bis zur Grenze des Aushaltbaren. Seitdem ist viel passiert, auf der Welt und in Didenkos Leben. Eine Pandemie, die seine zweite Arbeit am Mannheimer Theater um Jahre verzögern sollte, und der Überfall Russlands, Didenkos Heimatland, auf die Ukraine, der Heimat seiner Frau. Er entschloss sich, Moskau zu verlassen, und lebt nun in Berlin.
Zwei Männer ziehen durch die Bars
Und er hat sich wieder ein Buch vorgenommen, das sich noch direkter als Bölls „Clown“ mit den Schatten der deutschen NS-Vergangenheit beschäftigt und das Erich Maria Remarque fast gleichzeitig veröffentlichte, 1962. In dem Buch wie auf der Bühne begegnen einander in der titelgebenden Nacht in verschiedenen Bars der portugiesischen Hauptstadt zwei Männer. Einer, der schlicht „Erzähler“ genannt wird und den Rocco Brück verkörpert, und Josef Schwarz (was nicht sein richtiger Name ist). Ihn spielt Paul Simon, aus Wiesbaden nach Mannheim gewechselter Neuzugang am Nationaltheater. Seine erste Rolle am Haus, die eine große Hauptrolle mit ungeheuer viel Text und fast ununterbrochener Präsenz auf der Bühne ist, meistert der 33-Jährige grandios.
Knapp drei Stunden lang werden wir Zeugen einer Lebensbeichte, die dieser Josef Schwarz dem ihm bis dato unbekannten und selbst in seiner Biografie auch verschwommen bleibenden Mann gegenüber ablegt. Wir reisen mit ihm in die Vergangenheit, nach Osnabrück und nach Paris, in die Schweiz und schließlich nach Lissabon zum Tag vor der Begegnung mit dem Erzähler. Dem Tag, an dem Schwarz’ todkranke Frau Helen (Annemarie Brüntjen) ihrem Leiden und ihrem Leben selbst ein Ende setzt.
Bedrohtes Glück
Josef Schwarz, der nicht so heißt, erzählt dem Erzähler in dieser Nacht von Lissabon eine Geschichte von Liebe, Familie und Verrat in der Zeit des Nationalsozialismus. Helens Bruder Georg, ein SS-Offizier (Eddie Irle), hat ihn wegen seiner kritischen Haltung zum Regime und zum Führer denunziert und wollte ihn ins Konzentrationslager bringen. Nach fünf Jahren kehrt Schwarz, wie er mit dem Pass eines österreichischen Emigranten ausgerüstet nun heißt, zurück nach Osnabrück und flieht mit der ebenfalls regimekritischen Helen über die Schweiz nach Frankreich. Obwohl sie verhaftet werden und in unterschiedliche Internierungslager kommen, gelingt ihnen noch einmal die Flucht. Man kann die Bedrohung fühlen: Schwarz und Helen können immer nur einen Moment des intimen Miteinanders genießen. Ihr Glück kann jederzeit durch böse Männer mit schweren Soldatenschuhen gestört werden. Und dann ist da noch das über ihnen schwebende Damoklesschwert von Helens Erkrankung.
Dass wir nicht nur den beiden, sondern auch dem namenlosen Erzähler und sogar dem gemeinen SS-Offizier, der trotz allem auch Helens Bruder ist, so nah kommen können, ist einem Geniestreich Didenkos zu verdanken: Er lässt seine Schauspieler praktisch ununterbrochen eine Kamera bedienen, die Bilder werden hoch über ihren Köpfen direkt übertragen. Wir sehen unten ein Theaterstück auf der Drehbühne, mit viel Spektakel, Musik, Gesang, Tanz. Oben sehen wir gleichzeitig einen gestochen scharfen Bildern einen Schwarz-Weiß-Film, der in immer neuen Rückblicken von einer Vergangenheit erzählt, deren Schatten seitdem und heute eher stärker als schwächer auf unsere Gesellschaft fallen. Im Film dürfen wir mit hinter Türen, die uns als Theaterbesucher verschlossen bleiben.
Triggerwarnung vor dem Theaterabend
Am Eingang ins Theater, das bis 2011 ein Kino für die amerikanischen Soldaten war, warnt ein Schild, wie man das heute so macht, vor der expliziten Darstellung brutaler Gewalt und der Thematisierung schwerer Krankheit. Und ja, es ist ein düsterer, ein bedrückender Abend, an dem Blut fließt und Menschen existenzielle Erfahrungen machen, die wir in Freiheit, Frieden, Wohlstand und Demokratie Aufgewachsenen uns immer nur annähernd werden vorstellen können. Aber es gibt auch schöne Szenen an diesem Abend. Wie die tolle Annemarie Brüntjen natürlich mit einem Tuch in ihrem blonden Haar neben ihrem Mann im Auto sitzt und glücklich in Richtung Freiheit fährt – auch dieses Bild wird einem noch ganz lange im Kopf bleiben.
Termine
4., 13. Oktober, 2., 9. November; Karten an der Theaterkasse, 0621 1680-150 und unter www.nationaltheater-mannheim.de.