Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Grandios: Amerikanische Engel aus München im Pfalzbau

Roland Koch
Roland Koch

Trump und der Klimawandel waren damals vage Bedrohungen, Rechtsruck und Aids knallharte Fakten. Vor 30 Jahren bot Tony Kushners „Engel in Amerika“ brandaktuelle Gesellschaftsanalyse, jetzt wird das Stück gerade neu entdeckt. Simon Stones Inszenierung bot im Pfalzbau aber vor allem grandioses Schauspielertheater.

Als „Engel in Amerika“ 1991 uraufgeführt wurde, war es das Stück der Stunde und machte seinen Autor Tony Kushner schlagartig bekannt. Später noch ergänzt um einen zweiten Teil gelang Kushner eine schonungslose Bestandsaufnahme der 1980er-Jahre in den USA – nach den linksliberalen, rockmusikumtosten Jahren zuvor eine neue Phase konservativen Rollbacks. Reagan war Präsident, am Himmel klaffte das Ozonloch, und die Aids-Seuche versetzte nicht nur Homosexuelle in Angst und Schrecken. Kushner entwirft ein üppiges Gesellschaftspanorama mit fast 30 Figuren, schnell wechselnden Schauplätzen, verwobenen Handlungssträngen und irritierende Traumsequenzen. Einen Engel mit spektakulärem Auftritt gibt es auch, aber auch der kann diese Welt nicht retten.

Im Zentrum stehen vier schwule Männer, der an Aids erkrankte Prior, sein Freund Louis, der ihn in panischer Angst verlässt, der junge Mormone und Jurist Joe und der Erfolgsanwalt Roy Cohn. Den hat Kushner nicht erfunden, sondern als historische Figur in sein Stück geholt. Cohn arbeitete erst für den Kommunistenjäger McCarthy, später war er gefragter Problemlöser für die Reichen New Yorks, auch Donald Trump gehörte zu seinen Klienten. In dem 1985 einsetzenden Stück ist er knapp 60, an Aids erkrankt, leugnet seine Homosexualität aber selbst noch auf dem Sterbebett.

Das Stück zur Zeitenwende

In den USA ist „Engel in Amerika“ zu einem Klassiker des Theaterbetriebs geworden, auf einer Stufe mit Stücken von O’Neill, Albee oder Arthur Miller. In Europa wurde es nach Anfangserfolgen kaum noch gespielt, galt als 1980er-Stoff und zu USA-spezifisch. Der Regisseur Simon Stone hat es dann vor sieben Jahren wiederentdeckt, seine Basler Inszenierung zog weitere an anderen Bühnen nach sich. Als Andreas Beck als Intendant von Basel ans Münchner Residenztheater wechselte, nahm er die Inszenierung und fast alle Darsteller mit.

Dass Kushners Stück heute wieder interessiert, hat natürlich mit der aktuellen Zeitenwende zu tun, wo wieder eine Seuche die Menschheit schreckte, Minderheiten für ihre Rechte streiten müssen, Rassismus und Antisemitismus immer noch Konjunktur haben und Parteien am rechten Rand Zulauf finden. Und dass der Immobilienschnösel Trump nicht bloß stinkreich, sondern auch Präsident würde, konnte sich auch Simon Stone vor sieben Jahren nicht ausmalen. Sich heute auf den XXL-Abend einzulassen, ist aber zuallererst ein großartiges Theatererlebnis mit tollen Darstellern. Allein Roland Koch in der Rolle des Roy Cohn zu sehen, lohnt den Besuch. Brüllend, schreiend, tobend, zieht er alle Register eines machtbesessenen, moralfreien Riesenarschlochs, kann seinen Verführungscharme ansatzlos in eine giftige Drohgebärde verwandeln. Der Mann bietet toxische Männlichkeit am Dauersiedepunkt und bleibt selbst todkrank im demütigenden Krankenhaushemd von unerschütterlicher Selbstüberschätzung. Dass er den jungen Kollegen nicht nur ganz eigennützig protegiert, sondern auch sexuell begehrt, lässt Koch nur als winzigen Augenblick der Schwäche aufflackern.

Als kleinen Racheakt hat ihm Kushner nicht bloß den schwulen schwarzen Pfleger Belize (Benito Bause mit ironischer Lockerheit), sondern auch Ethel Rosenberg auf den Hals gehetzt. Als junger Staatsanwalt hatte Cohn sie zusammen mit ihrem Ehemann auf den elektrischen Stuhl gebracht, weil diese die Pläne für die Atombombe an die Russen weitergegeben hatten. Ethel geistert jetzt als Untote durch das Stück und spricht für ihn, als er endlich den letzten Atemzug getan hat, das jüdische Totengebet. Barbara Horwath verleiht der Figur mehr Neugier als Rachedurst, spielt auch noch ganz herrlich einen alten Rabbi und einen vermutlich noch älteren bolschewistischen Veteranen, beide gleichermaßen desillusioniert vom Gang der Welt.

So weit sind die Jungen noch nicht, haben mit der noch unkontrolliert grassierenden Seuche und ihren Beziehungsdramen zu kämpfen, oder schwanken wie der von Michael Wächter als moralisch angeschlagener Schlaks gespielte Joe zwischen Outing und tablettenabhängiger Ehefrau. Florian Jahrs Louis kaschiert seine Hilflosigkeit mit Redestakkato im Woody-Allen-Style, Nicola Mastroberardino als sein Ex-Geliebter Prior lehnt sich erst wütend gegen Krankheit und Verlassensein auf, erträgt dann tapfer seine Leiden und darf nach der Engelserscheinung zum Aushilfspropheten aufsteigen.

XXL-Applaus für XXL-Theater

Simon Stone hat sich alle Dragqueen-Maskeraden und Schwulenklischees verkniffen, sogar Myriam Schröders Engel muss ohne Flügelpracht und gleißendes Licht auskommen, kracht stattdessen im Trenchcoat durch die berstende Zimmerdecke in den mit ein bisschen Mobiliar ziemlich spartanisch ausgestatteten Bühnenraum von Ralph Myers. Dass der Himmel nicht wie San Francisco in den 1960ern ausschaut, hat ja schon Kushners Text angedeutet, hier ist es schlicht die herabgelassene Bühnendecke, ein unwirtlicher Ort mit einer Himmelsleiter aus dem Baumarkt. Dass Prior da lieber zurück auf die Erde möchte, um dort sein bisschen Leben, wie gut oder schlecht auch immer, zu Ende zu bringen, kann man verstehen. Riesenapplaus vom nach fünfeinhalb Stunden immer noch zahlreich verbliebenen Publikum.

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