Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Geschlechtliche Vielfalt, gestern und heute

Philippe de Bourbon, Herzog von Orléans (1640-1701), war der jüngere Sohn des französischen Königs Louis XIII und der Anna von Ö
Philippe de Bourbon, Herzog von Orléans (1640-1701), war der jüngere Sohn des französischen Königs Louis XIII und der Anna von Österreich, Bruder des »Sonnenkönigs« und Ehemann der Wittelsbacher Prinzessin Elisabeth Charlotte. Darüber, dass er Männer mehr liebte als Frauen, berichtet Liselotte von der Pfalz in vielen ihrer Briefe.

Die „Stillung des Begattungstriebs“ ist keine Sache des Strafrechts. Das steht in einer 1787 in Zweibrücken veröffentlichten juristischen Schrift. Max Slevogt unterschreibt 1897 eine Petition. 1940 kommt ein fünffacher Familienvater ins Konzentrationslager. Wie geht es Menschen, die anders aussehen als sie fühlen? Sexuelle und geschichtliche Vielfalt gab und gibt es auch in der Pfalz. Die Beschäftigung mit dem Thema allerdings ist neu.

„Monsieur sah nicht ignoble (unedel) aus, aber ... er hatte mehr weibliche als Manns-Manieren an sich, liebte weder Pferde noch Jagen, nichts als Spielen, cercle halten, wohl essen, tanzen und geputzt seyn, mit einem Worte, alles was die Damen lieben.“ So schilderte Elisabeth Charlotte, Prinzessin von der Pfalz und Herzogin von Orléans (1652-1722), der Familie daheim in Heidelberg und der Tante Sophie in Hannover den ihr aus Staatsräson-Gründen angetrauten Bruder des Sonnenkönigs Louis XIV. „Monsieur“, so der offizielle Titel bei Hofe von Philippe de Bourbon, kam durchaus seinen ehelichen Pflichten nach, jedenfalls bis zur Geburt des dritten Kindes. Und trotz der Vorliebe für seidene Gewänder und ausschweifende Feste scheint er als Heerführer in den Kriegen gegen die Niederlande und Spanien in Flandern auch militärische Qualitäten entwickelt zu haben.

Dass „Monsieur“ nicht die Frauen, sondern die Männer liebte, blieb indes keineswegs ein Geheimnis. Waren das 17. und das 18. Jahrhundert toleranter als die darauf folgenden? Oder einfach nur liederlich und dekadent, wie das bürgerliche 19. Jahrhundert urteilte?

Lockeres Leben bei Hofe

Die Briefe der Liselotte von der Pfalz dienten gerne als Kronzeugen für den Sittenverfall am Hof von Versailles. Es könnte aber auch sein, dass die Veranlagung des jüngeren Bruder dem König nicht ganz unrecht war, jedenfalls, so lange sie ihn als Rivalen um die Macht fernhielt. Erst nachdem es Philippe und sein Freundeskreis zu bunt trieben und Skandale sich nicht mehr unter der Decke halten ließen, sprach der König ein Machtwort. In einer Zeit, in der außerhalb der hochgestellten Kreise die „Sodomie“, jede Sexualität, die nicht der Fortpflanzung diente, als Ketzerei galt, als Straftat, die nicht selten – unter den Augen der Kirche – auf den Scheiterhaufen führte.

Warum aber sollten für die Aristokratie andere Gesetze gelten als für den Rest der Menschheit? Es sollten allerdings noch einige Jahrzehnte vergehen, bis die Französische Revolution das Ancien Régime und die Idee der göttlichen Legitimation von Macht und Recht hinwegfegte. Auch die des Sexualstrafrechts. Mit der Einführung des „Code Pénal“ von 1810 auch in der zuerst französischen und dann bayerischen Pfalz verschwand auch die Bestrafung sogenannter fleischlicher Verbrechen, aller Arten einvernehmlicher Sexualität unter Erwachsenen. Zunächst.

Rückzug aus dem Schlafzimmer

Im pfälzischen Zweibrücken, wo König Maximilian von Bayern 1816 eines der ältesten Oberlandesgerichte Deutschlands begründete, wo wenige Jahre später Juristen um Siebenpfeiffer das Hambacher Fest vorbereiteten und für die Freiheit der Presse fochten, waren die neuen Gedanken bereits in vorrevolutionärer Zeit auf fruchtbaren Boden gefallen. Gedanken, wie sie der unter anderem am Reichskammergericht Wetzlar, in Bayreuth und Ansbach tätige Jurist Johann Jakob Cella (1756-1820) formulierte. „Über Verbrechen und Strafe in Unzuchtsfällen“ heißt sein Werk, das 1787 in Leipzig und Zweibrücken erschien. Da heißt es: „Wenn fleischliche Verbrechen nichts anderes sind als unerlaubte Stillungen des Begattungstriebs, so liegt freilich in dem Begriff derselben an und für sich nichts, das diese Vergehungen zum Verbrechen im Verstand des peinlichen Rechts [Strafrechts] machte. Denn einmal ist gewöhnlicher weise die Absicht solcher Verbrecher nie, andern Leuten zu schaden, sie zu beleidigen, sondern bloß, sich selbst ein sinnliches Vergnügen zu verschaffen.“

Juristen hatten auch damals schon ihre eigene Sprache. Vereinfacht könnte man auch sagen: Was erwachsene Menschen, männlich oder weiblich, miteinander treiben, wenn keine Gewalt angewandt wird und alle damit einverstanden sind, ist keine Sache für ein Strafgericht. Könnte also alles gut sein. Aber weder Cella noch andere liberale Juristen hatten mit dem 1872 eingeführten Paragrafen 175 StGB gerechnet, der männliche Homosexualität auch bei Einvernehmen kriminalisierte und erst 1994 gestrichen wurde. Auch ahnten sie nichts vom in Konzentrationslager führenden nationalsozialistischen Furor und erst recht nicht von den vielen Vorurteilen, die sich in der Gesellschaft einnisteten und seither Reform über Reform überdauern.

Im falschen Körper

Verwunderung ist also durchaus angesagt in unserem ach so aufgeklärten Zeitalter, oder eben ein kleines „Nanu?“ ob so mancher Unkenntnis und festgefahrener Vorurteile. Aufklärung hätte da, wieder einmal, der Weg nach Zweibrücken versprochen. „NANU?“ heißt die Ausstellung, die dort im vergangenen Oktober im Stadtmuseum eröffnet wurde – und kurz darauf schon wieder schließen musste. Eine Ausstellung, die sich mit der geschlechtlichen Vielfalt in der Pfalz gestern und heute befasst und in der Liselotte und ihr homosexueller Gemahl ebenso wie der Jurist Cella eine Rolle spielen, aber auch das Vorher – bis in die klassische Antike – und das Nachher: bis ins Jahr 2017, als am 1. Oktober das Gesetz in Kraft trat, das die Eheschließung für gleichgeschlechtliche Paare erlaubt.

Ende gut, alles gut? Keineswegs, denn geschlechtliche Vielfalt bedeutet eben nicht nur, die Liebe zwischen Mann und Mann und Frau zu Frau anzuerkennen, sondern auch die Menschen, die bisexuell sind, sich im männlichen Körper als Frau fühlen oder umgekehrt, Menschen, deren Körper beide Geschlechtsmerkmale haben: alles Menschen, die bis heute oft nicht nur mit sich selbst, sondern auch gegen widrige äußere Umstände zu kämpfen haben und nicht selten Demütigungen ausgesetzt sind, die ihre persönliche Situation noch verschlimmern. Lebensgeschichten mit tragischem Ende nach Jahren des Versteckspiels waren und sind noch immer keine Seltenheit.

Die kleinen Unterschiede

Bisexeull, transsexuell, transident, transgender, intersexuell – Transvestit, Transe, Transmann, Transfrau: Wild purzeln die Begriffe manchmal durcheinander. Und bei genauerem Nachfragen wissen die wenigsten so richtig, was damit gemeint ist, zumal sich die Begrifflichkeiten auch immer wieder ändern. Weswegen es gleich zu Beginn der Ausstellung Auszüge aus dem „Lexikon der kleinen Unterschiede “ zu lesen gibt, das vom Sozialministerium des Landes Baden-Württemberg herausgegeben wurde. Auf einem der ersten Banner der als Wanderausstellung geplanten Präsentation gibt es die Möglichkeit, mittels QR-Code die ganze Broschüre aufs Smartphone zu laden. Aber auch von zu Hause aus gelangt man über die Internetseiten des Stuttgarter Ministeriums zu der entsprechenden Datei.

Der Rest der Ausstellung ist dann – abgesehen von den Ausflügen in die griechische Antike, zu Plutarch und Xenophon, sowie zu den Hexenverfolgungen des Mittelalters – eine pfälzisch geprägte Geschichtsstunde. Die Historikerinnen Charlotte Glück als Leiterin von Archiv und Stadtmuseum in Zweibrücken und Sabine Klapp, Direktorin des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern, der Kaiserslauterer Historiker Christian Könne und der aus dem westpfälzischen Hütschenhausen stammende Kulturwissenschaftler Wolfgang Knapp haben aus einer Fülle von zum Teil gar nicht einmal so unbekannten Puzzleteilen ein Gesamtbild konzipiert, bei dem man mehr als einmal ins Staunen gerät. Ob Kunsthistorisches, Politisches oder Sozialgeschichtliches: Alles führt zu der Erkenntnis, dass die Welt mit ihren Menschen um uns herum vielfältiger ist als manche glauben. Und vor allem, dass anders zu sein weder ein Verbrechen noch eine Krankheit ist.

Slevogt und die Schwulen

Nun gab es aber selbst in finstersten Zeiten der Ablehnung Menschen, die dies wussten und öffentlich äußerten. So etwa die Mitglieder des 1897 gegründeten „Wissenschaftlich-humanitären Komitees“ – die weltweit erste Vereinigung überwiegend homosexueller Männer –, die im deutschen Kaiserreich Unterschriften sammelten für eine Petition, die zur Abschaffung des berüchtigten Paragrafen 175 führen sollte. 2500 Persönlichkeiten zeichneten, unter den 24 aus der Pfalz war auch der Maler Max Slevogt.

Der kommt noch ein zweites Mal vor: mit dem Doppelporträt Johannes Guthmann und Joachim Zimmermann von 1915, das Freundespaar, in deren Gutshaus in Neu-Cladow der Maler ein- und ausging und dessen Innenräume er mit seinen ersten Wandmalereien ausgestaltete, die Wegbegleiter auf seiner Reise nach Ägypten. Ein bekanntes Gemälde, über das bislang erstaunlich wenig publiziert wurde. „War der Maler möglicherweise im Mut der Darstellung seinen Interpreten voraus?“, fragte der Heidelberger Kunsthistoriker Thomas Röske dann 2014 bei einer Slevogt-Tagung in Mainz, stellte das Slevogt-Bild in einen größeren Zusammenhang, verglich es mit ähnlichen Motiven bei Kirchner. Am Ende konnte man „möglicherweise“ aus der Frage streichen.

Von den Nazis verfolgt

Fern der in der Kunst versteckten Avantgarde stellen die Pfälzer Historiker (m/w/d) allerdings auch einige berührende und erschütternde Einzelschicksale vor: Sie porträtieren etwa Walther Braun, den 1922 wegen Homosexualität verhafteten Bürgermeister von Schifferstadt oder den „sittlich verdächtigen“ fünffachen Vater Wilhelm Krüger aus Kaiserslautern, der sich 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen das Leben nahm. Manche weibliche Paare wie die Frauenrechtlerin Lena Krukenberg und ihre Lebenspartnerin, die aus Kaiserslautern stammende Pädagogin Lena Hilger, entgingen nur mit Glück den Nachstellungen des NS-Regimes.

Noch schlimmer erging es jenen, die sich „im falschen Körper geboren“ fühlten. Auch unter diesen gleicht kein Schicksal dem andern. Da ist die biedere Hausfrau Hertha Elisabeth Wind (1897-1972), deren Leben als Albert Wind in Ludwigshafen begann und die sich 1915 noch als schneidiger Matrose fotografieren ließ. Da ist aber auch die manchen wohl besser ins Klischee passende Liddy Bacroff (1908-1943), geboren als Heinrich Eugen Habitz in Ludwigshafen, erst Bürodiener, dann Zirkustänzerin, schließlich Prostituierte, „wegen widernatürlicher Unzucht“ als „Gewohnheitsverbrecher“ verurteilt und 1943 im KZ Mauthausen ermordet. An ihrem letzten Wohnort in Hamburg-St. Pauli erinnert seit 2009 ein Stolperstein an sie.

Es hat lange gedauert, bis all diese Dinge offen ausgesprochen werden konnten. Da kommt es dann nicht darauf an, dass man nun noch ein Weilchen warten muss, bis die Ausstellung wieder zu sehen ist. Bis 24. Januar sollte sie in Zweibrücken bleiben und dann nach Kaiserslautern ziehen. Von dort stammt ihr Name: „Nanu“ hieß in den 1980ern und 1990ern eine legendäre queere Diskothek, zu der die Gäste aus dem ganzen Südwesten angereist kamen und die sich auch bei den US-Streitkräften großer Beliebtheit erfreute. Der Terminplan wird sich wohl ändern. Das Staunen sollte bleiben.

Die Ausstellung „NANU?“

  • Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist kein neues Phänomen, sondern existiert schon immer und überall. Jede Region hat dazu ihre eigene Geschichte, die jedoch bisher kaum erforscht ist. Die vom Stadtmuseum Zweibrücken und dem Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde mit weiteren Partnern konzipierte und vom Landessozialministerium wie vom Bundesfamilienministerium geförderte Wanderausstellung beleuchtet die Entwicklungen und regionalen Besonderheiten in der Pfalz. Sie wurde im Oktober eröffnet und ist aktuell geschlossen. Neue Termine und weitere Stationen werden bekanntgegeben, sobald sie feststehen.
  • Die Ausstellungsmacher hoffen auch auf ergänzende Berichte, Dokumente und Hinweise zum Thema. Kontakt: info@institut.bv-pfalz.de.
Erinnerung an Wilhelm Krüger, „sittlich verdächtigt“: ein Stolperstein in Kaiserslautern.
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