Hart am Leben Genau: Über ein fulminantes Füllwort

Berühmter Genau-Sager: Schlemihl (rechts) aus der Sesamstraße.
Berühmter Genau-Sager: Schlemihl (rechts) aus der Sesamstraße.

Sie kennen noch Schlemihl, den windigen Dealer aus der „Sesamstraße“, der Ernie ein O andrehen will, ein X für ein U, die Zahl fünf und ein Pappkarton für den Fall, dass es Himbeerdrops regnen sollte. Und alles unter der Hand. Das heißt Schlemihl, der Figur gewordene Schlamassel, ein sprichwörtlicher Pechvogel und Scheiterer, zieht konspirativ, was er an im Überfluss vorhandenen Selbstverständlichkeiten zu bieten hat, aus seiner Manteltasche hervor wie heiße Ware. Er tritt nah ran. „Nur ein Groschen“, sagt er. Und Ernie so: „Ein Groschen?“, „Himbeerdrops, wirklich?“ Und Schlemihl dann – raunend: „Genauuu“.

Genau so geht das. Ernie fragt und Schlemihl antwortet mit Bestimmtheit: „Genauuu“. Zurück bleiben ratloses Staunen und Ernie. Inzwischen ist der Schlemihl-Sprech, genau, sogar wortwörtlich ins Außenministerium eingezogen. In diplomatische Kreise. Bei Ministerin Annalena Baerbock (41), achten Sie mal drauf, ist das als gedanklicher Atemholer probate Füllwort ein ernstzunehmender Faktor neben „Ähms“, ein Signum auch ihrer relativen Jugend.

Ganze Genau-Generationen sind sozusagen im Rücken von uns unverbindlichen, lauchigen, wägenden Sozusagen-Sagern herangewachsen und an uns vorbeigezogen. Das gute „Ja“, das „nicht wahr?“, schweizerisch: „oder!“ sie alle sind – jedenfalls, gewiss, geradezu, gänzlich und gleichsam –, alle sind passé, abgelöst durch das Unschärfe nur vorgeblich ausschließende Präzisionswort der Jungen für alles, was abseits des großen Ganzen der Einzelfall ist. Und nicht nur als die Sache selbst nicht so genau nehmende Pauschal-Versicherung gegenüber anderen ist es gängig. (Zu unterscheiden sind dabei das dröhnende Stammtischgenau, das ironisch-hämische Bescheidwissergenau und das es eilige habende Genau – unter anderem). Inzwischen wird es sogar als, genau, Dauer-Booster beim sinnsuchenden Reden eingesetzt. Als kurzer fragender Zwischenstopp im Gedankenfluss. Oder so, als würden die gesagten Sätze im Textspeicher deponiert, auf Wiedervorlage. Als Ausdruck einer so allgemeinen wie sprachlich unzulänglich verborgenen Verunsicherung passt es supergenau in unsere nur noch durch scheinpräzise Inzidenz- und R-Werte berechen- und beschreibbare Gegenwart. Wo der Rest doch aus dem Geworfensein ins Offene besteht.

Wenn man so will (!), hat das g-Wort unsere jetzige Verfasstheit über Jahre schleichend vorbereitet und ist viral gegangen, um in der deutschsprachigen Sprechpraxis pandemisch zu werden. Wusste es vielleicht sogar mehr als Christian Drosten und Karl Lauterbach zusammen? Und das, genau, genauer?

Wäre es so, ließe sich dann aber auch das Blatt sprachlich wenden. Hieße folglich, sozusagen, Zeit wär’s für neue, von mir aus auch neue alte Füllwörter, Sinnkrisen stopfende, die komplexe Realität abdichtende und zugleich verändernde Einsprengsel. Welche, die auf der Basis des Gegebenen Hoffnung machen – im Prinzip. Nun zum Beispiel. Nun ist, nun, ganz gut. Schlemihl übernehmen!

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