Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Freud trifft auf Wagner: „Tristan und Isolde“ an der Oper Frankfurt

Das berühmteste Liebespaar der Operngeschichte: Tristan (Vincent Wolfsteiner) und Isolde (Rachel Nicholls).
Das berühmteste Liebespaar der Operngeschichte: Tristan (Vincent Wolfsteiner) und Isolde (Rachel Nicholls). Foto: Aumüller

Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ ist die Geschichte einer unmöglichen Liebe bis zum Tode. Einer doppelten Selbstaufgabe im Liebesrausch. Regisseurin Katharina Thoma macht an der Oper Frankfurt aus Wagners „Handlung in drei Aufzügen“, so der Untertitel, eine psychologische Versuchsanordnung. Das passt ganz gut zur Nervenmusik, für die Generalmusikdirektor Sebastian Weigle am Pult des Frankfurter Orchesters sorgt.

Der 1865 in München uraufgeführte „Tristan“ ist eine Oper, die aus der Zeit gestürzt ist. Irgendwie noch immer nicht so ganz von dieser Welt. Ein Solitär. Und eine gefährliche Droge, mindestens. Wagner ging darin so weit wie nirgends sonst. Musikalisch, aber eben auch thematisch. „Tristan und Isolde“ ist Höhe- und Endpunkt der Romantik zugleich. Was danach noch kam, sind Rückzugsgefechte. Aber was mit Eichendorff, mit den Brüdern Schlegel, vor allem aber mit Novalis begann, das kulminierte quasi zwangsläufig in dieser einen Oper. „Tristan“ eben.

Das Ende der Romantik

Gemeinhin liest man ja viel Schopenhauer aus dem „Tristan“ heraus. Und natürlich erkennt man die berühmten „Hymnen an die Nacht“ von Novalis gerade im zweiten Aufzug wieder, in dem das erotische Rauschen zur Selbstaufgabe des Ichs im Du heraufbeschworen wird. Immer im Wissen darum, dass ein endgültiges Verlöschen der Individualität nur im Tod möglich ist. Diese beiden im wahrsten Sinne wahnsinnig Verliebten wollen ja gar nicht zusammen leben, sondern nur zusammen sterben. Einen Liebestrank haben sie eigentlich gar nicht nötig. Lediglich den Todestrank – beziehungsweise den Glauben an dessen Wirksamkeit. Im Wissen um den bevorstehenden Tod werfen sie alle Rücksichten über Bord, werden sie zu Kindern der Nacht, den grellen, hellen Tag für immer hinter sich lassend.

Bühnenbildner Johannes Leiacker hat ein riesiges weißes Laboratorium auf die Frankfurter Bühne gebaut. Auf einer frei schwebenden schwarzen Spielfläche sehen wir zunächst Isolde, später, in einem kleinen Kahn eng umschlungen mit ihr, auch Tristan. Die Kostüme von Irina Bartels erinnern manchmal an die Zwanzigerjahre, dann wieder an die Nachkriegszeit. Die Regie nutzt diesen Raum für eine Therapiesitzung. Sie versucht herauszufinden, warum dieser Mann unter Beziehungsunfähigkeit leidet. Tristan – so schildert er sich selbst zu Beginn des letzten Aufzugs – kennt Bindungen nur in Zusammenhang mit Verlusterfahrungen. Seine Mutter starb bei seiner Geburt, sein Vater nach seiner Zeugung. Er wächst als Waise auf, mit König Marke als einziger emotionaler Bezugsperson. Und ausgerechnet diesen Menschen verrät er mit seiner Liebe zu Isolde.

Besuch aus dem Totenreich

Während Tristan diesen großen Monolog singt, bekommt er Besuch aus dem Totenreich. Vielleicht sind es seine Eltern, die sich da über den schwer verwundeten, aber viel mehr seelisch denn körperlich leidenden Mann beugen. Tristan wartet sehnsüchtig auf Isolde – und zögert zugleich nicht, sich ihr für immer zu entziehen. Nicht nur, dass er sich den Verband von seiner Wunde reißt, er stößt auch nochmals mit aller Gewalt zu. Sie findet den Geliebten in einer Blutlache – und weiß, dass sie zu spät gekommen ist. Auch der gemeinsame Tod war nur ein unerfüllter Wunsch.

Fehlt noch Isoldes „Liebestod“. Wagners nun wirklich allerberühmtester Opernschluss. Die Bühne nun komplett in strahlend-grellem Weiß. Isolde schreitet vor zur Rampe, spricht, singt uns ganz unmittelbar an, lächelt uns zu. So quasi, als gäbe es da eine gemeinsame Ebene des Verstehens, des Wissens um das, was geschah. Diese junge Frau wird ihrem Geliebten jedenfalls nicht in den Tod folgen. Vielmehr scheint sie bereit für ein Leben ohne ihn. Isolde ohne Tristan – warum eigentlich nicht?

Isolde als selbstbewusste, moderne Frau

Rachel Nicholls macht aus dieser Isolde von Beginn an eine selbstbewusste, moderne Frau, in der sich alles dagegen sträubt, dass sie wie eine Ware von Tristan bei ihrem künftigen Ehemann, König Marke, abgeliefert werden soll. Ihre Stimme kann im Piano durchaus warm und rund klingen, neigt aber bei laut gesungenen Spitzentönen auch zu einigen Schärfen. Dennoch absolut bewundernswert, wie sie die schwierige Partie durchsteht. Das gilt auch für Vincent Wolfsteiner als Tristan. Er hat auch im letzten Aufzug noch genügend Reserven und bemüht sich den ganzen Abend erfolgreich, sauber zu singen und ohne zu viel Kraft aufwand auszukommen. Claudia Mahnke ist eine großartige Brangäne, und auch Andreas Bauer Kanabas (König Marke) und Christoph Pohl (Kurwenal) können absolut überzeugen.

Das tut auch das Frankfurter Opernorchester unter der Leitung seines Chefs Sebastian Weigle. Der setzt ganz auf Überwältigung, lässt mit mitreißendem Engagement musizieren – und überfordert vielleicht an der ein oder anderen Stelle die Solisten mit einer Lautstärke, gegen die diese dann nur noch schwer ankommen.

Termine

24., 26., 30. Januar; 2., 6., 8., 16., 21. Februar.

Am Ende bleibt Isolde alleine zurück in einen ebenso blendend weißen wie kalten Umgebung.
Am Ende bleibt Isolde alleine zurück in einen ebenso blendend weißen wie kalten Umgebung. Foto: Aumüller
Auf dem Weg zu König Marke.
Auf dem Weg zu König Marke. Foto: Aumüller
Isolde mit ihrer Vertrauten Brangäne (Claudia Mahnke).
Isolde mit ihrer Vertrauten Brangäne (Claudia Mahnke). Foto: Aumüller
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