Kunst
Fremde Nähe: Die Kunsthalle München zeigt polnische Symbolisten
Am Rocksaum lauert das Unbehagen. Da schleicht eine alte Frau, die gierig auf einen Blumenstrauß starrt. Es sind Lotosblüten, die ein eng aneinandergeschmiegtes junges Paar unter einem weiten Umhang mit den Händen zu schützen versucht. Und als wäre das alles nicht schon bizarr genug, spazieren die beiden noch durch einen Hain aus Schmetterlingen. Doch der Schein trügt: Zwischen den Flügeln sitzen Schlangenköpfe, die sich gegenseitig an den Kragen gehen.
Mit Edward Okuns schillerndem Gemälde „Wir und der Krieg“ endet die Ausstellung „Stille Rebellen“ in der Kunsthalle München. Es sind um 1920 die allerletzten Ausläufer des polnischen Symbolismus, der sich noch einmal von einer hoch artifiziellen, unheimlichen Seite zeigt. Mit den üblichen Deutungsangeboten der (west)europäischen Kunstgeschichte kommt man hier nicht weit. Das geht bei den rund 130 Werken aus den Nationalmuseen Warschau, Krakau und Posen in einer Tour so.
Melancholische Hofnarren
Dabei gibt es oft genug Bezüge nach Frankreich, Deutschland, Großbritannien oder Skandinavien. Doch die Künstler haben aus den Anregungen, die sie sich bei ihren Kollegen und an den Akademien in Paris, Wien, Petersburg und nicht zuletzt in München geholt haben, etwas ganz Eigenes gedreht.
Man muss die polnische Geschichte schon kennen, um mit bleichen Frauengestalten samt abgerutschter Ährenkrone – Polonia –, mit melancholischen Hofnarren, pflügenden Clownsfiguren und mit den unzähligen grauen Soldatenmänteln etwas anfangen zu können. Aber eine Nation ohne eigenen Staat schafft sich ein ideelles, ein Fantasieland. Wer unterdrückt wird, träumt sich in die Freiheit. Und wer dauernd zwischen den Großmächten Europas hin- und her geschachert wird, muss sich an etwas festhalten, das einem keiner nehmen kann: an der Tradition, der Kultur und natürlich – wir sprechen über das katholischste Volk überhaupt – an der Religion.
Bis zu seiner Unabhängigkeit im Jahr 1918 war Polen in wechselnden Größenverhältnissen aufgeteilt. Russland, Preußen und Österreich-Ungarn ließen ihrer Gefräßigkeit mehr oder weniger freien Lauf und herrschten über Warschau, Posen und Krakau. Entsprechend unterschiedlich war die Regentschaft. Während es in der ehemaligen polnischen Hauptstadt Krakau unter den Habsburgern vergleichsweise liberal zuging, wirkten die Russen in Warschau ausgesprochen restriktiv. Der Uniformmantel oder „szynel“, der in vielen Szenen auftaucht, wurde bei der Deportation nach Sibirien getragen und ist selbstredend Zeichen der Unterjochung und der Willkür. Aber auch der leisen Hoffnung, ihn irgendwann abwerfen zu können. Wenn Jacek Malczewski (1854-1924) in den späten 1890er-Jahren ein expressives Bacchanal aus Bauern, Satyrn und Mänaden, der französischen Marianne und sich aus Ketten befreienden Nackten um eine Leiter wirbeln lässt, dann werden da auch Armeemäntel vom Körper gerissen. Und über allem thront der Maler als nachdenklicher Knabe, der die kühnsten Visionen auf die Leinwand bringen kann und sich in diesem Leibergewirr wie der Weltenrichter beim Jüngsten Gericht vorkommen muss. Mehr geht nicht in einem „Teufelstanz“, so der Titel, und wer mit solchen Ölschinken ansonsten fremdelt, wird erstaunt sein über die eigene Schaulust.
Malczewski sticht mit seinen anspielungsreichen Kompositionen deutlich heraus aus der Bewegung „Junges Polen“, die ihren Anfang in der Literatur nahm – treibender Geist war um 1890 der Schriftsteller Artur Górski – und bald Musiker und Künstler mitgerissen hat. Der Blick ging nach vorn, aber genauso zur eigenen Volkskunst und schließlich zurück zur Romantik mit ihren Landschaften, die Seelenzustände beschreiben und im Grunde auch Ausdruck für stille Resignation sind. Caspar David Friedrich etwa hatte rund 70 Jahre zuvor die politische Ohnmacht der Deutschen in Zeiten der Napoleonischen Kriege und der Restauration schwer bedrückt.
Abseits der Hirtenknaben
In Warschau und Krakau ging es dabei ständig um die Identifikation. Dafür ist der mittelalterliche Hofnarr „Stanczyk“ ein schönes Beispiel, weil er nach polnischen Verlusten an Russland einer düsteren Zukunft entgegensieht. Jan Matejko (1838-1893) taucht diesen Verzweifelnden in feuriges Rot – das Gemälde ist in jedem polnischen Schulbuch abgebildet. Sein Schüler Leon Wyczółkowski (1852-1936) greift die Symbolfigur wieder auf, setzt sie allerdings in ein Marionettentheater aus Vertretern der Gesellschaft. Wyczółkowski hält wie James Ensor der Welt den Spiegel durch Maskeraden und Puppen vor und übertrifft den Belgier teils noch in seinem bitteren Spott („Zirkus der Irren“, 1906). Es wimmelt nur so vor Entdeckungen. Und damit sind weniger die Verwandten des Lenbachschen Hirtenknaben oder Böcklins mythologische Panfiguren gemeint, die interessante Verbindungen zu München herstellen.
Aufregende Grautöne
Wojciech Weiss (1876-1950) etwa fesselt um 1900 durch seelische Extreme wie die „Besessenheit“ – ein Meer aus sich auflösenden gelbroten Leibern – oder durch einen „Dämon“, der in Gestalt eines fies grinsenden Kaffeehausgängers seine weinende Gefährtin piesackt. Und dann sind da die feinsinnig psychologischen Porträts der Olga Boznanska (1865-1940), die in München und Paris gelebt hat und sich zwischen Wilhelm Leibl, Manet und den Impressionisten überall vom Besten inspirieren ließ und selbst Grautöne zu raffiniert flirrenden Aufregern mischt. Dass diese Kunst hier kaum bekannt ist, muss einen peinlich berühren. Von Berlin bis nach Posen sind es keine 300, bis an die polnische Grenze um die 70 Kilometer. Auch der zurecht kritisierte eurozentrische Blick hat noch eine Menge weißer Flecken, die in der Kunsthalle wieder einmal famos mit Farbe gefüllt werden.
Die Ausstellung
„Stille Rebellen – Polnischer Symbolismus um 1900“ bis 7. August in der Kunsthalle, Theatinerstraße 8, Katalog (Hirmer), 35 Euro in der Ausstellung.