Serie RHEINPFALZ Plus Artikel Frauensache: Kulturreporter to go bei den Speyerer Gitarristas

Ohne Männer spielt sich besser: Die Gitarristas haben jedenfalls oft gute Laune.
Ohne Männer spielt sich besser: Die Gitarristas haben jedenfalls oft gute Laune.

Die Gitarristas, das erste reine Frauen-Gitarren-Ensemble Deutschlands, existiert seit 15 Jahren und ist offen für neue Mitspielerinnen. Gründerin und Leiterin Jutta Keller ist weit gereist und in einer der letzten Männerdomänen weit gekommen. Jetzt schlägt ihr abenteuerliches Profiherz im Probenraum.

Speyer, Fußgängerzone, wir treffen uns im „Maximilian“. Jutta Keller ist früher dran gewesen. „Hallo!“, ein inneres Strahlen jetzt in ihrem Gesicht. Es soll um die Gitarristas gehen, ein Ensemble, das aus 19 Frauen besteht und – „Du meintest Gitarren-Ensemble?“ – der Suchmaschine suspekt ist. In Deutschland sind sie die erste Gruppe dieser Art. Irgendwann hat Jutta Keller also eine Mail an den Reporter geschickt. Ob das nichts wäre für die Serie? Die Gitarrenlehrerin, die in ihrer Schule keine Geschlechtsunterschiede macht, ist die Gründerin der Gitarristas, die sie seit 15 Jahren im Wortsinn dirigiert. Die älteste 74. Die jüngste 15., alle Gitarristas sind ihre Ex- oder Noch-Schülerinnen, die teils aus der ganzen Ostpfalz zur Probe anfahren. Jutta Keller ihrerseits figuriert vor allem im Speyerer Kulturleben als Aktivposten, seit sie 2007 wieder in ihren Geburtsort gezogen ist.

Früher mit der Gitarre auf Welttour: Gitarristas-Gründerin Jutta Keller.
Früher mit der Gitarre auf Welttour: Gitarristas-Gründerin Jutta Keller.

Wer kennt Las Migas?

Die 60-Jährige komponiert auch, textet, tritt mit eigenen musikalisch-lyrischen und audio-visuellen Projekten auf, die teils auf ihrem Youtube-Kanal zu sehen sind. Zwölf CDs von und mit ihr sind erschienen. 4002,87 Euro bilanziert sie das Einspielergebnis eines Gitarristas-Benefiz-Auftritts für die Kindertafel, der jüngst in der Kirche St. Bernhard in Speyer über die Bühne ging. Sie trinkt Tee und erzählt, ein reines Frauen-Ensemble habe ihr schon lange vorgeschwebt. Warum? Als feministisches Anliegen? Jutta Keller merkt schnell, dass sie zur Erklärung weiter ausholen muss.

Ich solle das doch mal suchen im Netz, „berühmte Gitarristinnen“. Und Google daraufhin wieder so: „du meintest: berühmte Gitarristen?“. In dieser Reihenfolge ploppen Jimi Hendrix, Eric Clapton und Jimmy Page auf. Auf Nachfrage wird mir dann doch noch Memphis Minnie (1897 bis 1973) vorgeschlagen, eine Bluesmusikerin aus Louisiana, die teils von Prostitution gelebt und zu ihren Hochzeiten berühmte Kollegen ins Aus gespielt hat – für eine Flasche Whiskey als Preis. Will heißen, wir reden – offensichtlich – über eine der letzten (?) Männerdomänen, die seit ewig existieren. Und darüber, dass die Gitarristas ihr Ensemble auch als eine Art von musikalischen Schutzraum vor kerligen Ambitionen erleben, wie sie später erklären werden. Jutta Keller derweil laboriert daran, dass ihr Instrument als Inbegriff des Rock-n’-Roll-Mackertums gilt und Frauen sich mehr beweisen müssen und dennoch weniger sichtbar sind, schon ihr halbes Leben.

Dass alle Welt Alvin Lee kennt, kaum jemand Jennifer Batten, die als früherer Sidekick von Michael Jackson in die Geschichte einging. Wer weiß schon, dass Las Migas, das weibliche Flamenco-Quartett aus Barcelona, vergangenes Jahr den Latin Grammy für das beste Flamenco-Album des Jahres bekommen hat – gegen die männliche Konkurrenz? Jutta Keller ist selbstverständlich bekennender Fan.

Jutta Kellers zwei Leben

Bevor wir zur Probe in die Johanneskirche fahren, erzählt sie von ihrer Zeit in Andalusien, wo man als Frau die Männer schon an die Wand spielen müsse, um beim Flamenco auch außerhalb der Tanzfläche ernstgenommen zu werden. Wie die Frauen in gemischten Gruppen quasi instinktiv in die Defensive gehen – und die Männer, sagen wir es so: eher nicht. Oft erlebt. Jutta Keller ist viel herumgekommen in ihrem wie zweigeteilten Leben. Es kommt einem so vor, wenn sie von ihrer ersten Karriere als Handballerin in der zweiten Bundesliga und der Nationalmannschaft der Studentinnen erzählt. Von ihrem Sportlehrerinnen-Diplom, in Mainz erworben – und wie sie dann doch noch zur Musik gewechselt ist. Ihr zweites Leben seither ist unverbrüchlich mit der klassischen Gitarre konnotiert – und der etwas leichteren Flamenco-Version mit den schmaleren Zargen.

Sie sagt: „Ich bin mit der Klassik groß geworden.“ Und mit der Bassistin und Rockröhre Suzie Quatro als einzigem sichtbaren weiblichen Vorbild. Wo ihr doch von Anfang an spanische Musik gelegen habe. Ob es denn sein könne, dass die Spanier im 17. Jahrhundert Dudenhofen steiften, fragt sie dann – und es hört sich augenzwinkernd rhetorisch an. Nach zwei Jahren Jazzgitarren-Studium an der Frankfurter Musikwerkstatt sah man Jutta Keller 14 Jahre lang mit der Frauen-Combo Kick la Luna und Musik der Richtung Ethno-Funk durch die Welt touren.

In den USA seien sie gewesen, in Montreal hätten sie gespielt, beim World-Woman-Festival und im schwitzigen Hamburger „Logo“, wo man sie für die skurrile Vorgruppe einer hinter dem Vorhang wartenden „richtigen“ Männer-Band hielt. Edo Zanki habe mit ihnen eine CD produziert, Jutta Keller lässt die für sie schöne, ambivalente Zeit Revue passieren. Jetzt schlägt ihr abenteuerliches Profiherz eben – auch – im heimatlichen Johanneskirchen-Probenraum. Bei gut gelaunten Proben mit Musikerinnen, die im wahren Leben Berufe wie Gartenbauingenieurin, Lehrerin oder Sozialarbeiterin haben. Oder als Rentnerin von Papa ante portas vom Üben abgehalten werden. Etwas grelles Licht fällt in den kleinen Kirchengemeindesaal.

Die Gitarre, ein Schubs

Eine Musikanlage ist aufgebaut, um begleitende Schlagwerktöne einzuspielen. Alsbald dirigiert Jutta Keller Ganzkörper-wippend drei Reihen Frauen. Darunter welche, die sich wie Patrizia Buckreus mit dem Gitarrespielen einen Kindheitstraum erfüllen. Andere haben wieder angefangen, als Zeit war. Anne Storm, die in der ersten Reihe vorne links sitzt, hat 2015 nach einem Konzert der Gitarristas bei Jutta Keller mit dem Spielen begonnen und „sich nicht träumen lassen“, dass sie nach der ersten Begeisterung jetzt selbst Teil der Welt ist, die Karin Zapf „eine Oase“ nennt.

Gitarristas,erste Reihe: Helena Möller (im roten Pullover) ist die Jüngste im Ensemble, Lisa Sterner rechts neben ihr auch ein g
Gitarristas,erste Reihe: Helena Möller (im roten Pullover) ist die Jüngste im Ensemble, Lisa Sterner rechts neben ihr auch ein großes Talent.

Kerstin Strauß schreibt auf der Netzseite der Gruppe, auf der sich alle Gitarristas mit Foto vorstellen: „Als meine Tochter im Studium auszog und ihre Gitarre daheimließ, gab mir das den Schubs, selbst Unterricht zu nehmen.“ Heute sitzt sie trotz leichtem Üb-Stau tiefenentspannt links in der letzten Reihe. Heilerzieherin Gudrun Reichling hat vorne rechts ihren Platz. Sie schreibt in ihrer Online-Selbstauskunft, dass sie Gitarrenmusik „schon seit Kinder- und Jugendtagen begleitet“ habe. Sie sagt: Sie spiele so gut wie jeden Tag. Auch Lisa Sterner, die Jutta Keller großes Talent bescheinigt, wollte aus unerfindlichen Gründen schon im Kindergarten Gitarre lernen und musste bis zur dritten Klasse warten. Helena Möller, mit 15 die jüngste im Ensemble, die auch mit gutem Grund ganz vorne sitzt, hat hartnäckig schon mit fünf – eigentlich zu früh – bei Jutta Keller mit Gitarrenunterricht angefangen. Heute kommt sie mit leichter Verspätung vom Cha-Cha-Cha aus dem Tanzunterricht. Musik hebt jetzt an.

Die Gitarristas haben vorwiegend Salsa im Repertoire, Rumba und Bossa nova, „temperamentvolle spritzige, aber auch verträumt-melancholische Instrumentalkompositionen“, wie sie es selbst beschreiben. Klassiker wie Francisco Tárregas „Recuerdos de la Alhambra“, die Jutta Keller dann für das Ensemble umschreibt. „Sol y sombra“, Sonne und Schatten, das Stück, das melodisch Resonanz auslöst und das sie jetzt spielen, hat Jutta Keller dagegen eigenkomponiert. Sie dirigiert es in wiegenden Bewegungen. Als nächstes führen die Gitarristas Cees Hartogs „Cheran’s Dance“ wie aus dem Lehrbuch auf. Sie spielen „Faena“ der Männercombo Gipsy Kings, eine kulturelle Aneignung? Zum Schluss greift Jutta Keller dann selbst zur Gitarre und lässt sich von den Gitarristas bei ihrer Komposition „Sin palabras“ in andere Sphären begleiten. „Sprachlos“ heißt der Titel übersetzt.

Infos

Die Gitarristas begreifen sich als offenes Ensemble, das sich auf neue Mitspielerinnen freut. Voraussetzung sind zwei Jahre Spielerfahrung und Notenkenntnisse. Kontakt über die Homepage www.diegitarristas.de

Kulturreporter to go

Wer Vorschläge für die Serie hat, kann sich an die Mailadresse: redkult@rheinpfalz.de wenden. Oder per Post an: Die Rheinpfalz, Redaktion Kultur, z. Hd. Markus Clauer; Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen.

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