Interview
Fran Healy (Travis) über Corona, Deutschland sowie gute und schlechte Songs
Fran, die Frage muss in Corona-Zeiten gestattet sein: Wie geht’s?
Mir geht es gut. Ich versuche mich ja im Social Distancing schon seit etwa 25 Jahren, daher bin ich da gut trainiert. Außerdem bin ich gut beschäftigt, mache Musikvideos und die ganzen Visuals für die Band. Es ist nur eben alles ein wenig komplizierter als sonst: Ich erinnere mich noch, wie ich vor genau einem Jahr im Garten umherlief, ich war gerade aus London nach L.A. zurückgekehrt, und über das Telefon versucht habe, unser neues Album zu mixen: Kannst du die Vocals etwas lauter machen? Die Gitarre? Das lief alles digital. So geht das nun also schon ein Jahr, aber es geht irgendwie. Andere trifft es da härter: Ich habe Bekannte in Großbritannien, deren Eltern an dieser furchtbaren Krankheit gestorben sind. Sie haben sich im Krankenhaus angesteckt, wo sie eigentlich wegen etwas ganz anderem behandelt wurden.
Gehören Sie zu der Sorte Mensch, die Corona-Nachrichten aus dem Weg gehen? Oder saugen Sie alle Infos in sich auf?
Das ist mal so und mal so. Wellenförmig. Die Berichterstattung über das Virus kann manchmal selbst wie ein Virus wirken. Ich kenne Menschen hier in Los Angeles, die haben seit einem Jahr ihr Haus nicht mehr verlassen. Das ist schon sehr extrem. Man darf durchaus rausgehen. Solange man sich schützt und von anderen fern hält. Aber jeder hat natürlich das Recht, seinen eigenen Weg zu finden, wie er mit der Krise umgeht. Ich trage meine Maske, wasche mir die Hände sehr oft. Als Sänger ist mir direkt aufgefallen: Ich war seit einem Jahr nicht mehr krank. Das ist gut für meine Stimme. Daher kann ich mir durchaus vorstellen, dass ich auch nach Corona weiterhin Maske tragen werde.
Verfolgen Sie noch, was in Deutschland passiert, wo Sie jetzt in den USA leben? Sie haben ja lange in Berlin gewohnt. Was vermissen Sie an der Stadt?
Ich vermisse vor allem meine Freunde. Wolfgang Becker (Filmregisseur). Oder Daniel Brühl, der gerade Regie bei seinem ersten Film geführt hat. Berlin selbst vermisse ich auch. Aber auch das Vereinigte Königreich. Das habe ich komischerweise nicht vermisst, als ich noch in Berlin gelebt habe, vielleicht war ich da noch zu nahe dran. Aber hier drüben fehlt es mir. Die Briten können einfach so herrlich über sich selbst lachen, über die ganze Absurdität der Existenz. Diese Eigenschaft fehlt den Amerikanern so ein bisschen. Zumindest in der großen Masse. Da kann man auch nur schwer auf Leute zugehen und einfach mal einen Witz reißen. Da hatte ich bei den Deutschen mehr Glück.
Keine Selbstverständlichkeit. Ich habe mal gelesen, dass Sie nie Deutsch gelernt hatten, aus Angst, es könnte Ihr Songwriting beeinflussen.
Viele Songwriter erreichen ein bestimmtes Level, wenn sie 26 Jahre alt sind, auf dem sie dann verharren. Ein Plateau. Ich habe das Gefühl, dass ich es geschafft habe, auch danach noch gute Songs zu schreiben. Bis heute. Manche sind besser als andere, die ploppen dann einfach so raus, da ist auch etwas Glück im Spiel. Ich hatte Angst, wenn ich Deutsch lernen würde, würde das etwas mit meiner inneren Stimme machen. Sie irgendwie verändern. (imitiert einen Englisch sprechenden Deutschen mit schwerem Akzent). Ich habe mich dann entschieden, es schottisch, britisch zu halten. Vielleicht bin ich auch einfach verrückt. Zum Glück habe ich aber trotzdem in Berlin überlebt, weil die Deutschen sehr smart sind und gut Englisch sprechen.
Die deutsche Band Tocotronic hat mal gesagt, über Liebe und Sex könne man eigentlich nur auf Englisch singen, nicht auf Deutsch.
Ich bin gut mit Herbert Grönemeyer befreundet. Er kann das auf jeden Fall. Er ist ja jemand, der in seinen Songs sehr emotional wird. Ein wirklich emotionaler Typ, der in Deutschland sehr bewundert wird. Auf der anderen Seite kann ich mir vorstellen, dass Tocotronic Recht haben und die deutsche Sprache begrenzend wirkt, wenn es um das Gefühl geht. Man merkt das ja auch außerhalb der Musik. Der Deutsche steht nicht so sehr auf Small Talk, er findet das schwierig. Ich habe meinen Nachbarn immer dazu zwingen müssen, sich mit mir auf der Straße für fünf Minuten einfach so zu unterhalten. Sprachen haben Eigenschaften. Das Englische ist sehr offen, das Deutsche eher wie ein rollender Zug, der nicht entgleist. Und vielleicht hat das auch Auswirkungen auf das Emotionale.
Viele Musiker klagen derzeit darüber, keine Konzerte mehr spielen zu können. Wie man liest, hatten sie in den vergangenen Jahren gar nicht mehr groß Lust, zu touren. Hat sich das durch die Pandemie verändert?
Ich bin Vater, und das verträgt sich mit dem Tourleben nicht besonders gut. Man möchte bei seinen Kindern sein, nichts verpassen. On the road zu sein, das wurde für mich immer schwieriger. Außerdem wurde das Performen selbst nach Tausenden von Shows auch abstrakt für mich. Ich habe mich immer häufiger dabei ertappt, wie ich mich gefragt habe: Was mache ich hier eigentlich? Mitten in einem Konzert. Nach der letzten Tour habe ich dann gesagt: Ich weiß nicht, wie lange ich das noch so machen kann. Tja, mit solchen Wünschen sollte man wohl vorsichtig sein. Nach sechs Monaten Pandemie kam dann der Zeitpunkt, an dem wir eigentlich zu einer Tour aufbrechen sollten und natürlich nicht konnten. Da hat es mir dann plötzlich gefehlt. Das war für mich eine wichtige Lektion: Ich sollte dankbarer sein für diesen wundervollen Job. Daher kann ich es jetzt kaum erwarten, wieder live spielen zu können. Musik, Konzerte – das ist ein Luxus. Wir werden es alle hoffentlich mehr Wert schätzen.
Der eine oder andere Musiker muss sich auch gerade nach einem Plan B umsehen. Was wäre denn ihrer gewesen, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte?
Wahrscheinlich wäre ich beim Film gelandet. Alles, was ich im Leben mache, ist visuell. Ich war auf der Kunstschule, ich war Maler. Auf jeden Fall sehe ich mich als Storyteller. Es wäre irgendwas geworden, was all diese Vorlieben verknüpft.
Ihr habt im vergangenen Jahr mit „10 Songs“ ein neues Album rausgebracht. Der Titel wirkt wie ein Statement: zehn echte Songs. Sie haben mal gesagt, heute werden keine guten Songs mehr geschrieben. Woran liegt das?
Der Grund dafür ist, dass heute immer mehr Produzenten Songs schreiben. Und Produzenten sind keine Songwriter. Produzenten sind Produzenten. Sie sind nicht so gefühlvoll, sondern eher technisch. Menschen, die wirklich gut darin sind, Dinge gut klingen zu lassen. In den vergangenen 20 Jahren haben sie gemerkt, dass im Songwriting viel Geld steckt. Und jetzt bestimmen sie das Business. Songwriter gibt es schon ewig; Produzenten nicht. Sie suchen nicht nach der Wahrhaftigkeit eines Songs, sie suchen nach Hooks. Das muss nicht immer schlecht sein. Aber ich denke, es ist immer noch am besten, wenn man einen guten Songwriter, einen Storyteller, mit einem brillanten Produzenten zusammenbringt. Dann kommt etwas Gutes dabei heraus, das einen universellen Nerv treffen kann. Vielleicht kommt die Zeit irgendwann mal wieder. Momentan geht es eher um Dance-Songs, Songs, zu denen sich die Leute bewegen können. Das ist alles sehr industriell geworden.
Ist es da nicht die logische Konsequenz, dass die Leute Musik weniger wertschätzen, sondern eher konsumieren? Wie ein industrielles Produkt eben.
Ich glaube, da sind einfach sehr viele Dinge zusammengekommen. Technologie macht eben das, was sie immer mit dem Geschäft macht: Sie verändert und bestimmt Musik. Wie sie konsumiert wird, wie sie klingt. Ob das die Kabinen im Plattenladen in den 1940er Jahren waren, später Jukeboxen, das Radio, das DJing. Solche Dinge haben immer Musik und den Zugang zu ihr definiert. Gute Songwriter gibt es auch heute noch, aber auf sie fällt momentan eben nicht das Spotlight. Im Großen und Ganzen ärgert mich das auch nicht. Natürlich gibt es Momente, in denen ich einen Song höre und denke: Was ist das für ein Scheiß, warum läuft so etwas denn im Radio? Aber solche Momente hatte ich früher auch immer schon. Ob in den 1990ern oder den 2000ern. Es wird immer Scheiß-Songs geben, aber auch solche, über die man sich freut und sie geradezu absorbiert.
Wird sich durch die Pandemie die Wertschätzung für Musik verändern?
Den Zeitgeist kann man nicht vorhersagen. Wer hätte vor ein paar Jahren vorhergesagt, dass eine App wie TikTok so groß werden und die Menschen zum Tanzen bringen würde? Ich bin selbst kein großer Tänzer und auch kein Fan dieser Art von Musik, aber ich finde das trotzdem cool. Solange Menschen auf irgendeine Art und Weise von und durch Musik bewegt werden, ist alles gut. Musik ist eine der größten Erfindungen der Menschheit. Näher als durch sie kommen wir dem Himmel nicht.
Eine der schönsten Nummern auf der neuen Platte ist das Duett mit Susanna Hoffs von den Bangles. Wie kam die Zusammenarbeit zustande? Habt ihr sie überhaupt persönlich treffen können?
Ja, das lief alles noch vor der Pandemie ab. Der erste Kontakt war via Twitter, anderthalb Jahre vor der eigentlichen Zusammenarbeit. Sie lebt auch in Los Angeles, ich bin dann einfach vorbeigefahren. Ding, dong. Sie hat die Tür geöffnet. Eine wirklich zierliche Person und total cool, einladend, einfach wunderbar. In wenigen Minuten hatte ich vergessen, dass sie diese Frau war, in die sich damals jeder meiner Mitschüler verliebt hatte. Wir saßen also bei ihr in der Küche, tranken Kaffee, unterhielten uns. Ursprünglich wollte ich sie für den Song „A Million Hearts“, sie mochte ihn auch. Aber dann war ich mir nicht mehr so sicher, ob der Song wirklich als Duett funktionieren würde. Aber dann hatte ich ja noch „The Only Thing“. Sie sagte mir: Ich bin bei allem dabei, ich liebe deine Songs. Ein paar Monate später bin ich dann wieder bei ihr aufmarschiert, diesmal mit Mikro, Laptop und meinen Kopfhörern. Dann haben wir die Nummer bei ihr im Wohnzimmer aufgenommen.
Es war ja für Sie nicht das erste Mal, mit einem alten Helden zusammenzuarbeiten. Unter anderem hatten Sie ja schon mit Paul McCartney gemeinsame Sache gemacht. Ist ja immer gefährlich, die eigenen Idole zu treffen. Haben Sie sonst noch Künstler auf der Liste, mit denen Sie gerne mal gemeinsam vors Mikro treten würden?
Paul war wirklich fantastisch. Meist merkt man das ja recht schnell, ob es eine gemeinsame Wellenlänge gibt. Er ist ein Storyteller, nimmt sich selbst auch nicht zu ernst. Susannah ist genauso. Oder KT Tunstall. Ich kann auch nur mit solchen Künstlern zusammenarbeiten. Man muss sich mögen, nicht nur bewundern. Ein gutes Gefühl haben. Eine Bucketlist habe ich aber nicht.
Stichwort „gutes Gefühl“. Ihr macht euch gerade an eine Wiederveröffentlichung eurer frühen Platten auf Vinyl. „Good Feeling“ ist Anfang 2. April heraus gekommen. Wie stehst du denn heute zu dem Album? Viele sagen ja: Es war eines eurer Besten.
Ich habe es mir 20 Jahre nicht angehört, fand es immer okay irgendwie, aber vor zwei Wochen dann habe ich es mal wieder aufgelegt. Es hat mich echt umgehauen. Ich finde es wirklich außergewöhnlich. Die Songs waren stark. Die Energie infektiös. Und dann dieser Sound! Der Sound einer Band, die vor Selbstvertrauen nur so strotzte. Vor Jugend. Wir galten in der Britpop-Szene so ein bisschen als die schrägen Schotten, die ihre Inspiration nicht nur aus Großbritannien, sondern vor allem auch in den USA fanden. Auch wenn Bowie und die Beatles sicherlich dazu gehört hatten. Wir sind bis heute schräg.
Euch gibt es jetzt seit 25 Jahren. Wie sehen sie die Zukunft der Band? Denkt ihr da ans Aufhören?
Wir sind immer noch mit viel Spaß an der Sache, sind auch in der Pandemie fleißig. Derzeit basteln wir an neuen Songs. Vielleicht wird da am Ende dann eine EP draus. Und wir freuen uns darauf, irgendwann wieder live spielen zu dürfen.