Kultur Filmfestival Venedig: Draufsicht auf die Fülle des Schreckens
Kein anderer Film aus dem Hauptwettbewerb der noch bis Samstag nächster Woche laufenden 74. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele Venedig wurde bisher mit derart viel Spannung erwartet wie die Dokumentation „Human Flow“ des Künstlers Ai Weiwei. Gestern Abend war die Uraufführung.
Ein Jahr lang hat Ai Weiwei mit mehreren Kamerateams in 23 Ländern gedreht: Menschen in Zeltlagern, auf Booten, an Grenzzäunen, auf schier endlos anmutenden Märschen. Er zeigt Kranke und Verzweifelte. Gelegentlich lässt er einzelne Flüchtlinge zu Wort kommen, lässt sie ihre Hoffnungen und Zweifel artikulieren. Auch Helfer äußern sich. Ob Zentralafrika oder die Grenzregion zwischen den USA und Mexiko, Syrien, Deutschland, Ungarn, Griechenland, Italien, Afghanistan: Die Heimatlosen, die um ihr Leben Flüchtenden, ihre verzweifelten Lebensumstände werden in geradezu unzähligen Momentaufnahmen gezeigt. Immer wieder eingeblendete Schriftzüge nennen Fakten, Zahlen, skizzieren politische Entwicklungen. Zu lesen sind häufig auch Dichterworte, die nichts als schlichte Menschlichkeit fordern. Und oft zu sehen: Ai Weiwei, wie er sich und die Flüchtenden mit einem Mobiltelefon filmt, wie er ein Kamerateam instruiert, auch, wie er sich die Haare scheren lässt. Vor allem die häufige Selbstdarstellung des aus seiner Heimat China ins Exil nach Berlin gezwungenen systemkritischen Künstlers hat für Diskussionen gesorgt. Tatsächlich drängt sich der Eindruck auf, Ai Weiwei sei es in zu starkem Maße darum gegangen, sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Das sieht zu oft so aus, als wolle ein guter Onkel seine Güte zeigen. Problematisch dazu: Der Film dringt nicht in die Tiefe. Denn die Fülle an Momentaufnahmen ist zu groß. Am Ende weiß man als Zuschauer nicht mehr, was alles man wo gesehen hat. Das führt im schlimmsten Fall zu Abstumpfung. Man registriert das Leid, aber es berührt einen nicht. Besonders fragwürdig: Mehrfach hat sich der bildende Künstler Ai Weiwei zu ausgetüftelten Bildkompositionen verführen lassen. Da wird der reale Horror zur Dekoration. Einmal beispielsweise zeigt er, man erkennt als Zuschauer zunächst nicht, was das ist, eine Anordnung aus Vierecken, scheinbar voller wimmelnder Fliegen. Erst allmählich wird klar: Es ist eine Luftaufnahme von einem Flüchtlingslager voller Menschen. Der Moment ist typisch: Anders als der italienische Regisseur Gianfranco Rosi in seiner Dokumentation „Fuocoammare“ („Seefeuer“), wofür es 2016 den Goldenen Bären in Berlin gab, hat sich Ai Weiwei nicht auf einen zentralen Aspekt konzentriert und lässt sich auch nicht auf einzelnen Schicksale ein. Er liefert eine Draufsicht auf die Fülle des Schreckens – und damit kaum mehr als die Flut an Nachrichtenbildern in den Medien. Hat Ai Weiwei mit seinem Film ein starkes Pro und Contra ausgelöst, ist der Zuspruch zu „L’Insult“ („Die Beleidigung“) von dem überwiegend in den USA und West-Europa lebenden libanesischen Regisseur Ziad Doueiri einhellig. Das Drama führt nach Beirut. Es beginnt mit einem Wortgefecht zwischen zwei Männern. Der Streit bleibt nicht auf der privaten Ebene. Die Situation eskaliert, zieht einen Gerichtsprozess nach sich, und dieser löst sogar Krawalle und Straßenschlachten aus. Der Grund dafür: Einer der Kontrahenten ist Libanese, der andere Palästinenser. Und deren Miteinander im Libanon ist von historischen Gegensätzen und politischen Konflikten geprägt. Die Erinnerung an Gräueltaten in der Vergangenheit hat zu permanent schwelendem Hass geführt. Stilistisch begeistert „Die Beleidigung“ durch die kluge Verknüpfung von Erzählmustern verschiedener Genres, wie Western, Thriller, Satire, Liebesgeschichte, Gerichtsdrama. Rasant inszeniert, von durchweg exzellenten Schauspielern getragen, entwickelt der Film einen kraftvollen Sog. Dazu überzeugt er als Lehrstück zur Frage, wie schwierig es auf persönlicher wie gesellschaftlicher Ebene ist, Vernunft regieren zu lassen. Nie vordergründig agitierend, werden dabei Ursachen für überbordendes Misstrauen, schließlich Hass und daraus resultierende Gewalt im Spannungsfeld von kulturellen, religiösen und politischen Fragen erhellt. Das ist, zumal kein billiges Happy End offeriert wird, sehr wirkungsvoll. Obwohl noch nicht einmal ein Viertel aller Wettbewerbsfilme zu sehen war, gibt es bereits jetzt Stimmen, die in dieser libanesisch-französischen Koproduktion den Gewinner des „Goldenen Löwen“ sehen. Das ist verfrüht. Auch kennt niemand, die Maßstäbe der Juroren. Vielleicht will sie ja besondere Kunstfertigkeit ehren? Dann hat der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro Chancen. Sein in den USA realisiertes Märchen „The Shape of Water“ („Die Gestalt des Wassers“) ist ein virtuell faszinierendes Hohelied auf die Magie der Liebe und eine erstaunlich starke Absage an eine allein von Profit regierte Welt. Viele Zuschaueraugen füllten sich mit Tränen. Tatsächlich ist es bezaubernd, wenn Sally Hawkins („Happy-Go-Lucky“) im Part einer stummen Putzfrau in den Armen eines „Monsters“ aus dem Amazonas die große Liebe findet. Und wo lässt es sich schöner schluchzen als im Kino?!