Kino
Film der Woche: „Nahschuss“ blickt in die Abgründe der DDR
Seit dem oscargekrönten Stasi-Drama „Das Leben der anderen“ sind 15 Jahre vergangen. Filme über das Leben in der DDR, das in Wolfgang Beckers Komödie „Good bye, Lenin!“ 2003 noch „ostalgisch“ als im Grunde ganz kuschelig gezeichnet war, sind seither seltener geworden. Die Abgründe des Überwachungsapparates scheinen langsam in Vergessenheit zu geraten. Ein TV-Film wie zuletzt 2019 „Wendezeit“ geriet zum Agententhriller statt auch auf die Opfer zu blicken.
Opfer und Täter zu unterscheiden, war angesichts des perfiden Überwachungsapparates allerdings auch keineswegs so einfach: In „Nahschuss“ wird ein zunächst von seiner Aufgabe überzeugter Stasi-Mann immer nachdenklicher, hält seine Gewissensnöte schließlich nicht mehr aus, will den von ihm Überwachten helfen – und landet dadurch selbst im Gefängnis.
Von der Realität inspiriert
Dass ausgerechnet an ihm ein Exempel statuiert werden soll, er per „Nahschuss“ hingerichtet werden wird, verrät zwar schon der Filmtitel. Dennoch ist die Spannungskurve des Films beachtlich – und Hauptdarsteller Lars Eidinger verleiht der von ihm gespielten Figur des zunächst eher blauäugig hedonistisch wirkenden Uniabsolventen, der eigentlich nur Professor werden will, die passende Tiefe. Auch wenn der 45-jährige Eidinger für die Rolle deutlich zu alt ist.
Der Film ist zwar Fiktion, wurde aber von der Realität inspiriert: vom Schicksal des Wissenschaftlers Werner Teske, das sicher den wenigsten bekannt sein dürfte. Der Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) war der letzte DDR-Bürger, an dem die Todesstrafe vollstreckt wurde. Er wurde am 26. Juni 1981 in Leipzig hingerichtet. Sein Vergehen in den Augen seiner Vorgesetzten: Der in der Wissenschaftsspionage tätige Hauptmann hatte geheime Akten zu Hause gelagert und wohl darüber nachgedacht, sich in den Westen abzusetzen. Da kurz zuvor der MfS-Offizier Werner Stiller übergelaufen war, wurde Teske zum Tode verurteilt – ein selbst für die DDR-Justiz angesichts der Beweislage beispielloses Strafmaß. 1993 wurde das Urteil annulliert. Insgesamt sind in der DDR 166 Menschen hingerichtet worden. Die Todesstrafe wurde erst 1987 abgeschafft.
Der geflüchtete Fußballer
Der Film nun fiktionalisiert das Geschehen um Werner Teske: Der von Eidinger gespielte Franz Walter hat gerade – wir schreiben die 1970er – an der Humboldt-Universität promoviert und soll nach Afrika reisen, um dort zu forschen. Doch kurz vor der Abreise wird er aus dem Flieger geholt und mit einem Angebot konfrontiert, dass er glaubt, nicht ablehnen zu können: Seine Professorin deutet an, er könne ihr Nachfolger werden – wenn er bereit ist, für einige Jahre bei der Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit zu arbeiten. Es gelte, den Frieden zu sichern. Franz Walter denkt nicht lange nach. Die Aussicht auf die ersehnte Hochschulkarriere und eine neue Wohnung begeistern ihn. Auch ist er kein Regimekritiker – im Gegensatz zu seinem Vater, der den gesellschaftlichen Aufstieg seines Sohnes äußerst skeptisch sieht.
Mit Verve stürzt sich Walter in die neue Aufgabe, die ihm sein Vorgesetzter Dirk Hartmann (Devid Striesow) angetragen hat: Er soll alles über den berühmten Fußballer Horst Langfeld (Leon Högehoge) herausfinden, der kurz vor der Republikflucht stehe. Fußballfan Walter ist empört, als sein großer Held Langfeld sich bald tatsächlich absetzt – und fortan beim HSV spielt. Mit Hartmann darf er nach Hamburg reisen, um einen Plan auszuhecken, wie Langfeld unter Druck gesetzt und zur Rückkehr bewegt werden könne. Ein Mitspieler wird dazu erpresst.
Erinnerung an Lutz Eigendorf
Skeptisch wird Spion Walter dann aber, als er erlebt, wie seine Kollegen noch skrupelloser werden: Langfelds Ehefrau wird Krebs diagnostiziert und eine schwere Chemotherapie verabreicht, obwohl sie kerngesund ist. Walter ist entsetzt, dass das MfS die Gesundheit einer Unbeteiligten ungerührt zerstört. Er will den Fußballer und dessen Frau warnen, kann jedoch nichts ausrichten.
Die Episoden um den geflohenen Fußballer lassen an das Schicksal von Lutz Eigendorf (1956 bis 1983) denken: Der DDR-Spieler des Vorzeigeclubs BFC Dynamo hatte sich im März 1979 nach einem Freundschaftsspiel seines Vereins beim 1. FC Kaiserslautern von seiner Mannschaft abgesetzt, später kam er bei FCK-Geschäftsführer Norbert Thines unter. Nach einer einjährigen Sperre, während der er für den FCK arbeitete, spielte Eigendorf dann bis 1982 in Kaiserslautern, bevor er nach Braunschweig wechselte. In der DDR war ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt. Im März 1983 verunglückte Eigendorf in Braunschweig bei einem Autounfall tödlich. Er war offenbar dauerhaft vom MfS überwacht worden. Dass sein Tod kein Unfall gewesen sein könnte, wird nach wie vor diskutiert.
Auch eine Liebesgeschichte
Nachdem im Film Fußballer Langfeld am Schicksal seiner Frau zerbricht, überdenkt auch Franz Walter seine Zukunft: „Nahschuss“ ist auch ein Liebesfilm und erzählt von der innigen Beziehung zwischen Franz Walter und seiner großen Liebe Corina (Luise Heyer). Sie hatte ihm einst einen an Romantik kaum zu überbietenden Hochzeitsantrag gemacht: Die Verlobungsringe malte sie ihm und sich mit Kugelschreiber auf. Nach jedem Duschen müssen sie nachgemalt werden: Gelegenheit, um darüber nachzusinnen, ob man den anderen tatsächlich noch liebt und mit ihm verbunden sein will.
Walter fühlt sich immer unwohler als Spion, will aussteigen. Doch das erlaubt das System nicht. Und so denkt er darüber nach, ebenfalls in den Westen zu gehen. Vielleicht mit ein paar Unterlagen. Er wird jedoch geschnappt. Und unbarmherzig bestraft.
„Nahschuss“ zeigt eindrucksvoll, wie in der DDR Leben zerstört wurden, auch wenn Regisseurin Franziska Stünkel („Vineta“), die ihr Drehbuch mehrere Jahre lang recherchiert hat, zu viel an Stoff in den Film packt. Und es wäre sicher spannend gewesen, weniger bekannte Schauspieler in den Hauptrollen erleben zu können.
Termine
„Nahschuss“ läuft ab 12. August bundesweit in den Kinos. Ab 1. September ist das Drama auch im Wettbewerb des 17. Festivals des deutschen Films in Ludwigshafen zu sehen, wo es um den Hauptpreis konkurriert, Details: www.fflu.de