Kino
Film der Woche: „Hypnotic“ mit Ben Affleck
Staunen darf man schon allein darüber, dass dieses Schauermärchen mit ein, zwei Science-Fiction-Elementen überhaupt realisiert worden ist. Denn das ursprüngliche Produktionsstudio ist pleite gegangen, und der dann als Retter in der Not angeheuerte Investor schwimmt nicht gerade im Geld. Weshalb denn auch der für den Filmmarkt in den USA so wichtige Etat für die Werbung eher gering ausgefallen ist.
Keine guten Voraussetzungen also für das Spektakel von Autor und Regisseur Robert Rodriguez („El Mariachi“, „From Dusk Till Dawn“). Doch das von ihm zusammen mit Erfolgsschreiber Max Borenstein („Godzilla“) erarbeitete Drehbuch punktet, was die Grundidee angeht, durchaus damit, originell zu sein. Dazu sorgt schauspielerische Klasse für Attraktivität.
Alice Braga als Wahrsagerin
Oscar-Preisträger Ben Affleck („Good Will Hunting“, „The Flash“) verkörpert mit stoischem Ausdruck den Polizisten Danny Rourke, einen Mann in Not. Nicht nur leidet er an einer Depression, an der schon seine Ehe scheiterte, nun ist auch noch seine Tochter Minnie (in unterschiedlichen Altern gespielt von den Kinderdarstellerinnen Ionie Olivia Nieves und Hala Finley) verschwunden. Zudem nagt an ihm, dass er vor einiger Zeit in einem spektakulären Fall vermeintlich versagt hat. Doch er muss sich zusammenreißen. Denn es gilt, geschickt den Folgen eines anonymen Anrufs mit einem Hinweis auf einen bevorstehenden Einbruch nachzugehen. Erstmal ist Tappen im Dunkeln angesagt. Lichtblicke bringt ausgerechnet die Wahrsagerin Diana Cruz (Alice Braga). Mit ihr rücken die Umtriebe einer Geheimorganisation ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Diese mächtige Organisation ist offenbar in der Lage, die Zeitgeschichte durch besondere Hypnosetechniken zu beeinflussen. Techniken, die jede Frau und jeden Mann, ohne dass es die Betroffenen merken, zu Handlangern des Bösen machen. Da genügt eine Geste oder ein Ton, um Fremde zu manipulieren, sie etwa zu schlimmsten Verbrechen zu bewegen. Dadurch erscheint alles, was Danny und Co. erleben, plötzlich fragwürdig. Ist das jeweilige Geschehen Realität oder Einbildung? Agieren sie aus freiem Willen heraus, oder werden sie manipuliert?
Machtmittel Hypnose
Das Publikum darf lange rätseln. Das von Anfang an. Denn Danny wird als Patient einer Psychiaterin eingeführt, als Mann, der sich in einer Welt bewegt, die er nicht durchschaut. Ist vielleicht alles, was passiert, lediglich eine Vision seines erschöpften Geistes?
Hypnose als Machtmittel von zwielichtigen Gestalten hat es schon in unzähligen Krimis gegeben, etwa beim legendären Spannungsmacher Alfred Hitchcock in dessen letztem Kinofilm „Familiengrab“ (1976). Das ist nicht neu. Neu ist allerdings, welche Form diese an sich der psychischen Gesundheit dienende Technik hier annimmt und welche verheerenden Folgen damit verbunden sind. Schade, dass dem Regisseur dafür nicht durchgehend ein neuer oder doch zumindest verblüffender Erzählstil eingefallen ist. Er setzt vor allem auf Dialoge statt auf ungewöhnliche Bilder. Zu selten gibt es nachhaltig verstörende visuelle Momente.
Schauriger Oberschurke
Ben Affleck macht das allerdings vor allem im Zusammenspiel mit seiner brasilianischen Kollegin Alice Braga („City of God“, „The Suicide Squad“) weitestgehend wett. Die Beiden agieren virtuos im unüberschaubaren Netz der eingebildeten und wirklichen Gefahren. Wenn etwa in der Mitte des Films dann eine teuflische Wendung eintritt und die Figuren sozusagen in einen Wirbelsturm zwischen Gut und Böse, Humbug und Machtmissbrauch, Wahrheit und Fiktion geraten, nehmen die zwei das Publikum sozusagen an die Hand und führen es als Sympathieträger durch das gelegentlich etwas zu wirre und zeitweise auch arg verwirrende Geschehen, bis man dann endlich glaubt, gemeinsam mit ihnen erleichtert aufatmen zu können.
Fans von Spannungskino dürften einen gehörigen Spaß daran haben. Der mit schönem Schauder gewürzt ist. Dabei hinterlässt, wie so oft, der Oberschurke den nachhaltigsten Eindruck. William Fichtner verkörpert ihn mit shakespearescher Verve. Sensible Kinobesucherinnen und Kinobesucher seien gewarnt: Der von ihm virtuos verkörperte Schuft hat das Zeug, einem schlaflose Nächte zu bereiten.