Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Film der Woche: Ein Kinodebüt aus Speyer

Unter Druck: ElisaSchlott spielt die junge Managerin Ana.
Unter Druck: ElisaSchlott spielt die junge Managerin Ana.

Einen Film in nur einer einzigen langen Einstellung zu drehen, das wagen nur wenige Regisseure. In Deutschland hat vor allem Sebastian Schippers „Victoria“ (2015) für Aufsehen gesorgt. Jetzt hat sich der aus Speyer stammende Regisseur Tim Dünschede in seinem Hochschul-Abschlussfilm „Limbo“ an die enorme logistische Herausforderung gewagt. Der Thriller kommt Donnerstag in die Kinos, Samstag stellt ihn Dünschede in Speyer vor.

Freitagabend, kurz vor Büroschluss. Die junge Managerin Ana (Elisa Schlott) ist entsetzt. Vor wenigen Minuten hat sie einen Betrugsfall in dreistelliger Millionenhöhe entdeckt. Sie muss unbedingt noch den Chef erwischen, dessen Fahrer bereits mit laufendem Motor vor dem Firmengebäude wartet. Ana hetzt die Treppe hinunter, die Kamera ist ihr dicht auf den Fersen. Frank Mailing (Mathias Herrmann), der Chef, will von Anas Entdeckung nichts wissen. Aber sein lüsterner Geschäftsfreund Henry Dubois (der aus Pirmasens stammende Steffen Wink) lockt die hübsche Frau ins Auto. Die Kamera steigt mit ein. Sie folgt dem Trio, als es an einer Tankstelle Zigaretten kauft. Dann die erste Überraschung: Die Kamera geht nicht mit zurück zum Auto, sondern folgt der Tankstellenfrau in ein zwielichtiges Hinterzimmer. Es entspinnt sich ein zweiter Handlungsfaden, der Ana in höchste Gefahr bringt.

Volles Risiko: Kein einziger Schnitt

„Hätten wir Pech gehabt, hätte die Autofahrt 25 Minuten gedauert“, sagt Regisseur Tim Dünschede, der den Film kürzlich beim Saarbrücker Filmfestival Max Ophüls Preis in der Reihe „Watchlist“ vorstellte, einer Auswahl der besten deutschsprachigen Nachwuchsfilme. Bei einer Probe dauerte der Handlungsstrang im Auto tatsächlich so lang. Alle Ampeln waren rot. Künstlerpech und fatal für den Spannungsbogen in einem Thriller. Beim Dreh hingegen hatten die Filmemacher Glück, aber es war ihre einzige Chance. „Für einen weiteren Versuch hätten wir kein Geld gehabt“, erzählt Tim Dünschede. Rund 115.000 Euro betrug das Budget. Das reichte gerade für das 50-köpfige Team, die mehr als 100 Komparsen, die Ausstattung des zentralen Schauplatzes und zwei Durchläufe. Der erste war unbrauchbar, weil die Kulissen noch nicht fertig waren. Auf den zweiten kam alles an. „Es herrschte eine ungeheuer intensive Stimmung am Set, eine angenehme Anspannung bei höchster Konzentration“, schwärmt Dünschede.

Dreh ohne Plan B

Warum er sich so etwas antut, als Regisseur komplett die Kontrolle abzugeben, nichts mehr nachbessern zu können, wenn etwa ein Schauspieler einen Blackout hat oder ein Komparse in die falsche Richtung läuft? „Wir haben uns gesagt, dass wir die Freiheit, so etwas zu machen, im bevorstehenden Berufsleben so schnell nicht bekommen werden“, erklärt der Regisseur. Eigentlich sei die Idee von Kameramann Holger Jungnickel gekommen – noch bevor überhaupt die Geschichte geschrieben war, die für einen solchen „One-Shot“ taugt. Einen Plan B gab es nicht, obwohl der betreuende Professor dazu geraten hatte, ab und zu die Kamera auf den Boden, in den Himmel oder gegen eine Wand zu richten, so dass man in Notfall ein paar versteckte Schnitte (wie jüngst in Sam Mendes’ mit einem Kamera-Oscar ausgezeichneten Kriegsfilm „1917“) hätte anbringen können. Aber die Jungfilmer wollten bewusst volles Risiko gehen.

Gemeinsame Kurzfilm-Projekte

Dass er sich einmal derart vom künstlerischen Kreativitätsdrang hinreißen lassen würde, hätte sich Tim Dünschede (Jahrgang 1984) kurz nach dem Abitur in Speyer nicht träumen lassen. Seine Mitschüler hätten damals alle in solide Berufe gestrebt. Den Gedanken, dass seine Leidenschaft für Filme mehr als ein Hobby sein könnte, habe er mit 19 noch nicht wirklich zugelassen, berichtet er. Also jobbte er ein Jahr, um herauszufinden, zu welchem Beruf es ihn hinziehen würde. Dann war die Entscheidung für die Regie gefallen. Es folgten Praktika bei Film- und Fernsehproduktionen, erfolglose Bewerbungen bei verschiedenen Filmhochschulen, bis es 2009 in Kassel klappte. 2012 folgte der Wechsel an die Hochschule für Film und Fernsehen in München, wo er neben dem Kameramann Holger Jungnickel auch den Produzenten Fabian Halbig kennenlernte. Dass die drei schon Kurzfilme gemeinsam gemacht hatten, half bei einem so wagemutigen Projekt wie „Limbo“ enorm.

Thriller mit enormer Intensität

Die Entscheidung für volles Risiko hat sich gelohnt. Die hohe Intensität und Energie, die der Thriller ausstrahlt, überzeugte Festivalmacher, Branchenkenner und Verleiher. Premiere war beim Filmfest München, dann folgten die Einladung zum texanischen Austin Film Festival, ein Preis für den Produzenten bei den Hofer Filmtagen, die Nominierung für den Kamerapreis beim „First Steps Award“ – die Liste der Anerkennungen hat den Filmemachern die Türen für neue Projekte geöffnet. Vier Stoffe haben Tim Dünschede, der in München lebt, und seine Kollegen im entwicklungsreifen Stadium. Einer davon soll noch in diesem Jahr einen Produzenten und Geldgeber finden. Aber vorher kommt erst einmal „Limbo“ in die Kinos.

Termin

Das Filmteam ist zu Gast in Tim Dünschedes alter Heimat: am 22. Februar, 20.30 Uhr in Speyer, Theaterhaus, anschließend Filmegspräch mit dem Regisseur, Infos: www.theaterhaus-speyer.de

Drehte „Limbo“ in nur einer Einstellung: der aus Speyer stammende Filmemacher Tim Dünschede.
Drehte »Limbo« in nur einer Einstellung: der aus Speyer stammende Filmemacher Tim Dünschede.
Beim Dreh: Regisseur Tim Dünschede und Elisa Schlott.
Beim Dreh: Regisseur Tim Dünschede und Elisa Schlott.
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