Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Für die Landesbibliothek Speyer erworben: Schätze aus fünf Jahrhunderten

Max Slevogts Bibliotheksbestände aus dem Hofgut Neukastel, gesichtet und katalogisiert in den Regalen der Landesbibliothek Speye
Max Slevogts Bibliotheksbestände aus dem Hofgut Neukastel, gesichtet und katalogisiert in den Regalen der Landesbibliothek Speyer.

Wem Max Slevogt Bilder und Drucke verkaufte: In seinen Rechnungsbüchern hat er es notiert. In Speyer kann man es nachlesen. So wie das, was Liselotte von der Pfalz an ihre Hofdame schrieb. Briefe, kostbare Drucke, alte Karten oder Notenausgaben gehören zu den Schätzen der Pfälzischen Landesbibliothek, die jetzt eine Auswahl der Ankäufe der vergangenen 15 Jahre präsentiert.

Während draußen in atemberaubender Geschwindigkeit ein digitales Borstentier nach dem andern durch die zum Dorf gewordene Welt getrieben wird und in dieser dann im sofort einsetzenden aufgeregten an- und abschwellenden Gezwitscher die richtigen Töne untergehen, werden hier drinnen die Verhältnisse wieder etwas zurecht gerückt. Was einmal den Weg ins Landesbibliothekszentrum Speyer gefunden hat, kann für sich in Anspruch nehmen, was anderes heutzutage ganz und gar nicht ist und auch nie werden wird: bedeutsam für Geistes- und Kulturgeschichte gewiss nicht der ganzen Welt, aber für eine ganze Region: die Pfalz. Was hierher kommt, ist das bis heute geblieben, auch nach Jahrhunderten!

Stopp jetzt mal! Schluss mit dem Gejammer und den Vorurteilen, sowohl in die eine wie in die andere Richtung. Es ist ja auch keineswegs so, dass man beim Betreten des hellen, freundlichen Gebäudes aus den 1980ern in der Speyerer Otto-Meyer-Straße, das neben der Landesbibliothek auch das Landesarchiv beherbergt, zurückgeworfen wird ins ewig Gestrige.

Seit 15 Jahren gibt es das Landesbibliothekszentrum

Auf den Büchern in den Regalen liegen keine Zentimeter dicken Staubschichten; die Menschen, die hier arbeiten, brüten auch nicht, von Spinnweben umgeben, Harry-Potter-gleich über dicken Folianten. Das Landesbibliothekszentrum, das seit nun 15 Jahren so heißt, ist eine hochmoderne Einrichtung, die alle zur Verfügung stehenden technischen und naturwissenschaftlichen Möglichkeiten (gewiss, etwas mehr könnten es immer sein ...) nutzt, um das zu bewahren, was pfälzische Geschichte ausmacht.

Nun vermuteten einige Schwarzseher bereits deren Untergang, als die alte Pfälzische Landesbibliothek 2004 mit vergleichbaren Einrichtungen im ganzen Bundesland zum Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz verschmolz. Aber in Speyer wurde in der Folge ja keineswegs damit aufgehört, das zu tun, was seit der Gründung der Landesbibliothek 1921 deren Auftrag war: das Sammeln von in der und über die Pfalz erscheinenden Literatur, wozu auch Handschriften, alte Drucke, Landkarten, Briefe, Autographen und einiges mehr zählen. Eine Auswahl von dem, was in den 15 Jahren nach dem vermeintlichen Untergang des (pfälzischen) Abendlandes so alles den Bestand der Landesbibliothek erweiterte, ist ab der kommenden Woche in einer kleinen Ausstellung zu sehen: 43 Objekte aus fünf Jahrhunderten hat Kurator Armin Schlechter in den Vitrinen versammelt, angeordnet nach Erwerbsdatum.

„Eine geistige Leistungsbilanz der Pfalz“

Das mag zunächst beliebig und nach Leistungsschau klingen – was es angesichts des erwähnten Katastrophenszenarios von einst auch durchaus sein darf. Vor allem aber zeigt es eines, von den „Theologischen Rathschlägen“ des Luther-Weggenossen Philipp Melanchthon (herausgegeben von dessen Schüler Christoph Pezel, gedruckt 1600 in der Neustadter Druckerei Wilhelm Harnisches Erben, für die Landesbibliothek erworben 2004) bis zum jüngsten Ankauf, einem bislang unbekannten Brief der Elisabeth Charlotte von der Pfalz (geschrieben am 16. Juni 1703 an ihre Hofdame, die Duchesse de Ventadour): die Pfalz als Heimat wacher, kritischer Geister, von Frauen und Männern, die mal Reformatoren, mal Revolutionäre, mal Demokraten, mal Künstler, manchmal auch das eine wie das andere waren. Eine „geistige Leitungsbilanz der Pfalz und der Pfälzer“ fasst Kurator Armin Schlechter zusammen, was er jetzt zeigen kann. Trotz der vielen Verwüstungen, die das Gebiet der heutigen Pfalz in den vergangenen Jahrhunderten heimgesucht haben, tauchen immer wieder Autographen, frühe Drucke und anderes die Pfalz und ihr verbundene Persönlichkeiten betreffende Schriften auf: in den Katalogen spezialisierter Auktionshäuser oder Autographenhandlungen wie Stargardt in Berlin oder Schmoldt in Pforzheim. Auch in Antiquariaten wird immer wieder fündig, wer aufmerksam die Angebote studiert. Und das tun Armin Schlechter und die anderen Mitarbeiter des Landesbibliothekszentrums (es könnten mehr sein, denn es gibt auch noch anderes zu tun) regelmäßig. Dank eines Ankaufsetats von jährlich 25.000 Euro (gewiss, es könnte mehr sein) und der Unterstützung von Partnern wie der Kulturstiftung der Länder, der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur, der Ernst von Siemens Kunst- und weiterer Stiftungen, des Historischen Vereins der Pfalz oder auch Service-Clubs wie Rotary rücken dann auch hoch gehandelte Blätter wie eben der Liselotte-Brief in den Bereich des Möglichen.

Slevogt und immer wieder Slevogt

Richtig teuer geworden sind mittlerweile Briefe von Max Slevogt. Das liege, stellt Armin Schlechter fest, wohl auch an der „richtig aggressiven Ankaufpolitik“ der Landesbibliothek. Die Nachfrage ist nach wie vor groß, das Angebot hingegen recht klein, seit das Land Rheinland-Pfalz 2011 – außerhalb des normalen Ankaufsetats von den Nachkommen den schriftlichen Nachlass des Künstlers erworben hat: 3700 Autographe oder maschinenschriftliche Dokumente aus den Jahren 1917 bis 1937. In der Mehrzahl an Slevogt gerichtete Schreiben, nur 170 stammen von ihm selbst – meist an Familienmitglieder, wenn er auf Reisen war. Und dann taucht irgendwo wieder ein verlorengegangenes Teil auf wie jener Brief der Dresdener Galerie Ernst Arnold von 1929 (erworben 2015), auf dessen Rückseite Slevogt zwei traumhaft schöne Aquarellzeichnungen mit Szenen aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ gezaubert hat. Mit oft winzigen Randzeichnungen dieser Art hat er nicht nur Briefe verziert, sondern auch solch seriöse Dokumente wie seine Rechnungsbücher. Diese, ursprünglich zum Nachlass gehörend, wurden 2013 auf einer Autographenauktion in Berlin angeboten. Von 1910 bis 1920 im einen, von 1922 bis 1930 im andern, verzeichnet Slevogt darin seine Auftraggeber sowie Ausgaben und Einkünfte als Maler, Grafiker und Buchillustrator – und kommentiert mit dem gezeichneten „Dukatenscheißer“, der Farbe in Münzen verwandelt (die der Hund dann nur geringschätzig anpinkelt) selbstironisch seinen wachsenden Erfolg.

Slevogts Rechnungsbücher: eine Quelle für die Provenienzforschung

Heute bieten diese Rechnungsbücher nicht nur Einblick in Slevogts Netzwerke und damit in den Kunsthandel des späten Kaiserreichs und der Weimarer Republik, sie sind auch als Quellen für Provenienzforschung von unschätzbarem Wert. Und sie mussten sich einer Behandlung unterziehen, auf die viele andere der inzwischen sorgfältig nach Adressat- und Absendernamen in unzählige graue Mappen einsortierten Dokumente noch warten. An manchen Briefblättern, nicht nur an denen Slevogts, sondern erst recht an den älteren, nagt der Papierfraß, wieder andere tragen Spuren von alten Klebebändern. An einigen, auch an den ausgestellten Büchern, löst sich der Rücken auf in Wohlgefallen. Buchbinderisches Geschick und Kenntnisse in Chemie sind unerlässlich, um die bibliophilen Schätze zu bewahren – und natürlich ein entsprechender Bestandserhaltungsetat (der natürlich höher sein könnte). Der wird auch genutzt, um einen weiteren Teil des Slevogt-Erbes zu erhalten: die Bestände der Familienbibliothek des Hofguts Neukastel. Da hat Armin Schlechter jene Bände bereits aussortiert, die er unter „Rara“ einordnet: seltene und wertvolle Exemplare, die wie der schriftliche Nachlass als Quelle für die Arbeit des mit der Universität und dem Landesmuseum in Mainz begründeten Slevogt-Forschungszentrum dienen.

Auch Pfälzer Liedgut wird gesammelt

Aber wer forscht, muss auch die alten Schriften lesen können. Inhaltliche Erschließung nennt sich das und braucht Zeit – hier denkt man in Jahrzehnten, nicht an den schnellen Kick. Es ist ein mühsames Unterfangen bei oft schwer lesbaren Handschriften. Und erst recht, wenn es sich um alte Druckwerke handelt wie etwa die 1663 in Speyer gedruckte Reichskammergerichtsordnung, 2008 als einmillionstes Buch für die Pfälzische Landesbibliothek erworben. Die Software, die beim Abscannen entziffert und gleichzeitig die Kurzversion von Inhalten wiedergibt, ist noch nicht erfunden. Einfacher wäre es, ganz analog das Werk zum Klingen zu bringen, das der nicht so sehr bekannt Komponist Rolf Ayermann 1929 Bad Dürkheim, der Stadt des Weines und des Wurstmarkts, gewidmet hat: „Du herzig’s Mädel von der Pfalz, schenk ein der Heimat Wein!“, 2017 erstanden. Bedeutsam? Aber ja! Auch das Sammeln von Musikalien und von Pfälzer Liedgut gehört zu den Aufgaben der Pfälzischen Landesbibliothek. In diesem speziellen Fall ist es dann aber wohl eher das hübsch gestaltete, zeittypische Titelblatt, das die Bedeutsamkeit ausmacht.

Die Ausstellung

„Für die Pfalz erworben“ – Kulturschätze für das Land Rheinland-Pfalz (2004-2019), Landesbibliothekszentrum Speyer, bis 19. Oktober 2019; Eröffnung am 28. Mai, 19 Uhr.

Die in zahllosen grauen Mappen einsortierte Slevogt-Korrespondenz ist längst nicht das Einzige, mit dem sich Armin Schlechter be
Die in zahllosen grauen Mappen einsortierte Slevogt-Korrespondenz ist längst nicht das Einzige, mit dem sich Armin Schlechter beschäftigt.
Und immer wieder Max Slevogt: Seit 2011 wird in der Landesbibliothek Speyer der schriftlichen Nachlass des Künstlers aufbewahrt,
Und immer wieder Max Slevogt: Seit 2011 wird in der Landesbibliothek Speyer der schriftlichen Nachlass des Künstlers aufbewahrt, gehütet, gepflegt und erforscht.
Slevogts Aquarellzeichnung zu einer Szene aus Shakespares „Sommernachtstraum“  Foto: LBZ
Slevogts Aquarellzeichnung zu einer Szene aus Shakespares »Sommernachtstraum«
Mit einem „Dukatenscheißer“ schmückte Slevogt eines seiner Rechnungsbücher.   Foto: lbz
Mit einem »Dukatenscheißer« schmückte Slevogt eines seiner Rechnungsbücher.
Kuriosum aus dem ebenfalls in Speyer aufbewahrten Nachlass der Sopranistin Erika Köth (1925-1989): eine Flasche Königsbacher Rie
Kuriosum aus dem ebenfalls in Speyer aufbewahrten Nachlass der Sopranistin Erika Köth (1925-1989): eine Flasche Königsbacher Riesling Spätlese, »gelesen am 11. 11. 70 mit 11 alten Weibern«.
Die Pfalz 1855: Germania, Palatia, der Rhein und Gambrinus.  Foto: Lenz
Die Pfalz 1855: Germania, Palatia, der Rhein und Gambrinus.
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