Kultur Erbärmlich

Rammstein in KZ-Häftlingskleidung am Galgen: Ausschnitt aus dem Werbevideo.
Rammstein in KZ-Häftlingskleidung am Galgen: Ausschnitt aus dem Werbevideo.

Das Werbevideo ist kurz, die Tonspur düster, der Farbton: ein stählernes Schwarzblau. Zum Schluss wird das Datum 28. März 2019 in lateinischer Schrift eingeblendet. Ganz zum Schluss das Wort „Deutschland“. In angedeuteter Frakturschrift, wie man sie mit Nazis assoziiert. Einfach nur Deutschland. Zuvor ist eine theatralisch verlangsamte Kamerafahrt zu sehen. Vorbei an den Mitgliedern der Band Rammstein. Sie stehen unter einem Galgen. Den Strick um den Hals. Sie tragen Sträflingskleidung wie sie KZ-Insassen tragen mussten. An der Brust des Gitarristen Paul Landers haftet ein gelber Judenstern. Die Band, das ist offensichtlich, erbettelt geradezu einen Skandal. Hier ist er, ein Almosen für eine Abscheulichkeit. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung jedenfalls, Felix Klein, sprach gegenüber der „Bild“-Zeitung von einer „geschmacklosen Ausnutzung der Kunstfreiheit“. Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, warf Rammstein „Instrumentalisierung und Verharmlosung des Holocaust“ vor. Die Sprecherin der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mahnte, die Erinnerung an den Holocaust dürfe nicht als „bloßes Werkzeug“ dienen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Genau darum aber geht es der anscheinend vom Druck der Aufmerksamkeitsökonomie ethisch entkoppelten Band. Sie bewegt sich von Beginn an – ästhetisch und überhaupt – im Raum des Spekulativen. Angeblich hat der Bandname Rammstein nichts mit dem Pfälzer Ort zu tun. Das heißt wohl auch, dass, sechs Jahre nach dem verheerenden Flugschau-Unglück in Ramstein, Rammstein-Sänger Till Lindemann im Video zum Song „Ein Mensch brennt“ (!) die Flammen zufällig aus dem Anzug lodern. Martialisch wie Mad Max tritt die Band auf. Oder wie eine Neo-Nazi-Guerilla-Truppe. Die Musik: stampfend, auf der Bühne fackeln Flammenwerfer, der Gedichte schreibende Sänger Till Lindemann reibeist dunkel mit überzeichnet rollendem Hitler-Rrrr. In Interviews gibt man sich links und dementiert das durch ein rechtsdraußen anschlussfähiges Auftreten. Zusammengenommen aber lässt sich das alles – natürlich böswillig, wer das denkt - als nationalsozialistisch lesen. Und jetzt also stilisieren sich die Möchte-nicht-aber-doch-irgendwie-Nazis als Holocaust-Opfer. Ist ekelhaft, aber passt zu den herrschenden diskursiven Gegebenheiten, die Rammstein selbst mit zu verantworten hat. Also, dass die Grenzen des Sag- und Zeigbaren gedehnt werden, selbst wenn man sie hinterher pro forma wieder zurücknimmt. Die Rhetorik ist – wie etwa beim Vergleich der Nazi-Zeit mit einem „Vogelschiss“ des Parteivorsitzenden Alexander Gauland zu sehen - gängige AfD-Strategie. Rammstein, die Band, aber ist einer der Wegbereiter dieses Gebarens, Grenzen erst zu überschreiten, um sie dann so pflichtschuldig wie selbstredend vergeblich wieder einzuhegen. Als Wiglaf Droste vor Jahrzehnten in der „taz“ schrieb, eine Disco sei „gaskammervoll“ gewesen, war er ab sofort Persona non grata. Als Kollegah und Farid Bang dagegen vor einiger Zeit von Körpern „definierter als KZ-Insassen“ rappten, bekamen sie dafür einen „Echo“. Dass der Musikpreis daraufhin kippte und Kollegah sich distanzierte, geschenkt. Die Zeilen waren in der Welt. Zwischen Droste und Kollegah aber lag Rammstein, die das ihre Karriere anheizende „Stripped“-Video - der Song stammt von Depeche Mode –, mit Ausschnitten aus Leni Riefenstahls „Olympia“-Film unterlegten. Bilder der Nazi-Inszenatorin. Sie zeigten dazu die Ruinen von Berlin von 1945. Hinterher aber schoben sie dann die Hymne „Links 2 3 4“ und wiesen auf ihre Zeit in der Berliner Hausbesetzerszene hin. Sänger Till Lindemann sagte damals, so etwas wie das Riefenstahl-Video würde nicht mehr vorkommen. Fortan aber strahlten in ihren Konzerten Lichtdome in den Himmel, wie sie Hitlers Großbaumeister Albert Speer so liebte. Jetzt, mit dem degoutanten KZ-Werbevideo für ein gestern um 18 Uhr auf Youtube gespieltes Musikvideo mit dem Titel „Deutschland“ , stehen sie im gleißenden Licht. „Deutschland, Deutschland über allen“, heißt es in dem von 16 nach Christus in „Germania“ bis in die Zukunft im All spielenden Musikvideo. Und: „Meine Liebe kann ich dir nicht schenken“. In KZ-Häftlingskleidern werden die Band-Mitglieder erhängt, was in KZs eher unüblich war. Und ein anderes Mal erschießen sie in der Kluft ihre Peiniger in SS-Uniform. Das Ganze aber bleibt: so erbärmlich. Das wird man – auch wenn es Rammstein in den Kram passt – doch mal sagen dürfen. Nein, muss. Ohne wird und dürfen.

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