Kultur Empfindsamkeit trifft Heldenklang

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Langer Abend beim vom Gastdirigenten Jonathan Stockhammer geleiteten Sinfoniekonzert der Staatsphilharmonie im BASF-Feierabendhaus Ludwigshafen. Eingangs spielte Matthias Kirschnereit den Solopart im zweiten Klavierkonzert von Johannes Brahms, nach der Pause hörte man als Orchesterkür die zweite Sinfonie von Edward Elgar.

Zwei Werke also, die an der Ein-Stunden-Grenze kratzen. Ja, Brahms, das Zweite, viersätzige. Ein harter Brocken, was manuelle Präsenz und Durchhaltevermögen angeht. Dennoch heiß geliebt von Pianisten, die auf sich halten. Und genau diese Liebe war bei dem Solisten Matthias Kirschnereit mit Händen zu greifen und mit Ohren zu hören. Der 57-Jährige gehört nicht zu denen, die den großen Lärm auf der Gasse machen. Als Solist und Kammermusiker hat der Echo-Preisträger einen guten Namen in der Musikwelt, daneben ist er auch Professor an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Als „Poeten am Klavier“ hat man ihn bezeichnet, sein empfindsames Spiel wird gerühmt, man spricht von guter alter deutscher Schule – und irgendwie ist das ja auch alles richtig. Ob dem Brahms-Konzert mit „Empfindsamkeit“ und „Poesie“ beizukommen wäre, ist die Frage, die sich bei Kirschnereit erst gar nicht stellt, so selbstverständlich macht er sich auf die musikalische Langstrecke. Spielt irgendwie uneigennützig, hell, mit klarem Verstand und jener musikalisch begründeten Selbstverständlichkeit, die den Meister macht. Damit machte sich der Gast viele Freunde im Saal, zumal Jonathan Stockhammer und die Staatsphilharmonie makellos mit-musizierten (vom Begleiten kann bei dieser Sinfonie mit Klavier ja keine Rede sein). Bei Edward Elgar dann: Luft von anderen Planeten. Was wird der in England vielgeliebte Mann unterschätzt, hierzulande! Die „Enigma-Variationen“, der für die Last Night of the Proms unvermeidliche Marsch „Pomp and Circumstance“ als inoffizielle Hymne des Vereinigten Königreiches, allenfalls noch das zauberhafte Cellokonzert, am besten in der zur Legende gewordenen Interpretation durch die genialische Jacqueline du Pré – das alles „kennt man“. Nicht (oder kaum) aber die beiden Sinfonien, von denen in Ludwigshafen die zweite von 1911 in Es-Dur erklang. „Eroica“-Tonart und so – in dieser Ecke könnte man die an die 55 Minuten währende Riesenschlange verorten. Jede Menge ins volle Orchesterleben greifender Heroismus, trotzdem und unerwartet ein fast bescheiden wirkendes Ende im Piano. Aber wie verständig hat der Deutsch-Amerikaner Jonathan Stockhammer die Musik für uns aufgedröselt. Da war jeder Note und jede Phrase und jeder Takt durchdacht, die nie lange währenden Ruhezonen als solche genutzt, die Form gewahrt und musizierend so erklärt, dass es selbst Elgar-Verächtern so recht warm ums Herz wurde. Wenn es ums Anfeuern und Rausholen von Orchestereffekten ging, ließ sich der zierliche, weit jünger wirkende Fünfziger von nichts und niemandem etwas abhandeln. Wenn die Nachrichten stimmen, ist Stockhammers Karriere als Dirigent auf dem aufsteigenden Ast. Sein Gastspiel bei der Staatsphilharmonie scheint das zu bestätigen. Dass er leidenschaftlich die Neue Musik pflegt und Ausflüge ins sogenannte U-Genre nicht scheut (so mit den Pet Shop Boys) steht für Vielseitigkeit: ein Dirigent auf der Höhe der Zeit. Warten wir es also ab.

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