Kultur
Ein Menschheitsthriller: Das Ballett „Sacre“ am Pfalztheater Kaiserslautern
Strawinskys Ballettmusik „Le sacre du printemps“ hat in ihrer über 100-jährigen Geschichte nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Unzählige Choreografen erhoben das Stück zum Mythos. Auch in der Region erlebt es in diesen Monaten gleich mehrere Aufführungen. Das Pfalztheater Kaiserslautern eröffnete am Sonntag den Reigen.
Tanzdirektor James Sutherland hat die Messlatte hoch gelegt für die Versionen, die am Darmstädter Theater im Februar und am Mannheimer Haus im April folgen sollen. Der schottische Choreograf, der seit der Saison 2016/17 aus dem eher verstaubten Lauterer Ballettensemble eine Tanzcompagnie auf der Höhe der Zeit geformt hat, präsentiert auch diesmal eine ganz eigenwillige Interpretation. Schon die Verkürzung des Titels auf „Sacre“ deutet an, dass Sutherland recht frei mit der Vorlage umgeht.
Sutherland bezieht sich auf aktuelle Umweltdebatten
Geht es im Original um ein heidnisches Mädchen-Opfer, um die Natur gnädig zu stimmen und den Frühling herbeizuführen, dreht der Schotte das Thema vor dem Hintergrund aktueller Umweltdebatten um. Und so lässt er die vom Menschen geschundene Natur zurückschlagen. Am Ende hat sie die Menschheit vernichtet, zurück bleibt eine einzige Auserwählte, ein einzelnes Mädchen.
Auch musikalisch sucht Sutherland einen neuen Zugang. Die minimalistischen, strengen und apokalyptisch klingenden Streichermotive von Michael Gordons Stück „Weather One“ eröffnen den Abend. Stark rhythmisiert spornen die Klänge des US-amerikanischen Komponisten und Mitbegründers des Künstlerkollektivs „Bang on a can“ den Choreografen zu spannungsgeladenen Formulierungen an.
Das Ensemble agiert hoch konzentriert
Akrobatisch, schnell, präzise und hochkonzentriert setzt die 13-köpfige Compagnie Sutherlands Tanzvokabular um. Mechanisch anmutende Bewegungsabläufe, weit ausholende Gesten der Arme und die typischen, dem Boden verhafteten und im engen Körperkontakt umgesetzten Aktionen prägen zuallererst die Pas de deux. Stellvertretend für die ausdrucksstarken und intensiven Tanzduette seien die Beiträge von Daniela Castro Hechavarria und Hong Hoang Anh Ta sowie von Davide Degano und Camilla Marcati genannt; letztere brilliert daneben solistisch mit enormer Körperspannung als Auserwählte. Zu starken Ensemblebildern findet die Aufführung dann vermehrt in ihrem 80-minütigen Verlauf (ohne Pause).
Eine Zäsur bringt die in sich ruhende, flächige Komposition des Esten Arvo Pärt. Sein „Cantus in Memoriam Benjamin Britten“, eine Art Meditation über den Tod, steigert sich unablässig und zieht den Hörer unweigerlich in einen Sog. Über ihre minimalistischen Kompositionsprinzipien ist sie mit Gordons Stück verknüpft. Sutherlands Tanzsprache bildet ein weiteres Bindeglied. Als Kunstgriff lässt der Choreograf seine Tänzer dazu in einem flachen Becken aus Wasser agieren. Heraus kommt neben den sich spiegelnden Wellenmustern an der Decke das Spiel mit Tropfen, Fontänen, Kaskaden. Nicht minder effektvoll ist der Umgang mit einem zweiten der vier Elemente, der Erde. Sutherland führt es sinnfällig zum ersten Teil „Anbetung der Erde“ von Strawinskys Ballettmusik ein, die den dritten und letzten Teil des Abends einnimmt. Assoziationen zum Topos Mutter Erde werden greifbar, wenn sich die Tänzer in ihr suhlen, mit ihr umherwerfen, sich mit ihr einreiben.
Die Natur schlägt zurück
Eröffnet die Choreografie insgesamt auch weite Interpretationsspielräume, so gibt Sutherland mit starken Bildern immer wieder Hinweise. Etwa wo seine Tänzer in Plastiksakkos geräuschvoll miteinander ringen. Der Kampf des Menschen mit sich selbst, sein Leiden, seine Verzweiflung, aber auch das Thema Plastikmüll werden vorgeführt. An anderer Stelle erinnert eine starke Ensembleszene mit Klappstühlen an das Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“. Es geht um Verdrängung, Egoismen und das Verhältnis von Individuum und Gruppe.
Düster, dynamisch und furios verdichtet sich die Handlung zum Ende. Bis alle der erdverschmierten Akteure am Boden liegen und Sutherland die abgekämpfte Überlebende der Apokalypse im Scheinwerferlicht heftig atmen lässt. Wie zu Beginn des Abends klingen Naturgeräusche dazu aus den Lautsprechern. War da etwas? Hat die Erde den Parasiten Mensch endlich abgeschüttelt? Alles auf Null?
Fast 15 Minuten Applaus
Den „Soundtrack“ zu diesem Menschheitsthriller setzt das Pfalztheater-Orchester unter Generalmusikdirektor Uwe Sandner ebenso konzentriert ins Szene wie die Akteure auf der Bühne ihre Geschichten erzählen. Die kongeniale Leistung erntete am Ende verdient einen fast viertelstündigen Applaus im ausverkauften Haus. Ein starkes Stück also, das die Güte der Pfalztheater-Tanzsparte untermauert.
Termine
Am 20., 28. Dezember, 7., 10., 15. Januar, 16. Februar, 22. März im Großen Haus; Karten unter 0631/3675-209 und www.pfalztheater.de.