Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Ein dunkles Erbe: Brigitta Dewalds Roman einer Betrogenen

Wer ist die geheimnisvolle Frau? Brigitta Dewalds Roman spielt in Venedig.
Wer ist die geheimnisvolle Frau? Brigitta Dewalds Roman spielt in Venedig.

Mit ihrem vierten Roman „Die Reise nach Venedig“ will die Mainzer Autorin Brigitta Dewald Frauen, die eine Krise zu überwinden haben, Mut machen. Das Unterfangen gelingt – und kann auch Männer überzeugen.

Die unerschütterliche Liebe komme nur im Märchen vor – und auch dort gehe es selten gut aus für die Beteiligten. So heißt es, mit einem Hauch von Sarkasmus, im Roman der Mainzer Autorin Brigitta Dewald. Sie erzählt von der 50-jährigen Ruth, deren Ehemann Edgar, dem sie einst bedingungslose Liebe schwor, eines Morgens, im Schlaf gestorben, tot neben ihr im Bett liegt. Dann findet Ruth das Foto einer jungen schönen Frau. Edgar hatte es in seinem Schreibtisch versteckt.

Das Foto wurde in Venedig aufgenommen. Venedig – dorthin waren Ruth und Edgar zu Beginn ihrer Liebe zur Hochzeitsreise aufgebrochen. Ruth entschließt sich, nun noch einmal alleine nach Venedig zu fahren, um die fremde Frau zur Rede zu stellen. Die erste, mutige und, wie sich zeigt, wegweisende Entscheidung in ihrem neuen Leben. Früher hätte sie so etwas niemals alleine getan. Edgar war bestimmend, studierter Deutschlehrer, später unersetzlicher Berater eines Ministerpräsidenten. Ruth hatte für Edgar und die beiden Kinder ihren Lehrerinnen-Beruf aufgegeben. „Weil Edgar es so wollte“, heißt es im Roman, „war es in ihrer Ehe nicht immer so gewesen?“

Ruths Reise dauert diesmal nur ein paar Tage, aber in diesen verändert sich ihr Leben in seinen Grundfesten. In der Stadt, die unglaublich schön ist, aber vor allem nach Ansicht vieler ihrer Bewohner dem – im wahrsten Sinn des Wortes – Untergang geweiht, kämpft Ruth mit Zweifeln, Ängsten und Hoffnungen. Sie gewinnt tiefe Einsichten auf der Suche nach dieser fremden Frau.

Brigitta Dewald beschreibt Gegebenheiten, Menschen und Gefühle prägnant, überaus anschaulich mit allergrößter Akribie, aber nicht sezierend, sondern meist wohlwollend, mitunter warmherzig. Ihr Buch solle Frauen, die in einer Krise stecken, Mut machen, formuliert sie im Begleittext als Anspruch. Das gelingt eindrucksvoll. Weil der literarische Grundton auf exzellenter Qualitätsstufe einerseits nie einen Zweifel an seinen feministischen Zielen lässt – „Frauen werden überall viel zu oft übersehen“ –, aber andererseits letztlich das Versöhnliche dem Scharfkantigen vorzieht, profitiert auch der männliche Leser.

Ruth fängt ein neues Leben an, beginnt gar, in ziemlich eigener Initiative und fast ohne Umschweife, eine Liebesbeziehung mit einem Venezianer. Und findet am Ende die andere Frau, nach langer, langer Suche. Showdown am Lido? Ruth trifft auf eine humpelnde, stolze, gebrochene und dennoch starke Frau. Natürlich stellt sich Ruth die Frage, die sich – eine Frage der Ehre – alle betrogenen Ehefrauen dieser Welt stellen: Was in aller Welt hat er an der gefunden? Doch in zwei langen Gesprächen an zwei Tagen finden die beiden Frauen eine Ebene, auf der sich fundamentale Einblicke eröffnen. Und eine atemraubende Perspektive. „Vergessen Sie nie“, sagt die andere Frau zu Ruth, „Edgar hat Sie sehr geliebt.“

Lesezeichen

Brigitta Dewald: „Die Reise nach Venedig“; Scholastika-Verlag; 433 Seiten; 18,80 Euro.

Mehr zum Thema
x