Film Edgar Reitz: „Die Wahrheit ist weg aus den Bildern“
Soweit ich weiß, ging Ihre Beschäftigung mit Leibniz auf eine Ausstellung zurück, die Sie in Hannover machen sollten …
Vor 15 Jahren! Als es mit der Ausstellung nicht funktionierte, habe ich mich von dem Thema abgewendet, und „Die andere Heimat“ produziert. Das ist ja ein Riesenwerk. Damit waren wir 2013 fertig. Dann machte dieser Film die Runde durch die Welt. Ich unternahm wahnsinnig viele Reisen, gab hunderte von Interviews in der ganzen Welt. Dann kam eine große Lücke, 2014/15, da kam das Leibniz-Thema zurück.
Hat Leibniz Sie auch schon im Studium beschäftigt?
Ich muss zugeben, in meinem einigermaßen umfänglichen Philosophiestudium in München, habe ich um Leibniz immer einen Riesenbogen gemacht. Dann habe ich auf eine Bitte hin angefangen zu lesen, hab mich in Leibniz eingelesen und hab’ nicht mehr aufgehört, ich war begeistert. Mit Gert Heidenreich habe ich dann ein Drehbuch geschrieben. Das wurde kalkuliert, man kam auf Kosten, die nicht finanzierbar waren in Deutschland. Dann kam ein weiteres Drehbuch, das war wieder zwei Jahre Arbeit. Es war immer noch nicht finanzierbar. Ein Kostümfilm, der im 17. Jahrhundert spielt und die Weite des Lebens darstellen will, ist halt wahnsinnig teuer. Als wir an dem Punkt waren, das Projekt aufzugeben, kam die Idee, nur eine Szene zu nehmen: Leibniz wird gemalt und unterhält sich mit seinem Maler. Diese Szene war in dem langen, teuren Drehbuch die Szene 1. Mit dieser Szene machten wir den Versuch, einen abendfüllenden Dialog zu gestalten. So ist der Film entstanden. Die Absicht war, ihn möglichst leicht zu machen, aber einen Film zu machen, in dem das Denken sichtbar wird. Das waren noch mal sieben, acht Jahre.
Wie weit hat Ihre Auseinandersetzung mit Leibniz über die Jahre hinweg Ihr ästhetisches Verständnis für das Kino und für Ihren neuen Film geformt?
Gottfried Wilhelm Leibniz ist der einzige universelle Philosoph in der deutschen Geschichte, der sich immer die Frage stellte, wo Theorie und Praxis sich berühren. Das ist für mich genau die richtige Frage zum Filmemachen. Auch der Film ist diese Auseinandersetzung des Denkens mit der Realität, mit den Dingen. Die Gedanken, die Fragen, die man stellt, stellt dann die Wirklichkeit. Das gilt vor allem in Bezug auf die Bilder. Leibniz stellt die Frage nach der Wahrheit im Bild. Das ist eine so moderne Frage, das ist ja die Frage unserer Zeit. Vor 300 Jahren fragt dieser Mensch: Wo ist die Wahrheit im Bild? Es gibt für Filmemacher keine schönere Frage.
Leibniz und die Frauen: Sie haben etwas getan, was Museen seit über zehn Jahren tun, vergessene Malerinnen ans Tageslicht zu holen. Jetzt haben Sie sogar eine Malerin erfunden. Hat sich Leibniz mal zu Frauen geäußert?
Nein, das ist Fiktion. Also, man weiß von Leibniz, dass er ein sehr positives Verhältnis zu den Frauen hatte oder andersherum: Die Frauen mochten ihn, weil er ein Mensch war, der ohne Vorurteile den Dialog gesucht hat. Also die Fürsten in Hannover, aber auch Charlotte, die hier in Berlin Königin war, waren große Verehrerinnen und haben ihn immer wieder eingeladen und mit ihm tagelang Gespräche geführt. Man muss sich das so vorstellen: In der damaligen Zeit, also der absoluten Monarchie, lebten die Männer in einer völlig anderen Welt als die Frauen. Die Frauen haben in den Schlössern ihr Gesellschaftsleben entfaltet und die Männer haben Krieg gemacht. Das war Alltag. Und die Männer mochten Leibniz nicht. Sie konkurrierten mit ihm und haben ihn immer von sich gestoßen, weil sie Angst hatten, dass der ihnen widerlegt, was sie denken. Die Frauen dagegen waren neugierig zu erfahren, wie die Welt funktioniert. Wir wissen mit Bestimmtheit, dass die Charlotte hier aus Berlin (Königin Sophie Charlotte von Preußen, Anm. der Red.) ihn so verehrte, dass sie ihr ganzes Leben danach ausgerichtet hat. Sie wollte ihn wiedersehen und starb auf dieser Reise. Das Frauenthema war natürlich ein sehr schönes, wichtiges Thema. Und mit der Malerin war es einfach, das Thema hineinzubringen. Ich hätte natürlich auch den Hofmaler, den der Lars Eidinger spielt, über den ganzen Film verteilen können. Dann wären aber ganz wichtige Fragen unausgesprochen geblieben. Ich denke, es war der richtige Weg, dass wir eine Malerin eingeführt haben.
Die Wahrheit suchen wir heute doch auch, gerade wenn wir jederzeit mit dem Handy Fotos machen …
Ja, und die Fotos lügen alle. In den Handys gibt es ein Bildprogramm, das in die Ästhetik eingreift. Da können Sie sagen, wir wollen es im Vintage-Stil haben oder wir wollen den Hintergrund ausblenden oder wir wollen die Figur woanders hineinsetzen. Und das wird ununterbrochen gemacht. Also: Die Wahrheit ist weg aus den Bildern. Sie haben keine Beweiskraft mehr. Die Fälscher vor 100 Jahren haben sich wahnsinnige Mühe geben müssen, wenn sie ein Foto fälschen wollten, heute kann das jeder. Diese ganze inflationäre Bilderwelt ist nicht mehr die Welt der Beweise und der Wahrheit. Und jetzt ist die andere Frage, die eine große Herausforderung für uns Filmemacher ist: Gibt es denn im Bild gar keine Wahrheit? Gibt es auch im Film und in den Künsten, die sich mit Bildern beschäftigen, auch keine Wahrheit? Wir waren schon immer in der Lage, Fiktionales zu erzählen. Die Künste haben sich nie an diese äußerliche Wahrheit gehalten. Die Malerei hat sich nie gefragt: Ist wirklich der Hintergrund genau der, in dem der Mensch jetzt steht? Sie hat immer gefragt: Wo erzählt das Bild einer Geschichte aus einer parallelen Welt der reinen künstlerischen Betrachtung, die ihre eigene Wahrheit kennt und die natürlich eine Wahrheit hat. Das ist nämlich die Wahrheit der künstlerischen Aussage. Es ist die Wahrheit, dass der Autor in seinem eigenen Bild erscheint und spürbar und kontrollierbar immer da ist. Jedes Kunstwerk hat einen Urheber, der sich nicht versteckt oder sich nicht verstecken kann.
Ist das, was Leibniz in dem Film sagt, seinen Schriften entnommen oder haben Sie die Worte von Leibniz genommen und verändert, dass sie passen?
Nichts ist genau wörtlich, weil uns die Sprache des Barocks fremd ist. Sie lässt sich heute kaum mehr sprechen. Vor allem die schriftliche Sprache war damals ganz anders als die mündliche. Aber viele Gedanken, die dort geäußert werden, sind wirklich nach den Schriften von Leibniz geschrieben, nachempfunden oder in eine abgemilderte historische Sprache gefasst. Natürlich hätten wir das nicht in modernem Deutsch machen können, das wäre nicht gegangen.
Der Film zeigt einen spezifischen Lebensmoment in Leibniz’ Leben als Philosoph, bevor er die „Theodizee“ fertiggestellt hat. Was für einen Mann erleben wir in dieser Lebensphase?
Leibniz ist ein großes Rätsel, was seine persönliche und private Existenz angeht. Es gibt so gut wie keine Dokumente, keine Zeugnisse von all dem. Er hatte keine Familie, er lebte allein, er hatte immer eine Hilfskraft, einen Sekretär an seiner Seite. Man weiß nichts über Krankheiten, über seine finanziellen Verhältnisse, über private und menschlichen Dinge. Man muss sozusagen ertasten und erahnen. Ich glaube, dass uns da etwas gelungen ist, vor allem in der Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Edgar Selge.
Wie war die Zusammenarbeit mit Edgar Selge?
Ich habe ein Jahr vor den Dreharbeiten mit Edgar Selge den Dialog begonnen, und wir haben uns in dieser Zeit etwa zehnmal getroffen und uns viele Stunden miteinander vertieft in die Gedankenwelt von Leibniz. Dann haben wir uns in der Nacht E-Mails geschrieben. Es gibt bis zum Drehbeginn 79 E-Mails von Edgar Selge und Antworten von mir und umgekehrt. Die sind zusammen über 150 Seiten Text. Wir haben miteinander versucht, die Gedankenwelt von Leibniz zu durchdringen – mit einem Ziel, den Menschen darin zu entdecken. Wie es passieren konnte, dass Edgar Selge beim Spielen Leibniz wird, wie er nicht nur die Theorie, die Gedanken und die Fakten wiedergibt, sondern sich verwandelt – das ist das Geheimnis eines großen Schauspielers. Ich erlebe immer wieder, Schauspieler sind genauso wie die Malerin Aaltje Van de Meer, wenn sie sagt: „Was ich nicht weiß, kann ich malen.“ Der Schauspieler kann, was er weiß oder nicht weiß, spielen. Dann ist es auf einmal geboren: Dann ist da ein Mensch zu sehen in dem Film. Ohne Zweifel ist die menschliche Ausstrahlung sehr stark, und das hat der Schauspieler in seiner Kunst geschaffen. Da kann man als Regisseur immer nur dankbar sein. Wir haben 30 Drehtage in einem Studio verbracht, und wir waren 30 Drehtage lang die Versuchskaninchen von Leibniz. Wir haben sozusagen das Denken in seinem Sinn geübt und trainieren und dabei bemerkt, dass er Recht hat. Es hat uns glücklich gemacht, glücklich. Und da war die Hoffnung, dass sich ein bisschen davon auch ins Kino tragen lässt. Warum soll das Kino nicht auch mal ein Ort sein, wo man das Denken übt?
Der Film ist ein Kammerspiel. Es gibt nur einen Raum mit ein bisschen Tageslicht aus dem Fenster und Kerzenlicht. Wie haben Sie da Spannung erzeugt?
Von Anfang an war die Frage da: Wie schaffen wir es, eine Vielfalt reinzubringen, dass das nicht schon nach zwei Tagen auserzählt ist. Für mich und für die gesamte Schauspielcrew war es wichtig, einen Raum zu kreieren, der von Anfang an da ist, in dem man sich mit den Kostümen einfühlen kann und der auch Überraschungen bereithält. Es gab unglaublich viele Details wie Bilder und Gegenstände und Farben und der Bodenbelag und das Feuer. Dinge, die etwas mit dem Raum machen, was für uns eine Überraschung bereithält. Das war sehr, sehr wichtig. Und ja, vielleicht erst mal: Wow! Es gibt einen Moment, wo das ganz bildlich passiert ist: wenn der Schmetterling auf Archies Arm erscheint, was mehr wie ein Traumbild wirkt. Dieser Schmetterling hat uns in dem Studio besucht und sich da sehr wohl gefühlt aufgrund des warmen Lichtes. Und in einem ruhigen Moment hat er sich auf der Schulter niedergelassen, und wir haben ihn in das Set vorsichtig hineingetragen. Er hat uns diesen Moment geschenkt. Das war nicht geplant.
Herr Reitz, Sie sind jetzt in einem Alter, wo andere schon längst im Ruhestand sind. Brauchen Sie die Arbeit als Lebenselixier, um jung, beweglich und neugierig zu bleiben?
Ich bin sehr dankbar, dass ich das gesundheitlich noch durchstehen konnte. Aber für einen Künstler gibt es ja so etwas wie Ruhestand nicht. Man kann sich nicht vorstellen, dass man irgendwann in Rente geht. Meinen vorigen Film habe ich an meinem 80. Geburtstag fertiggestellt: „Die andere Heimat“. Und jetzt sind zehn Jahre vergangen oder zwölf. Man weiß nicht, wann es zu Ende ist. Aber ich finde, solange man kann, soll man arbeiten.
Info
Edgar Reitz wird am 23. August, 17 Uhr, mit dem Ehrenpreis des Festivals des deutschen Films in Ludwigshafen ausgezeichnet. Danach ist sein Film „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ zu sehen. Kinostart ist am 18. September.
Zur Person
Edgar Reitz, geboren am 1. November 1932 in Morbach (Hunsrück), studierte Germanistik, Publizistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in München und begann 1953 als Kamera-, Schnitt- und Produktionsassistent mit der Filmarbeit. Mit Alexander Kluge gründete er 1963 das mit der Hochschule für Gestaltung Ulm verbundene Institut für Filmgestaltung, wo er Regie und Kameratheorie lehrte. Seit 1960 drehte er rund 24 Spiel- und Dokumentarfilme, dazu die Serie „Geschichten vom Kübelkind“ (25 Kurzfilme und die „Heimat-Trilogie“ (Spielfilm-Zyklus in 30 Teilen 1982–2004: Gesamtlänge 52 Stunden, 8 Minuten) , die Geschichte einer Familie im Hunsrück, ein einmaliges episches Werk, für das er weltweit 20 Preise bekam, hinzu kommen weitere Festivalpreis und Ehrenpreise, der Ludwigshafener ist sein 31. Ehrenpreis. Reitz schreibt auch Bücher und lehrte als Professor. Er lebt in München.