Film
Diva und Anarchistin: Die französische Schauspielerin Catherine Deneuve wird 80
Die französische Schauspielerin, die von 1957 bis heute über 140 Filme drehte, hat gelernt, damit zu leben, dass sie etwas Schlimmeres ist als ein Star: ein Schönheitsidol. „Das ist noch viel belastender und verdirbt jede Art von Beziehung. Die Messlatte wird nicht hoch gehängt, sondern unerreichbar hoch“, sagte sie.
Wie soll es auch anders sein, wenn jeder das Bild von einem ihrer frühen Filme nicht mehr aus dem Kopf bekommt: die singende und tanzende junge blonde Schwangere in Jacques Demys Musikfilm „Die Regenschirme von Cherbourg“ (1964), die vom Verfolgungswahn geplagte sexy Frau im Nachthemd in Romans Polanskis „Ekel“ (1965) oder die mit einem Strick an einen Pfahl am See gebundene Frau in einem ähnlichen weißen ärmellosen Kleid, die von ihrem Mann ausgepeitscht wird in Luis Bunuels „Belle de Jour“ (1967).
Die schönste Frau der Welt
Letztes ist zwar nur eine Fantasie der Hauptfigur des Films, nichts Reales, aber solche Bilder haben schnell das Image der damals zur schönsten Frau der Welt geschriebenen Schauspielerin geprägt. Dass sie viel mehr ist und im Laufe der langen Karriere schon zu ziemlich alles gespielt hat von der braven Ehefrau über die Prostituierte, die Lesbe, die Professorin, ja sogar die englische Königin, interessiert höchstens die Cinéasten.
Die wissen auch, dass sie nie eine Ausbildung gemacht hat, nie am Theater war wie ihre Eltern und nur zu einem Dreh mitkam, weil ihre geliebte ältere Schwester Francoise Dorléac, die schon beim Film arbeitete, sie für eine Minirolle mitnahm. Den Vater wunderte das nie: „Sie hat sehr fortschrittliche, ich würde sagen, anarchistische Ideen auf allen Gebieten: Kariere, Liebe, Familie.“
Die Männer im Privatleben
Da hatte Catherine schon ein uneheliches Kind von dem Regisseur Roger Vadim, der sich in die 17-Jährige verliebte, als sie noch dunkle Haare hatte und nicht beim Film war. Sein Versuch, aus ihr eine neue Brigitte Bardot zu machen, ging natürlich schief. Catherine verließ ihn und war bald allein erziehende Mutter, was in den 60ern ungewöhnlich war – und suchte sich neue Männer.
Einer war Marcello Mastroianni, sie hatte ihn flüchtig bei einem Essen kennengelernt, schlug ihn Regiedebütantin Nadine Trintignant als ihr Partner für „Das passiert immer nur den anderen“ (1971) vor – und bekam ihn. Chiara Mastroianni wurde ihr zweites uneheliches Kind. Die kurze, spontan geschlossene Ehe mit dem britischen Modefotografen Bailey hatte ihr vorher schon klargemacht, dass sie, die Feministin, lieber nicht mehr heiraten will. Auch wenn es in vielen ihrer Filmen um Liebe und Verfehlungen geht.
Sie sucht sich ihre Regisseure aus
Die Rollen waren ihr lange Zeit egal: Sie wählte ihre Filme nach den Regisseuren aus, mit denen sie gerne zusammenarbeiten wollte: Demy (dreimal), Bunuel (zweimal), Francois Truffaut (zweimal), Claude Lelouch (zweimal), Robert Aldrich, Tony Scott, Manoel de Oliveira, Lars von Trier, Francois Ozon (zweimal), André Téchiné (zehnmal). Sie spielte mit David Bowie, küsste Susan Sarandon, Burt Reynolds und Alain Delon, traf immer wieder auf Gérard Depardieu (zehnmal) und so ziemlich alle männlichen Stars quer durch die Jahrzehnte. Hauptsache, immer etwas Neues.
Sie ist neugierig und will nicht nur Filme eines Genres oder Schemas drehen. Also sagte sie ja, als Léos Carax und Lars von Tier, die enfant terribles unter den Regisseuren, sie fragten, und drehte mit Rappern, Feministinnen und immer wieder mit jungen Regisseurinnen wie jetzt Léa Domenach für das Porträt der einstigen französischen First Lady Bernadette Chirac, natürlich kein Biopic (das wäre Catherine zu langweilig), sondern eine Komödie. Denn das kann Catherine die Große natürlich auch. Dass viele trotzdem in ihr bis heute nur die wunderschöne, kalte, unnahbare Frau sehen, kann sie nicht ändern.
Preise und Proteste
Sie bekam schon zwei Césars, immerhin eine Oscar-Nominierung, den Europäischen Filmpreis und zuletzt den Preis für ihr Lebenswerk beim Festival von Venedig 2022.
Überall, wo sie kann, sagt sie ihre Meinung, geht auf die Straße gegen den Todesstrafe, gegen unterdrückte Völker, zur Erinnerung an die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja und anderes mehr. Sie geht auch viel ins Kino und sagt, was sie gut findet und was nicht. Überhaupt ist sie bei Interviews sehr offen und gar nicht so distanziert, wie man meinen sollte.
Kurzer Blick auf die Pfalz
Nachdem Danielle Darrieux (die viermal ihre Mutter spielte) 2017 mit 100 Jahren starb, ist Catherine Deneuve der einzige weibliche große französische Star, der immer noch toll aussieht und seit über 60 Jahren dreht – und sie hat auch nicht vor, so schnell aufzuhören.
Eine Sache bleibt noch. Es gibt da einen Tag, an dem sie zumindest gedanklich kurz in der Pfalz war: am 28. August 1968. Da war sie gerade mit Jack Lemmon für „Ein Frosch in Manhattan“ in New York und ging zur Aufmunterung ins Kino, wie sie in ihrem Tagebuch schreibt. Sie sah den Hollywoodfilm „Der Zug“ (1964) von John Frankenheimer, in dem die Nazis Beutekunst von Paris ins Reich bringen wollen. Der Zug wird umgeleitet über den (falschen) Bahnhof Zweibrücken, dessen nachgebautes Bahnhofsgebäude man sieht. Catherine hat es heute sicher vergessen, die Pfälzer nicht.