Kultur
Diktator und Revolutionär: Zum 150. Geburtstags Lenins
„Ubi Lenin, ibi Jerusalem.“ Ernst Blochs Identifikation Lenins mit dem himmlischen Jerusalem der biblischen Offenbarung fügt sich ein in die quasireligiöse Heiligenverehrung und Verklärung, mit welcher der Gründer der Sowjetunion nach seinem Tod unter Stalin umflort wurde. Sein Grabmal, das Lenin-Mausoleum in Moskau, wurde in der Sowjetära zur Wallfahrtsstätte. Erst seit ein paar Jahren gibt es Bestrebungen, den dort aufgebahrten einbalsamierten Leichnam des 1924 gestorbenen Lenin aus dem Grabmal zu entfernen. Längst verschwunden sind die meisten der einst zu seinen Ehren im sowjetischen Herrschaftsbereich errichteten Denkmäler.
Ein Denkmal in Gelsenkirchen
Wie ein Treppenwitz der Geschichte mutet deshalb die baldige Errichtung eines etwas über zwei Meter großen Lenin-Denkmals vor der Parteizentrale der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD) in Gelsenkirchen an. Die Stadt wollte die späte Ehrung zwar verbieten, scheiterte aber kürzlich auch in zweiter Instanz vor dem nordrhein-westfälischen Oberverwaltungsgericht. Die negative Bewertung Lenins durch die Stadt Gelsenkirchen sei für ein Verbot nicht hinreichend, befanden die Richter. Was für ein Segen für die individuelle Freiheit ist doch eine unabhängige Justiz! Lenin hingegen unterwarf sie einer „Diktatur des Proletariats“.
Schon 1904, als sich die russischen Sozialdemokraten über der Frage nach der Organisation zerstritten und in Bolschewiki, die Befürworter einer Elitepartei von Berufsrevolutionären, und Menschewiki, die Befürworter einer Massenpartei von Gesinnungsgenossen, zerstritten und spalteten, prophezeite Trotzkij, die Diktatur des Proletariats werde zur „Diktatur über das Proletariat“ und zur Herrschaft eines einzigen Mannes entarten. Wütend schleuderte Trotzkij, später in der Revolution und bei der Gründung der Sowjetunion Lenins Erfüllungsgehilfe, seinem damaligen Widersacher entgegen, er sei ein Despot.
Der Sohn eines Lehrers
Lenin wurde als drittes Kind eines konservativen und tiefgläubigen, vom Zaren mit dem erblichen Adel ausgezeichneten Mathematik- und Physiklehrers und Volksschulinspizienten im Gouvernement Simbirsk geboren. Sein aus dem Kleinbürgertum stammender Vater hatte mongolisches Blut in sich, seine Mutter stammte von deutschen Einwanderern ab. Das einschneidende Ereignis seines Lebens war die Hinrichtung seines älteren, zuhöchst bewunderten Bruders Alexander, der in ein missglücktes, dilettantisch vorbereitetes Attentat auf den Zaren verwickelt war. Da war der Abiturient und Musterschüler Wladimir Iljitsch gerade 17 Jahre alt, der Vater seit einem Jahr tot. Die Familie, Mutter und Geschwister, wurden nach der Hinrichtung wie Aussätzige gemieden, der verbliebene älteste Sohn von der Geheimpolizei observiert. Als Wladimir Iljitsch sich an seinem Studienort in Kasan an einer studentischen Protestaktion beteiligte, wurde er von der Universität relegiert, später verbannt. Nur dem Betreiben der Mutter hatte er es zu verdanken, dass er an der Universität von St. Petersburg, dem späteren Leningrad, sein Juraexamen als Externer ablegen durfte. Er brachte sich den Stoff selbst bei und schnitt unter 134 Prüflingen als bester ab.
Mit 30 Jahren verlässt er Russland
Hochintelligent, aber auch jähzornig und cholerisch, unbeugsam und unnachgiebig, sarkastisch, zielstrebig und unerbittlich – auch im Schachspiel –, dies sind die Eigenschaften und Charakterzüge, die Zeitgenossen und Biographen von Lenin überliefern. Noch in der Verbannung schrieb er sein erstes Buch, eine Analyse der Entwicklung und Zukunft des Kapitalismus in dem aus marxistischer Sicht zurückgebliebenen Agrarland Russland. Nach einer kurzen Tätigkeit als Rechtsanwalt verließ Wladimir Iljitsch Uljanow im Alter von 30 Jahren Russland und lebte fortan an wechselnden Orten in Westeuropa. Er schuf den Typus des Berufsrevolutionärs und nannte sich Lenin. In der Emigration entwickelte er eine rege publizistische und agitatorische Betriebsamkeit und wurde bald zum führenden Kopf der russischen Sozialdemokraten. Erst im April 1917, nach der Februarrevolution und der Abdankung des Zaren, sollte er in sein Heimatland zurückkehren.
Über den Redner Lenin, Vorbild Mussolinis seit dessen sozialistischen Anfängen, äußerte ein Hörer: „Es schien, als hätten sich alle Elemente aus ihren Höhlen erhoben und der Geist der Vernichtung, der keine Grenzen, keine Zweifel, keine menschlichen Schwierigkeiten, keine menschlichen Berechnungen kennt, schwebe im Saal über den Häuptern der verzauberten Schüler.“ An dem Schriftsteller Lenin fällt die durchgehend polemische und aggressive Diktion auf. Er habe es nicht geliebt, sich den Argumenten anderer zu beugen, bemerkte Trotzkij einmal. Und ein anderer Zeitgenosse meinte: „Der Marxismus war bei ihm nicht Überzeugung, sondern Religion.“
Machteroberung der Bolschewiki
Im Oktober 1917, als die Bolschewiki die Macht eroberten, hielt Lenin sich nicht in St. Petersburg auf, sondern in Finnland versteckt, um einer Verhaftung zu entgehen. Zuvor hatte er jedoch nach seiner umjubelten Ankunft am 15. April auf dem Finnischen Bahnhof von St. Petersburg die zaudernden Parteigenossen auf die Machtergreifung eingeschworen. Ob es sich bei seiner bekannten Fahrt im plombierten Eisenbahnwaggon durch Deutschland um eine Kriegstaktik des Deutschen Reiches gehandelt hat, ist in der Forschung nicht unumstritten. Lenin gehörte nämlich zu den wenigen, selbst innerhalb seiner Partei, die für einen bedingungslosen Friedensschluss Russlands mit Deutschland eintraten, wie ihn die neuen Machthaber dann auf Lenins Betreiben in Brest-Litowsk tatsächlich abschlossen.
Ob es sich bei der sogenannten Oktoberrevolution um eine von der breiten Masse getragene Revolution wie 1789 in Frankreich oder um einen Putsch der Bolschewiki gehandelt hat, ist ebenfalls umstritten. Fest steht, dass der Oktoberumsturz ohne Lenins tatkräftiges Eingreifen kaum vorstellbar gewesen wäre. Eine Geschichtsbetrachtung, die einem großen Einzelnen eine solche Bedeutung beilegt, gerät in Konflikt mit der marxistischen Geschichtsinterpretation als einem sich mit strenger überpersönlicher Notwendigkeit vollziehenden Fortschritt zur Humanität. Für Lenin bestand dieser Konflikt nicht. Er verstand sich selbst – wie auch andere – als Mittel und Werkzeug des „Weltgeistes“ auf dem Weg zum Heil einer kommunistischen Gesellschaft.
Ein Wegbereiter des Stalinismus?
Schließlich bleibt die Frage: War Lenin ein Wegbereiter des Stalinismus? An seiner persönlichen Integrität und an seiner Absicht, eine bessere Welt zu schaffen, kann kein Zweifel bestehen. Letztlich gescheitert ist sein Werk, die Sowjetunion, aber an dem eklatanten Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Worten und Taten. Lenin versprach eine friedliche, befreite, glückliche Menschheit und Zukunft, gab jedoch bereits im Januar 1918 das Ziel einer „Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer“ aus. Alexander Solschenizyn, der Geschichtsschreiber des stalinistischen Konzentrationslagersystems, präzisiert, dass „Ungeziefer“ von den Bolschewiki schon zu Lenins Lebzeiten sehr großzügig ausgelegt wurde: Kriminelle fielen ebenso darunter wie fromme Kirchgänger und überhaupt jeder, auf den auch nur der Schatten eines Verdachts fiel, er könnte mit dem sozialistischen Staat nicht konform gehen.
Bis heute hallt daher Rosa Luxemburgs Vorhaltung an die Adresse Lenins nach: Freiheit sei immer die Freiheit der Andersdenkenden. Wie eine billige Entschuldigung klingt demgegenüber, was Lenin dem befreundeten Maxim Gorkij gegenüber zur Rechtfertigung des Terrors mit Verweis auf eine Zukunft des Heils vorgebracht hat: „Die durch die Verhältnisse erzwungene Grausamkeit unseres Lebens wird einmal verstanden und gebilligt werden.“