Kultur Die Zeit der Fanatiker

Ken Follett ist der Kopf eines Rechercheteams.
Ken Follett ist der Kopf eines Rechercheteams.

Bombastischer Titel, mächtiger Umfang: „Das Fundament der Ewigkeit“ ist mit seinen knapp 1200 Seiten wieder ein Werk, wie man es von Erfolgsautor Ken Follett gewöhnt ist. Doch dieses Mal ist alles ein bisschen anders.

Das beginnt schon damit, dass Ken Follett drei statt der üblichen zwei Jahre für das neue Buch gebraucht hat, weil der Stoff komplexer und umfangreicher ist: Nach gut neun Jahren Pause setzt Follett die Bestseller-Reihe fort, die 1990 mit „Die Säulen der Erde“ begann und ins England der Jahre 1123 - 1173 führte, wo es um den Bau einer Kathedrale im fiktiven Ort Kingsbridge ging (Pate stand die Geschichte der Kathedrale von Salisbury). 2007 folgte der Roman „Die Tore der Welt“, der 1327 einsetzte. Für den dritten Band seiner „Kingsbridge-Saga“ hat sich der 68-jährige Engländer nun in die Zeit von Königin Elisabeth I. begeben und knüpft an die bisherigen Geschehnisse an. Die Kathedrale von Kingsbridge steht im Jahr 1558 noch, aber in ihr und um sie herum toben die Glaubenkriege des 16. Jahrhunderts. Katholische Adelige verschwören sich, suchen mächtigen Beistand bei der katholischen Großmächten Spanien und Frankreich, um Maria Stuart auf den englischen Thron zu setzten. Doch diese landet stattdessen im Gefängnis, während Elizabeth einen Geheimdienst aufbaut und so ihre Macht sichert. Follett hält sich an die historischen Fakten: „Elizabeth und Maria Stuart sind einander nie begegnet. Die berühmte Konfrontation aus Schillers Drama hat nie stattgefunden.“ Sicherheit in solchen Dingen gibt dem Schriftsteller die akribische Arbeit seines Teams. Das Follett-Office hat rund 30 Angestellte, die sicherstellen sollen, dass die Details stimmen. Für sein neues Werk hat Follett nach eigenen Angaben 228 Bücher zur Recherche verwendet. Die Daten der Schlachten, Anschläge und Massaker samt den Namen der Beteiligten sind da nur das Grundgerüst. Richtig lebendig wird die Handlung mit den vielen Einzelheiten, die der Autor ebenso pedantisch zusammengetragen hat: Speisen, Getränke, Kleidung, Waffen und sogar wie die Toiletten damals ausgesehen haben. Detailgenauigkeit ist das Eine, der Spannungsbogen der andere, wichtigere Bestandteil dieser Geschichte. So jagt der Autor seine Leser regelrecht zu den Brennpunkten des damaligen Europas. Es geht nach Sevilla, wo noch die Sklaverei existiert und die Inquisition Angst und Schrecken verbreitet. Nach Paris, wo die Hugenotten nur heimlich beten dürfen und in der Bartholomäusnacht zu Tausenden abgeschlachtet werden. Nach Antwerpen, wo die Religionen friedlich miteinander auskommen und die Kaufleute immer reicher werden. Diese turbulente und folgenschwere Epoche beschreibt der Roman in allen Facetten. Es wäre aber kein richtiges Follett-Buch, wenn es keine Liebesgeschichte und keine Bettszenen geben würde. Follett hat das Große mit dem Kleinen wieder meisterlich verknüpft. Es gibt viel Sex und exzessive Gewalt. Könige werden in ihren Prunkschlössern ermordet, Protestanten verbrennen auf dem Scheiterhaufen, Bauern werden aus ihren Hütten vertrieben, und Frauen müssen heiraten, wen die Obrigkeit aussucht. Alles unter dem Deckmantel der Religion. Das ist erneut beste Qualität aus der Romanfabrik. Das Warten hat sich gelohnt. Dass dieses spannende Buch gerade jetzt kommt, ist kein Zufall. Der Bestsellerautor ist ein Meister des Marketing und greift Jahrestage auf. So wie seine Jahrhunderttrilogie zur Geschichte des modernen Europas passend zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs, zum 75. des Zweiten Weltkriegs und dem 25. Jubiläum des Mauerfalls erschien, darf man annehmen, dass der Schriftsteller dieses Mal das Reformationsjubiläum im Blick hatte. Leider ist das Buch auch auf eine andere verstörende Weise aktuell: Bei den Schilderungen der fanatischen und erbarmungslosen Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken von vor über 450 Jahren kommt immer wieder die Wirklichkeit der heutigen Fanatiker in den Sinn, die angeblich auch für ihren Glauben kämpfen. Lesezeichen Ken Follett: „Das Fundament der Ewigkeit“, Historischer Roman; aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher; Bastei Lübbe; 1162 Seiten; 36 Euro.

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