Edenkoben
Die Weltlage im Künstlerhaus: Litauische Gäste bei „Poesie der Nachbarn“
Dass die Welt so sehr kompliziert ist. Es kratzt die pfälzische Idylle. Armenien sollte das 35. Gastland von „Poesie der Nachbarn“ sein. In Edenkoben. Im Künstlerhaus. War alles in Tüten. Dann flammte der Krieg um Bergkarabach auf – mit Aserbaidschan. Die Armenier, erzählt Hans Thill, der künstlerische Leiter des schon klassischen Dichter-übersetzen-Dichter-Projekts, hätten in der Lage sieben Monate auf ein Visum warten müssen, vergeblich womöglich. Die Schutzmacht ihres Landes ist Russland – nur zur Erinnerung. Aserbaidschan gehört zur türkischen Einflusssphäre. Und im Edenkobener Paradiesgarten steht jetzt der litauische Dichter Donatas Petrosius und zergrübelt das Bauchgefühl, dass es gerade wichtigere Orte für ihn geben könnte als den hier, wo er Teil der litauischen Lyrikdelegation ist.
Eingeladen von Hans Thill anstelle der Armenier, um mit Altmeister Uwe Kolbe, Marcus Roloff oder Dagmara Kraus zusammen Gedichte zu bebrüten und sie vom Litauischen ins Deutsche zu bringen. Und die Sonne scheint so schön. Und nachher bringt ein Bus alle, die wollen, zum Ausflug nach Gleisweiler. Der 45-jährige Dichter Petrosius aber ist, wie er so dasteht und in sich hineinhört, seit 479 Tagen, die der Ukrainekrieg jetzt dauert, von anderen Dingen innerlich besetzt als dem Verseschmieden.
Zehn Gedichte, viel Kummer
Er habe vielleicht zehn Gedichte geschrieben im vergangenen Jahr. Aber jeden Morgen, sagt der Aktivist, checke er als erstes, ob seine Kollegen und Freunde aus Charkiw und Lwiw noch leben. Er übersetzt, was sie auf Facebook schreiben. Jetzt denkt er sich zurück ans Steuer eines Lastwagens und fragt sich sichtlich, ob er das wollen darf: sich sozusagen lyrisch erholen. Es gibt Nudeln mit Gemüse. Ein Traktor, der Chemiewolken im Wingert versprüht, tuckert Geräusche in die Szenerie. Sehr oft schon hat der Litauer Petrosius in den vergangenen eineinhalb Jahren Hilfsgüter ins Kriegsgebiet der seelenverwandten Nachbarschaft Ukraine gefahren. Helfen, schnell hat man den Eindruck, sonst zählt für ihn nichts. Wenn er zurückkommt aus der Pfalz, will er gleich wieder los.
Drohnen und Kernholz
Litauen, das Gastland, auch eine Ex-Sowjetrepublik, so viel zur Orientierung, ist der südlichste der baltischen Staaten an der Grenze zu Polen, Lettland und Weißrussland. Ein Angstgebiet von jeher. Eine Brücke nur trennt die rund drei Millionen Einwohner des EU-Lands von Kaliningrad, Russlands Oblast. Gabrielius Landsbergis, der gegenwärtige Außenminister, ist der Enkel von Vytautas Landsbergis, dem ersten Staatsoberhaupt nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit von der Sowjets, offiziell am 11. März 1990.
Er sammle Spenden, so viel wie er kriegen könne, meint derweil in Edenkoben der vom Krieg verhinderte Dichter Petrosius abgekämpft, Geld für Drohnen, Geländewagen, Möbel zum Wiederaufbau einer zerstörten Bibliothek. Die wichtigsten Worte momentan, sagt er noch, seien die für die Texte, die an die Hilfsbereitschaft für die Ukraine appellierten. Das Wichtigste sei, sagt er, dass der Krieg endlich ende. Was dagegen sei es schon, Bücher zu publizieren.
Unweit von uns an einem Tisch, der im Schatten eines Baumes steht, diskutieren Sonja von Brocke, Berlinerin aus Hagen, und Biruté Grasyté-Black, die aus dem 21-Einwohner-Dorf Grasiai stammt, auf Englisch, wie das Innere eines Baumes auf Deutsch heißen könnte. Kernholz? Mark? Innerste Rinde? Im Litauischen jedenfalls gibt es dafür ein eigenes Wort, das in Grasyté-Blacks Gedicht steht. 200 Begriffe, erzählt sie, umschrieben allein den Teufel, der in Litauen auch dafür verantwortlich gemacht werde, wenn jemand im Suff den Heimweg verstolpert hat. Dann geht es darum, ob Kinder mit den Füßen unterm Tisch zappeln, wippen oder pendeln. Sonja von Brocke würde am liebsten eine litauische Redewendung adoptieren. So ist das nun mal jetzt.
Die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk hat gerade in ihrer Rede beim Klagenfurter Literaturwettbewerb gesagt, sie betrachte sich selbst „als eine gebrochene Autorin, eine ehemalige Autorin, eine Autorin, die ihr Vertrauen in die Literatur und – schlimmer noch – in die Sprache verloren hat“. Die Sprache, die schönste Gedichte hervorbringe, könne schließlich auch dazu dienen, Befehle kundzutun, zum Abschuss von Raketen, die Zivilisten töteten, oder zum Vorrücken von Panzern.
Blutpumpende Tasten
„Selbstverletzenden Heroismus“, nennt Künstlerhaus-Kreativchef Hans Thill, der auch preisgekrönter Dichter ist, Maljartschuks Entscheidung. In seiner Welt dagegen sitzt die bekannte Schriftstellerin und Bühnenautorin Vaiva Grainyté nachdenklich auf einer Bank im Gras. Es pausen sich gerade Temperamente durch jedes Wort. Uwe Kolbe zum Beispiel. Er dichtet die ersten Zeilen eines Gedichts von Nerijus Cibulskas über den Minimal-Music-Komponisten Philip Glass nach mit: „In den Kopfhörern zersplitternd/ verstimmte blutwarme Tasten/ schlagen das Herz an.“ Bei Marcus Roloff liest sich das so: „Im Kopfhörer pulsierender Glass/ blutpumpende Tastatur/ schlägt sich durchs Herz.“
Im Veranstaltungssaal tritt der Dichter Thomas Kunst aus Stralsund auf und ein, der im Brotberuf seit Jahrzehnten in der Deutschen Bücherei in Leipzig arbeitet. Er hat gerade den Kleistpreis bekommen. Der „herzverrückteste“ deutscher Dichter seiner Zeit wurde er dabei genannt. Er selbst nennt sich beim Mittagstisch „eindeutig einsprachig“. Ein buntes Stirnband im Wallehaar. Im Garten hilft Ruta Eidkeviciené beim bilateralen Austausch über ein Gedicht, dem ein Gedicht zugrunde liegt. Eine Grande Dame der Dichtung aus Kaunas, Tauvyda Marcinkeviciute, hat sich Sylvia Plaths „Tulpen“-Poem anverwandelt. Lara Rüter, die 35 Jahre jüngere Lyrikerin aus Leipzig, hat dazu Fragen. Das Wort für Bürgin bedeutet im Litauischen das Gleiche wie auf Deutsch – und zusätzlich, dass etwas Strom leitet – ist zu erfahren. Ruta Eidkeviciené, die Interlinearübersetzerin der Veranstaltung ist, hat das Ursprungsgedicht erst einmal ins Wortwörtliche übertragen.
Putins Krieg, Plaths Tulpen
Im Hauptberuf ist sie Dekanin der Geisteswissenschaftlichen Fakultät an der Vytautas-Magnus-Universität in Kaunas und organisiert ein Literaturfestival in der Stadt. Sie hat in Saarbrücken über Brigitte Kronauer und Gabriele Wohmann promoviert. Durch einen Zufall sei sie zum Deutschen gekommen, weil in ihrer Dorfschule keine andere Zweitsprache angeboten wurde – neben dem Russischen. „Ich war nie in Afrika und Sylvia Plath schenkte mir aus dem Himmel Blumen“, heißt es in dem Gedicht, über das sie sich mit dem litauisch-deutschen Dichterinnen-Duo beugt. Sie erzählt, wie wichtig die Rolle der Autorinnen und Autoren beim Kampf gegen die Sowjetmacht gewesen sei, damals, Ende der 1980er-Jahre. Wie viele junge Leute in Litauen jetzt die Lyrik als Teil eines Lebensstils begreifen würden.
Es gebe Hunderte Lyriker und Lyrikerinnen in ihrem Land, sagt sie. Und viele wie Donatas Petrosius, die lieber Hilfsgüter transportierten als das Leben ins Lyrische zu übersetzen. Sprache und Politik: Sie sagt, dass das politische Handeln der Bundesrepublik in Putins Unrechtskrieg ihrer Erfahrung nach Einfluss habe darauf, wie viele Kinder sich in der Schule für Deutsch als Fremdsprache entscheiden würden. Dann wird sie gefragt, wie sie denn nun die Tulpen-Verse von Tauvyda Marcinkeviciute über die Tulpen-Verse von Sylvia Plath finde. „Schön und kompliziert“, sagt Ruta Eidkeviciené.
Termin
Lesung mit den Originalen und Nachdichtungen am Sonntag, 9. Juli, 11 Uhr im Künstlerhaus Edenkoben. Info: kuenstlerhaus-edenkoben.de