Kunst und Theater RHEINPFALZ Plus Artikel Die Welt mit ihren Augen: Die Mannheimer Kunsthalle ist jetzt eine Einfühlungsmaschine – großartig

Ganz in einer anderen Welt: „Urban Nature“-Szenerie.
Ganz in einer anderen Welt: »Urban Nature«-Szenerie.

Wie es wirklich ist, jung, obdachlos und eine Frau zu sein. Oder ein Gefängniswärter. Eine Anlageberaterin. Ein Kind. Das Kunstkollektiv Rimini-Protokoll hat die Mannheimer Kunsthalle in eine Kulisse für einen begehbaren Film über die Stadtgesellschaft verwandelt. „Urban Nature“ ist eine große Fremd - und Selbsterfahrung.

Es ist: ein sekundengenau durchgetaktetes Experiment. Die Mannheimer Kunsthalle, die Kulisse jetzt für einen begehbaren Film, inszeniert von Rimini-Protokoll, einem grenzgängerischen Kollektiv hochdekorierter dokumentarischer Theater- und Kunstmacher, dem Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel angehören. Zudem hat der Szenograf Dominic Huber angedockt. Titel des Projekts, „Urban Nature“, im Museum, das für dieses Epochalprojekt mit dem Nationaltheater zusammenarbeitet, stehen jetzt Stockbetten wie in einer Obdachlosenunterkunft. Jemand schnarcht. Vom Konferenzraum einer Anlageberaterin, der Von-oben-herab-Blick auf die architekturmodellgroß verkleinerte Stadt. Einmal ein anderer sein, für 70 Minuten, wie die oder der die Welt sehen, das ist die Idee. Ploppgeräusche von einem Tennisplatz. Die Bar „The Last Mile“ hat geöffnet. Der Barmann hält am Tresen ein euphorisches Erweckungs-Meeting ab über die heilsbringende Gig-Economy der Fahrradkuriere und Lieferdienste, die Ausbeutung genannt wird – anderswo.

Acht Minuten im Kopf von Camila

Ums Eck dann, ist ein Sarg, aufgebahrt, Fotos geschminkter Leichen in einem Buch darauf. Blättern. Regale aufgebaut, künstliches Licht fällt auf Pflanzen, Cannabis, ein spießiges Wohnzimmer dient der Betreiberin der semilegalen Marihuana-Plantage, der alleinerziehenden Grafikdesignerin Camila, als Verkaufsraum. Eine vergitterte Öffnung in der Wand gewährt den Durchblick auf eine Gefängnis-Werkstatt, die sich auf der anderen Seite befindet – die Vorschau auf mögliche Konsequenzen. Kleine Bauteile werden dort von Insassen (?) klackend in Plastikbehältnisse verteilt. Und jetzt der Clou: Der Gefängniswärter, der auf sie schaut, Kopfhörer auf, der ein Tablet in der Hand hält, das ist man selbst. Das heißt, man ist Christian, Don Christian, ein Alias für jemand, der diesen Job im wahren Leben macht – samt Zweitberuf bei einem Bestattungsunternehmen. Ein älterer Herr, der einem virtuell bekannt gemacht wird. Er schaut ernst durch seine Brille.

Seine Stimme im Ohr, auf dem Tablet Echtzeit-Anweisung, wohin zu gehen ist. Wohin der Blick fallen soll, ist in einem Film zu sehen, der aus exakt der eigenen Perspektive gedreht ist. „Jetzt nicht bewegen“. Im Ohr Christians Auffassung, dass ein Gefängnis eine Stadt in der Stadt darstellt. Man sieht die (Kulissen-)Welt im Museum, draußen, die Realität, acht Minuten lang mit seinen, Christians Augen. Dann folgt, die nächste Rollen-Perspektive. Man wird dabei gesehen, von anderen, die ihrerseits in Rollenspiele verstrickt sind.

Zum Beispiel verteilen sie, wie vorhin beschrieben, die Teile in die Kästchen. Bei genauerem Hinsehen mit „Ja“ und „Nein“ gekennzeichnete Wahlurnen. „Würden Sie etwas kaufen, von dem Sie wissen, dass es im Gefängnis hergestellt worden ist? Werfen sie ein Teil in das gekennzeichnete Antwortkästchen.“ Eine Stimme aus dem Off. Bildschirme übertragen live, Charts ploppen auf. Auch Christians, mein Blickwinkel, ist teilweise zu sehen. Wer wissen will, was das kunsttheoretische Modewort Immersion – Einbettung auf Normaldeutsch – bedeutet, muss das hier erleben. Für einen Moment ist jetzt auch Johan Holten, der Mannheimer Kunsthallendirektor, zu erkennen, wie er aufgewühlt, ob auch alles läuft, durch die Multimedia-Installation tigert.

Der Intendant als „Cannabisdealer“: Christian Holtzhauer.
Der Intendant als »Cannabisdealer«: Christian Holtzhauer.

Christian Holtzhauer, der Schauspiel-Intendant des Mannheimer Nationaltheaters, auch er mit Kopfhörern und einem Tablet in der Hand, wird gerade von einer anderen Akteurin abgescannt. Die Abläufe, die Navigation, sind punktgenau wie bei einem Theaterstück choreografiert. Auf einer verglasten Tribüne steht Rimini-Protokoll-Aktivist Daniel Wetzel und beschaut die Szenen.

Wie alles mit jeder zusammenhängt

Wie jemand als obdachlose Siham winkt und durch die Stadtkulisse schlurft, unbeachtet von den Leuten, die auf einer Treppe sitzen und auf eine große Leinwand schauen. Wie die zwölfjährige Leyla sich fragt, warum ihre Eltern nicht wollen, dass sie sich allein in ihrem Viertel in der Altstadt von Barcelona, Raval, aufhält. Zu gefährlich, sagen sie. Weil die Hälfte der Einwohner aus einer migrantischen Bevölkerung besteht? Die Urversion von „Urban Nature“ ist mit im Centre de Cultur Contemporánie de Barcelona (CCCB) realisiert worden. Rimini-Protokoll, die Kunsthalle und das Nationaltheater haben die Kunstaktion zwischen Theater, Performance und sozialer Plastik gemeinsam neu konfiguriert.

Mit den Augen von Siham, einer Obdachlosen, unterwegs.
Mit den Augen von Siham, einer Obdachlosen, unterwegs.

Die Schau, das Stück, die Performance, stellt die – insbesondere – ökonomischen Zusammenhänge einer Stadtgesellschaft „scharf“, wie Helgard Haug das nennt. „Als erstes“, sagt zum Beispiel Siham, „soll man die loswerden, die auf ihrem Geld sitzen“. Im Hintergrund die Frage, wie lässt es sich in einer Stadt gedeihlich zusammenleben? Haugs Kollektiv steht vor allem für eine neue Form von gesellschaftspolitisch relevantem Dokumentartheater.

Rimini-Protokoll bringt Alte, Vietnamkriegsveteranen, Polizisten auf die Bühne, was andere Laien nennen, sind für das Kollektiv Experten, von deren Daseinsexpertise sie profitieren. Sie stellten schon einmal eine komplette Bundestagsdebatte nach. Oder baten Shareholder der Daimler AG, ihnen ihre Einladung zur Hauptversammlung abzutreten und dafür Theaterzuschauern die Teilnahme zu ermöglichen. Daraus wurde dann ein performatives Ready-made, ein erhellendes Alltagskunstspektakel. 2008 bekamen sie den Europäischen Theaterpreis in der Kategorie Neue Realitäten. Den Hörspielpreis der Kriegsblinden im gleichen Jahr. In Mannheim sind Haug und ihre Kompagnons auch keine Unbekannten. War doch ihre Einladung zum Berliner Theatertreffen, 2005 mit der Nationaltheater-Produktion „Wallenstein“ so etwas wie ihr Durchbruch.

Damals spielte der vor allem an politischen Intrigen gescheiterte Mannheimer Oberbürgermeisterkandidat Sven-Joachim Otto mit. Jetzt sind sie in der Rhein-Neckar-Metropole mit ihrer höchstkomplexen, die Ausstellungsbesucher umarmenden Installation wieder auf dem Weg zu neuen Ufern. Am Eingang hat sich die Besucherin, der Besucher, zu entscheiden. Tablet oder keins? Wer eins nimmt, muss oder darf, je nachdem, schon an der ersten Station, einem Dorfplatz, eine aktivere Rolle spielen, während die anderen der Gruppe eher punktuell teilnehmend zuschauen. Sich einen Schal umhängen etwa, soll sich der Tabletinhaber, eine Münze aus dem Brunnen glauben, sich in Enric einfühlen, Mitte 60, einen Umwelt- und Wirtschaftshistoriker, der sich vom Dorfkind zum Stadtbewohner entwickelt hat und den Wegzug für verheerend hält. Seine Philosophie des Lebens in der Stadt ist: das Teilen.

Ich ist Enric und sechs andere auch noch

Enric ist einer von sieben Charakteren – neben Miguel, dem Kurierdienst-Lobbyisten, Siham der obdachlosen Frau, die Flugbegleiterin werden will, Calamanda, einer Anlageberaterin, die niemals Bus fährt, Leyla, dem leider ängstlichen Kind. Und Christian, dem stadtsoziologisch interessierten Gefängniswärter. Exakt alle acht Minuten begibt sich eine bis zu maximal elfköpfige Gruppe auf ihre Spuren. Die Wege kreuzen sich auf den Zentimeter, die multimedialen Installationen laufen exakt an. Ein Durchlauf dauert 70 Minuten. Und nie darf die fein auf Bewegung justierte Schau leer sein, weil dann alles durcheinandergerät.

Museumsdirektor Johan Holten hat deshalb professionelle Einspringer engagiert – für besucherarme Zeiten. Und er hat die sehr große Bitte, sich ein Zeitfenster für den Kunsthallenbesuch zu reservieren – zwecks Planbarkeit. Dagegen ist dem, der „Urban Nature“ verpasst, diesen großen herrlichen Ausstellungswurf, eh nicht zu helfen.

Moment der Ruhe vor dem Bildersturm.
Moment der Ruhe vor dem Bildersturm.

Die Ausstellung

Vernissage: 15. Juli bis 16. Oktober. Zu dem Projekt gehört das Programm „Stadtzimmer“, zu dem unter anderem Tischgespräche mit Mannheimer Akteuren zum Thema „Wem gehört die Stadt?“ oder ein gemeinsames Chorsingen gehören. Wie gesagt, um Reservierung von genauen Zeitfenstern für den Ausstellungsbesuch wird gebeten. Weitere Infos unter: www.kuma.art

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