Kultur Die Wahrheit der Ausnahme

Mit einer Auszeichnung geehrt: Gemeindehaus der Freien evangelischen Gemeinde Kaiserslautern-Nord von Bayer & Strobel Architekte
Mit einer Auszeichnung geehrt: Gemeindehaus der Freien evangelischen Gemeinde Kaiserslautern-Nord von Bayer & Strobel Architekten.

Gestern Abend in Trier wurden die alle drei Jahre vergebenen Preise des Bundes Deutscher Architekten Rheinland-Pfalz verliehen. Zwei der drei mit einer Auszeichnung geehrten Bauten stehen in Kaiserslautern. Außerdem bekam die Festhalle in Dirmstein eine Anerkennung. Im Folgenden dokumentieren wir die gekürzte Version eines bei der Veranstaltung gehaltenen Vortrags von RHEINPFALZ-Kulturreporter Markus Clauer. Er gehörte auch der BDA-Jury unter dem Vorsitz der Münchner Architekturprofessorin Karin Schmid an.

Es gibt da dieses Diktum des Architekturkritikergurus Wolfgang Bachmann, des ehemaligen Chefredakteurs der Fachzeitschrift „Baumeister“. Es ist nachhaltig virulent. Rheinland-Pfalz, Bachmann sprach vom Terrain der Reben, Rüben und Wälder, sei baukünstlerisch Terra incognita, ein unbeschriebenes Blatt, Niemandsland, meinte Bachmann pointiert wie gewohnt. Man glaubt es ihm erst einmal gerne. Aber, zum Glück stimmt es nicht so ganz und nicht immer. Es muss auch nicht ewig gelten. Es stammt von vor Jahrzehnten. Und wie der Ludwigshafener Philosoph Ernst Bloch einmal schrieb, hat die Hoffnung als einen Boden, der sie besonders gut gedeihen lässt, die Unzufriedenheit. Kritiker Wolfgang Bachmann jedenfalls lebt seit einigen Jahren in Deidesheim, Pfalz, im Zentrum seines früheren Unbehagens. Mainz wird nie Berlin werden, baukünstlerisch und baukatastrophisch. Von der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ist man schließlich in 30 Minuten bei einem Flughafen, an dem alle zwei Minuten ein Flugzeug abhebt. Berlin hat Daniel Libeskinds Jüdisches Museum, aber lediglich als Beispiel von architektonischer Bedeutung unter sehr vielen, Mainz hat neben dem Dom die wunderbare Neue Synagoge des Kölner Architekten Manuel Herz, deren idiosynkratische Silhouette dem hebräischen Wort „Qadushah“ nachgebildet ist, was so viel heißt wie Segen oder Erhöhung. Das Land ist agrarisch getriggert, 40 Prozent der Landesfläche Wald, 43 Prozent werden landwirtschaftlich beackert, immer noch spielt die militärische Nutzung eine Rolle. Die Oberzentren Ludwigshafen, Koblenz, Mainz und Trier haben alle einen Orientierungsdrift – nach Mannheim, Köln, Frankfurt, Luxemburg. Eine Metropole fehlt, was das Bauaufkommen schmälert, das architektonisch relevant sein könnte. Trotzdem bringt auch Rheinland-Pfalz Bauten hervor wie die Neue Campus-Brücke in Mainz, die sich mit scharfen Kanten ins Wahrnehmungsgedächtnis ritzt. Eine nachts beleuchtete Überquerungsskulptur des Frankfurter Büros Schneider + Schumacher in Zusammenarbeit mit den Ingenieuren von Schüßler-Plan, die wirkt wie ein futuristisches Reptil, dynamisches Origami, ein eleganter Krake oder die Kulisse eines expressionistischen Stummfilms. Einziger Nachteil ist, dass das mit einer Anerkennung beim BDA-Preis prämierte, semi-integrale Sichtbetonbauwerk, das die Hochschule Mainz mit der Johannes-Gutenberg-Universität verbindet, auf der einen Seite in Ackerland ausläuft, die Kommune hat es vergessen zu kaufen. Der BDA Rheinland-Pfalz hat rund 130 Mitglieder, der des Stadtstaats Hamburg 150, der von Baden-Württemberg einige Hundert. Die TU Kaiserslautern bringt regelmäßig wichtige Baumeister/innen hervor, klugen, begeisterten Architektur-Nachwuchs, der nach dem Abschluss aus persönlichen Gründen nicht weiterzieht. Sie sind strukturell verankert. An der historischen Dynamik der Bewegung nämlich hat sich seit Urzeiten nichts verändert: weg aus Rheinland-Pfalz. Die Richtung verbindet die Architekt/innen mit den Literat/innen und Künstler/innen. Der Pool der Bauherr/innen und Baumeister/innen ist in dem von strukturschwachen Gebieten durchsetzten Bundesland einfach limitiert, die anspruchsvolle Bautätigkeit eng begrenzt, aller Bemühungen des Landes, der vehement gegenwirkenden Landes-Architektenkammer und des BDA zum Trotz. Denkbar deshalb auch, dass manche dagebliebenen Baumeister/innen bei überschaubarer Nachfrage mit einem pragmatisch-opportunistischen Angebot reagieren, statt eigene architektonische Ansprüche zu formulieren. Wenn man die Landes-BDA-Preisträger 2015 mit den Landes-Staatspreisträgern 2018 vergleicht, lassen sich fast ausschließlich Übereinstimmungen finden. Allen voran den jeweils ersten Preisträger Heribert Gies, dessen nachverdichtendes Wohn- und Geschäftshaus ein als unbebaubar geltendes Grundstück präsidiert. Bezogen wurde es 2014. Der „Architekturführer Deutschland: 20. Jahrhundert“ von Winfried Nerdinger und Cornelius Tafel führt ganze vier Bauten aus Rheinland-Pfalz an. Die Trennwandfabrik Mechel Elemente in Kaiserslautern, die Friedrich-Ebert-Halle in Ludwigshafen, deren notwendige Sanierung allerdings gerade auch schon wieder heftig infrage gestellt wird, das Mainzer Rathaus von Arne Jacobsen, das zwischendurch von der Damokles-Abrissbirne bedroht war. Und die Christkönigkirche in Bischofsheim, – in Hessen. Was und wie viel aus dem 21. Jahrhundert bleibt indessen, werden wir, die gängige Lebenserwartung vorausgesetzt, nie erfahren. Max Dudlers Umbau und Erweiterung des Hambachers Schlosses etwa, 2012 mit dem DAM-Preis ausgezeichnet? Oder der Prototyp eines mobilen Fahrradpavillons, der am Hindenburgplatz in Mainz platziert ist, der Architektenkammer gegenüber. Ein unikat gestaltetes Stadtmöbelstück aus wie verwandelt erscheinenden Massenproduktionsteilen, das beim BDA-Architekturpreis-Wettbewerb 2018 eine Anerkennung erhalten hat? Walter Gropius – einst – sah die „Krankheit unserer Städte“ dadurch verursacht, dass beim Bauen wirtschaftliche und industrielle Belange dominieren. Der britische Gegenwarts-Architekt David Chipperfield, selbst bestimmt nicht schlecht im Geschäft, sagt heute: „In dieser Gesellschaft regiert der Markt, und der Markt bringt eine Architektur hervor, bei der es nur noch um Geld geht. Investoren bauen Häuser, so wie andere Tomaten züchten. Auch von Stadtplanung kann vielerorts nicht mehr die Rede sein, es gibt nur noch Entwicklungskontrolle, so, als ginge es einzig darum, dem Schlimmsten vorzubeugen.“ In Teilen von Rheinland-Pfalz, so scheint es aber, ist die Schadensbegrenzung in den Kommunen handlungs-, das heißt vielmehr nicht-handlungsleitendes Prinzip. Und so bleibt das lebenswichtige Instrument der staatlichen Bodenpolitik, die über ihren Besitz zukunfts- und gesellschaftspolitisch verfügt, ungenutzt, der Umgang mit Bestandsbauten fantasielos. Weit entfernt auch von der beim BDA-Tag 2018 in Hamburg beschlossenen politischen Grundposition, die zu Ende gedacht jede Architektin und jeden Architekten wirtschaftlich herausfordert: Jeder Neubau muss demnach seine unabdingbare Notwendigkeit unter Beweis stellen. Statt bleibender, umweltkompatibler, gesellschaftlich relevanter Architektur entsteht meist so einfach nur Gebautes. In Ludwigshafen, einer Stadt, die, was die Architekturgeschichte anbetrifft, gerne Tabula rasa hinterlässt, – Ausnahme: die Sanierung der Stadtbibliothek, die prompt in die engere Auswahl des BDA-Preises gelangt ist –, kratert seit zwei Jahren ein Bauloch: als besonders eindrucksvolles Mahnmal einer Investoren ausgelieferten Stadtentwicklungspolitik. In Kaiserslautern droht dem Pfaff-Gelände, dem zentralen Zukunftsareal der Stadt, die renditeoptimierte Entwicklung. Wie üblich. Umso höher zu bewerten ist, dass in der Pfälzer 3000-Einwohner-Gemeinde Dirmstein der Ortskern mit einer raffiniert in die städtebauliche Ordnung gezirkelten Festhalle von BauEins-Architekten vitalisiert worden ist. Dass die Winzer Andreas und Dr. Leo Gälweiler sich von den Kaiserslauterer Architekten Molter Linnemann eine swingende, gekurvte Mehrzweckhalle, außen Bildhauerei, innen Low Tech, in unmittelbare Nähe der Ortskapelle von St. Katharinen haben stellen lassen, gekühlt vom Nachtwind. Sie hätten ihr Weingut wie die Konkurrenz auch aussiedeln können. Oder, dass die Mainzer Firma Dachland, ein Betrieb für Dachabdichtungen, nicht einfach nur noch einen brachial-banalen Industriebau in die zersiedelt-unaufgeräumte Landschaft abgeladen hat. Sogar ein kleines Wettbewerbsverfahren haben die Inhaber initiiert, um auf das von Schoyerer Architekten entworfene Gebäude zu kommen, das ihrer Firmenphilosophie entspricht und mit den intensiv begrünten, in den Schrägen weithin sichtbaren Dachbereichen verkörpert. Hinweisschilder sind im Grunde obsolet, weil der mit einer BDA-Auszeichnung honorierte, selbstbewusste Bauherr sich der Architektursprache bedient. Aber wird das auch von anderen verstanden? In der Wahrnehmungspsychologie gibt es die sogenannte Figur-Grund-Hypothese. Was vor einem immer gleichen Hintergrund absteht, wird stärker wahrgenommen, wirkt stärker, wird eher erinnert. Wer sich viele öffentliche, gesellschaftsrelevante Bauten anschaut, übrigens auch solche, die beim BDA-Wettbewerb eingereicht wurden, Kindertagesstätten, Altenheime, Schulen, stößt oft auf niederdrückende architektonische Irrelevanz und Einfallslosigkeit. Eine überraschend pragmatische Lieblosigkeit, die der Bauaufgabe nicht gerecht wird und den tristen Hintergrund abgibt zum Beispiel für das für die Freie evangelische Gemeinde in Kaiserslautern entstandene Gemeindehaus der Kaiserslauterer Architekten Bayer & Strobel. Ein dezentes, unprätentiöses, en detail auftrumpfendes, präzise an den Bedürfnissen der Nutzer entlang gebautes Haus mit einem unangekündigt spektakulären Saal im Herzen, ebenso profan nutz- wie sakral aufladbar. Die Gemeinde hat es komplett aus Spenden finanziert und ganz bewusst den eigenen Anspruch auch architektonisch untermauert. Ein Gesamtkunstwerk, das die BDA-Jury mit einer Auszeichnung honoriert hat. Ebenso wie die Tagespflege für Demenzkranke, von AV 1 Architekten aus Kaiserslautern für den Arbeiter- und Samariterbund in Kaiserslautern gebaut, die in einem Karree aus Einfamilienhäusern steht. In den Fußstapfen eines früheren Kindergartens. Mitten im Baumbestand, den das eingeschossige Gebäude mit dem deutlichen Dach respektvoll nicht überbietet. Besucher/innen empfängt oft genug Gesang. Im Gebäude ist um die zentral installierte Küche die Osmose zwischen Innen und dem parkartigen Außenraum inszeniert, ein Ort der Ausblicke. Die temporären Bewohner bewegen sich entlang eines Handlaufs in einem sinnig-sinnlichen Offenen. Ein gutes Schlussbild auch für die Situation der Architektur in Rheinland-Pfalz. Die Lage bei uns hier bleibt schwierig, aber nicht aussichtslos. Ein Niemandsland? Der BDA-Preis zeigt, dass auch hier die alte Marxsche und Freudsche Regel gilt: Die Ausnahme ist der einzige Weg zur umfassenden Wahrheit.

Der Festsaal des Gemeindehauses in Kaiserslautern.
Der Festsaal des Gemeindehauses in Kaiserslautern.
Auch eine Auszeichnung bekam die Tagespflege Pfeifertälchen für Demenz des ASB Kreisverbands Kaiserslautern von AV1 Architekten
Auch eine Auszeichnung bekam die Tagespflege Pfeifertälchen für Demenz des ASB Kreisverbands Kaiserslautern von AV1 Architekten
Innenaufnahme der Tagespflege-Einrichtung.
Innenaufnahme der Tagespflege-Einrichtung.
In den Dirmsteiner Ortskern gezirkelt: Die Festhalle von BauEins-Architekten bekam in Trier eine Anerkennung.
In den Dirmsteiner Ortskern gezirkelt: Die Festhalle von BauEins-Architekten bekam in Trier eine Anerkennung.
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