Kultur Die Würde einer Mutter
Oscar-Ehren, Golden-Globe-Erfolg, zig andere Preise und, wo bereits in den Kinos, ein enormer Publikumserfolg: Die Adaption des in Deutschland als „Beale Street Blues“ bekannten Bestsellers von James Baldwin (1924 - 1987) gilt schon jetzt als einer der bewegendsten Spielfilme des Jahres. Tatsächlich überwältigt die hierzulande am Donnerstag unter dem Titel „Beale Street“ in den Kinos startende Liebesgeschichte mit einer bemerkenswerten, im Kino seltenen emotionalen Kraft.
Drehbuchautor und Regisseur Barry Jenkins, dessen „Moonlight“ 2017 gleich drei Oscars einheimsen konnte, ist in der Tat ein außergewöhnlich packendes Hohelied auf die Kraft der Liebe gelungen. Dabei deuten die Eckpfeiler der Handlung auf heftigen Kitsch: Ein junger Schwarzer landet in den 1970er Jahren in den USA zu Unrecht im Gefängnis. Der alltägliche Rassismus steht der Gerechtigkeit im Weg. Verzweiflung macht sich breit. Ausgerechnet da stellt sich heraus, dass die Freundin des Inhaftierten ein Kind von ihm erwartet. Familie und Freunde reagieren unterschiedlich. Neben Freude über den Nachwuchs stellen sich auch Misstöne ein. Es kommt zu kleineren und größeren Konflikten. Der größte ist, die Unschuld des werdenden Vaters zu beweisen. Doch schließlich siegt die Liebe über alle Unbill. Der brillanten literarischen Vorlage des wichtigsten afroamerikanischen Nachkriegsschriftstellers entsprechend setzt der Film auf subtiles Erzählen. Vordergründige Fingerzeige auf gesellschaftliche Missstände bleiben aus. Die Realität mit ihren Abgründen ist schon allein durch die genaue Zeichnung des New Yorker Stadtteils Harlem in den 1970er Jahren präsent. Hier sind Tish (KiKi Layne) und Fonny (Stephan James), seit Kindertagen ein Paar, zu Hause. Hier haben vor allem Tishs Eltern Sharon (Regina King) und Joseph (Colman Domingo) alles getan, um ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Wie wichtig das familiäre Miteinander ist, wird im Verlauf des Geschehens mehr als einmal deutlich. Die anklagende Wut wird hier nicht, wie etwa in überzeugenden Bürgerrechtsdramen à la „Malcolm X“, herausgeschrien. Aber sie ist selbst in den leisesten Liebesszenen spürbar – und genau darum besonders wirkungsvoll. Kameramann James Laxton, der schon einen wesentlichen Anteil am Erfolg von „Moonlight“ hatte, setzt in Momenten scheinbaren Glücks auf satte, üppige Farben, in denen des Leids auf sich anschleichende Düsternis. Das Glück trumpft überwiegend in Momenten der Erinnerung auf – an frühe Freundschaft, das erste Mal, den Rausch des Verliebtseins. Da blickt die Kamera gern auch mal aus ungewöhnlicher Perspektive auf Tish und Fonny, etwa, gleich zu Beginn, scheinbar direkt aus dem siebten Himmel. Doch Kitsch entfaltet sich dabei nicht. Dafür sorgen zum Beispiel immer wieder eingeblendete Schwarz-Weiß-Fotos aus den 1970er Jahren und, insbesondere, die Kommentare, die Tish, wie in der Romanvorlage, als Erzählerin gibt. Hier hat der Film seine kunstvollste Ebene: Tish springt scheinbar wild zwischen verschiedenen Momenten und Ebenen hin und her, sinniert, korrigiert sich sogar. Und der Film folgt ihr, bewegt sich frei zwischen Gestern und Heute, ohne, dass man als Zuschauer die Orientierung verliert. KiKi Layne als Tish und Stephen James in der Rolle des Fonny nehmen das Publikum sozusagen an die Hand. Sie überzeugen nicht nur, die Zwei überwältigen die Zuschauer geradezu. Man glaubt ihnen jeden Augenblick der Freude und des Leids. Zwischen ihnen stimmt die Chemie derart, dass man meint, einem wirklichen Liebespaar zu begegnen. Und dann ist da Regina King. Sie hat für die Interpretation von Tishs Mutter viele Auszeichnungen bekommen, auch einen Golden Globe und vergangene Woche erst einen Oscar als beste Nebendarstellerin. Völlig zu Recht. Mit vielsagenden Blicken und Gesten zeichnet sie das nuancierte Porträt einer kämpferischen Frau, die wohl jeder gern als beste Freundin hätte, eine Persönlichkeit, die noch in den schrecklichsten Stunden nach vorn blickt, ihre Würde bewahrt und andere mitreißen kann. Diese Sharon vergisst man nie. Sie wird zur Symbolfigur der gegenwärtig besonders in den USA aktiven „Black Lives Matter“-Bewegung, zu leibhaftigen Anklage aller Herabsetzung von Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung. Und das im besten Sinne unterhaltsam, weil geistreich und gefühlsvoll.