Film Die Unentbehrliche: Wie sich die Schauspielerin Isolde Barth aus Maxdorf an Rainer Werner Fassbinder erinnert

Enge Vertraute: die Maxdorfer Schauspielerin Isolde Barth und Regisseur Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) 1974.
Enge Vertraute: die Maxdorfer Schauspielerin Isolde Barth und Regisseur Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) 1974.

Als Rainer Werner Fassbinder 1982 mit 37 Jahren starb, hatte er in 13 Jahren 44 Filme gedreht, mehr als andere Regisseure in ihrem ganzen Leben. Sein Einfluss ist immer noch zu spüren. Schauspielerin Isolde Barth (71) aus Maxdorf drehte nicht nur fünf Filme mit ihm, sie war unentbehrlich. Hier erzählt sie von ihn.

Ich sei kamikazeartig in sein Leben eingebrochen, sagte er bei „Querelle“, seinem letzten Film, bei dem ich mitspielte. Wir hatten uns in München kennengelernt. Dort hatte er mich angesprochen weil mich bei George Moorse in dem Film „Schattenreiter“ (1974) gesehen hatte, kurz vorher bei einem Festival. Damals spielte ich in einem Münchner Kellertheater. Da kam er hin, hat mich angeschaut und dann kam das Angebot der Theatertournee für „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Zweimal haben wir das gemacht mit Ruth Maria Kubitschek als Petra und mir als Karin, die Geliebte. Das war der Anfang. Ich war fasziniert von ihm. Und dachte immer, ich verstehe ihn. Aber ich habe ihn nicht verstanden.

Ich war nicht wirklich Mitglied seiner Familie, es war eine andere Verbindung, kennengelernt habe ich ihn erst später, in seiner Verzweiflung, bei „In einem Jahr mit 13 Monden“ (1978). Das war meine engste Erfahrung mit ihm. Wenn er die Sonnenbrille runternahm, hatten seine schwarzen Augen so viel Traurigkeit. Er hatte damals so leidgetan nach dem Selbstmord von Armin Meier, seinem Freund.

Er konnte sehr sensibel sein. Aber die andere Seite habe ich auch kennengelernt. Bei „In einem Jahr mit 13 Monden“ war Organisatorin, Schauspielerin und private Betreuerin, alles in Personalunion. Da bin ich noch ganz froh durch. Im Grunde war nur wenig Geld da, aber ich habe es geschafft, die Drehgenehmigungen billiger zu bekommen. Das fand er natürlich toll. Auch die Musikrechte. Er hatte einfach Musiken genommen, ohne die Rechte zu haben, und ich musste dann mit der Schreibmaschine im Zwei-Finger-System Briefe an die entsprechenden Leute schreiben. Ich wurde seine vertrauteste Person, Er hat mich überschüttet mit Vertrauensbeweisen. Dann hatte er diese verfluchte Idee, dass ich beim nächsten Film genauso weitermachen sollte.

Was man alles aushalten musste

Aber bei „Die dritte Generation“ habe ich mich verweigert. Morgens in aller Früh sollte ich irgendwo in Berlin Drehgenehmigungen, Kostüme und anderes besorgen. Und dann bekam ich noch seitenweise Text zum Lernen, neu geschriebenen, weil es kein Drehbuch mit Dialogen gab, nur Szenenfolgen. Die Dialoge hat er in der Nacht geschrieben, man musste sie morgens lernen. Und ich musste ihn mit meinem alten VW Käfer an den Drehort im Tiergarten fahren. Dort hätte ich einen Dialog mit Margit Carstensen in meinem Auto gehabt, mein Auto war auch Spielauto. Ich hatte Textschwierigkeiten, das Licht fiel aus, ein technischer Defekt. Er hat versucht, das auf mich zu schieben. Da war ich fertig, körperlich erschöpft. Mit Margrit Carstensen saß ich im Auto und habe geheult. „Du musst wissen, wenn du nahe bei Rainer sein willst, dann musst du das aushalten“, sagte sie.

Ich habe entschieden, dass ich es nicht aushalte. Ich habe gegen ihn prozessiert, das haben sich zu diesem Zeitpunkt keine Schauspieler getraut. Ich hatte ihn verklagt, weil er mich nach meinem Ausscheiden regresspflichtig machen wollte, da die Finanzierung nicht so geklappt hatte, wie er es sich vorgestellt hatte und ich nun die Arbeit verweigerte. Ich wollte mein Geld zurück, das ich für den Film ausgelegt hatte und wollte auch für meine Arbeit bezahlt werden. Von Ende 1978 bis Mai 1980 waren wir zerstritten. Dann hat er wieder den Kontakt gesucht. Ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der so aufmerksam war, der alles genau wusste und wissen wollte, was ich machte in der Zeit, es war unglaublich, er war auch so fürsorglich. Das habe ihn vorher und nachher nie wieder so erlebt. Nie wieder.

Boshaft, lustig und ein Freundschaftsskeptiker

Durch meine Verweigerung habe ich nicht nur meine Rolle in der „Dritten Generation“ verloren, sondern auch eine sehr schöne Rolle in „Berlin Alexanderplatz“. Erst bei „Lola“ konnte ich wieder mitspielen. Als ich mich mit ihm versöhnt hatte, war er gerade in der Vorbereitung für „Lili Marleen“. Da wollte er auch mich besetzen, aber das hatte er schon Christine Kaufmann versprochen, und seine nächste Umgebung fand es nicht gut, das man zerstritten ist und gleich wieder besetzt wird.

Er misstraute Freundschaft. Nicht meiner Freundschaft, sondern Freundschaft insgesamt. Oder Liebe. Er wollte immer den Beweis, dass es nicht funktionierte. Deswegen hat er immer alles auf die Spitze getrieben. Die Leute konnten gar nicht so sein, wie es ihm gefallen hätte. Darunter habe ich gelitten, ich hatte ihn wahnsinnig gerne gehabt. Er konnte auch sehr lustig sein. Er war auch boshaft, aber wir haben auch viel gelacht.

Schön war, als er mir die Silberschuhe geschenkt hat. Das war in Cannes in seinem letzten Jahr, bevor er gestorben ist. Da war er noch schuldbewusst. Er wollte, dass ich bei jedem Abendessen dabei bin. Am Ende des Festivals ließ er mich suchen von Harry Baer. Dann musste ich mit den beiden zurückfahren nach München, im Zweisitzer hinten quer. Am nächsten Morgen in Verona wollte ich Schuhe kaufen und war schon im Laden. Er sieht ein paar Stöckelschuhe, silberne, ganz hohe mit Riemchen, und sagte: „Zieh die mal an.“ Sie passten und ich musste sie anbehalten. Das war eine liebevolle Sache. Die Schuhe habe ich noch. Und auch einen Hut von ihm. Der ist erst aufgetaucht, als ich in der Pfalz war. In meinem Auto, einem Käfer, plötzlich liegt er zwischen den Sitzen, der Hut. Aber da war Rainer schon tot. Ich habe sehr getrauert, als die Todesnachricht kam.

Aufgezeichnet von Andrea Dittgen

Zur Person

Isolde Barth, 1948 in Maxdorf geboren, Schulzeit und Abitur in Mannheim, Schauspielausbildung an der Folkwang Schule Essen, spielte in über 130 Filmen und Serien, für Fassbinder in „Despair“, (1977) (1977), „Die Ehe der Maria Braun“ (1978), „In einem Jahr mit 13 Monden“ (1978), „Lola“ (1981) und „Querelle“ (1982). In Oskar Roehlers „Enfant terrible“ , der im Herbst ins Kino kommt, spielt sie Fassbinders Mutter.