Filmfestival Mannheim-Heidelberg RHEINPFALZ Plus Artikel Die Stimme erheben: Die Preisträger stehen fest

Die 13-jährige Tielle (Jamilli Correa) erlebt im Siegerfilm „Manas“ sexuelle Gewalt und versucht ihr zu entkommen.
Die 13-jährige Tielle (Jamilli Correa) erlebt im Siegerfilm »Manas« sexuelle Gewalt und versucht ihr zu entkommen.

Eine Teenagerin, eine junge Mutter und eine Seniorin an der Schwelle des Vergessens: Drei sensible Porträts von Weiblichkeit, auf ihre Art Reisen zur Entdeckung eines neuen Selbstbewusstseins, hat die Jury des 73. Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg ausgezeichnet. Damit würdigt sie die eher leisen, zutiefst menschlichen Geschichten im Programm, die sich Themen widmen, über die sonst selten gesprochen wird.

Das portugiesische Wort „Manas“ heißt Schwestern. Und ein Gefühl von Schwesterlichkeit hat auch die brasilianische Filmemacherin Marianna Brennand dazu bewegt, ihren gleichnamigen, nun mit dem Hauptpreis des IFFMH prämierten Film zu drehen: Zehn Jahre lang hat sie im Amazonasgebiet recherchiert, Mädchen und Frauen befragt über ihr Aufwachsen in einer von sexueller Gewalt in der Familie geprägten Kultur.

Glückliche Preisträgerin: Marianna Brennand hat den Siegerfilm „Manas“ gedreht. Er gewann den Hauptpreis und den Student Award d
Glückliche Preisträgerin: Marianna Brennand hat den Siegerfilm »Manas« gedreht. Er gewann den Hauptpreis und den Student Award der Jungen Jury.

Ihr lange nachwirkender Film, den auch die Junge Jury des Festivals zu ihrem Gewinner kürte, porträtiert die 13-jährige Tielle (Jamilli Correa), deren scheinbar unbeschwerte Kindheit in einer Holzhütte endet, als ihr Vater sie mit „zum Jagen“ nimmt und sie fortan mit ihm das Bett teilen soll. „Normal“ sei dies, hört sei von ihrer Mutter und anderen erwachsenen Frauen im Ort. Doch Tielle will selbst über ihren Körper verfügen – und wächst über sich hinaus, als ihr Vater ihre noch jüngere Schwester mit in den Wald nimmt. „Ich hatte das Gefühl, dass dies ein sehr notwendiger Film ist“, sagte Brennand in Mannheim, „und ich hoffe, dass Frauen, die ihn anschauen, sich berührt und gesehen fühlen und darin bestärkt werden, das Schweigen zu brechen.“ Die Jury – Schauspielerin Angela Bundalovic, Regisseur Graham Foy und Johanna Süß, Leiterin des Lichter Filmfestivals – lobte die Stärke und Unmittelbarkeit von „Manas“.

Die US-Filmemacherin Sarah Friedland wurde für das Drehbuch ihres Films „Familiar Touch“ über eine Demenzkranke mit dem Rainer W
Die US-Filmemacherin Sarah Friedland wurde für das Drehbuch ihres Films »Familiar Touch« über eine Demenzkranke mit dem Rainer Werber Fassbinder Award geehrt.

Eine 86-Jährige wiederum spielt die vom Theater kommende US-Schauspielerin Kathleen Chalfant überaus berührend in „Familiar Touch“ von Sarah Friedland. Ihr mitreißendes Porträt einer eleganten New Yorker Jüdin, die ihre Demenz nicht wahrhaben möchte, prämierte die Jury mit dem Rainer Werner Fassbinder Award – einem Preis, der inzwischen dem besten Drehbuch im Wettbewerb „On The Rise“ mit Debütfilmen und zweiten Regie-Arbeiten gilt und an den Münchner Autorenfilmer erinnert, der einst beim Mannheimer Filmfest den Durchbruch feierte. Lange war der Preis in seinem Namen Filmen mit ungewöhnlicher Erzählstruktur vorbehalten.

Wobei auch „Familiar Touch“ mit seiner Perspektive überrascht: Sarah Friedland erzählt in ihrem warmherzigen Spielfilmdebüt, das sie als „Coming Of (old) Age“-Film bezeichnet, ganz aus der Warte von Ruth, die ihren Sohn zwar nicht mehr erkennt, aber noch eine scharfe Beobachterin ist – und sich zurechtfinden muss in ihrem neuen Alltag in einem exklusiven Seniorenheim, das liebevoll geführt führt. Kathleen Chalfant spielt tief bewegend eine Frau, die an ihrem Ich festhalten möchte. Und die Regie Friedlands, die auch als Choreografin arbeit, hat sichtbar etwas Tänzerisches.

Für „Salve Maria“ geehrt: Schauspielerin Laura Weissmahr.
Für »Salve Maria« geehrt: Schauspielerin Laura Weissmahr.

Selten erzählt wird auch von den Problemen, wie sie die junge Mutter Maria (Laura Weissmahr) im katalonischen Film „Salve Maria“ entwickelt: Sie kann keine Bindung zu ihrem Baby Eric aufbauen, will zwar alles richtig machen, doch bringt sie es nicht über sich, mit ihm zu sprechen oder zu spielen. Ihr Mann scheint ihre Nöte nicht zu bemerken und so steigert sich die Autorin, die nach dem Erfolg ihres Debütromans gern einfach weiter schreiben würde, in tiefe Ängste hinein, wobei Regisseurin Mar Coll auch mit Horrorelementen wie einem an Hitchcocks „Vögel“ erinnernden Krähenangriff aufwartet. Auch Erinnerungen an „Rosemarys Baby“ wehen durch den Film, der auf einem baskischen Roman basiert und allerlei Zitate von Schriftstellerinnen wie Sylvia Plath, aber auch aus „Medea“ einbaut – befürchtet Maria doch, selbst zur Kindsmörderin zu werden. Die Jury vergab den neuen Preis für Schauspielnachwuchs an Hauptdarstellerin Laura Weissmahr, die tatsächlich stark spielt, auch wenn der Film gegen Ende an Konsequenz verliert.

Ein Film über rachsüchtige Männer: »Bring Them Down«, der in Irland unter Schafzüchtern spielt, hat den Preis der Internationale
Ein Film über rachsüchtige Männer: »Bring Them Down«, der in Irland unter Schafzüchtern spielt, hat den Preis der Internationalen Filmkritik gewonnen.

Nominiert waren neben „Salve Maria“, der als dritte Regiearbeit in der Reihe „Pushing The Boundaries“ läuft, auch die Hauptdarstellerinnen der Wettbewerbsfilme „Gazer“ (ein brutaler Neonoir-Horrorthriller mit Anklängen an „Memento“), Ariella Mastroianni, und „The Kingdom“ (ein Tochter-Vater-Krimi), Ghjuvanna Benedetti. Letztere hätte diesen Preis ebenfalls verdient, doch wollte die Jury offenbar konsequent bei Filmen bleiben, die ganz aus weiblicher Perspektive erzählt sind: Somit sind die drei Hauptpreise äußerst schlüssig ausgewählt aus einem starken (Wettbewerbs-)Programm, das auch Themen wie toxischer Männlichkeit und Rache Raum gibt, die allerdings schon deutlich häufiger Gegenstand von Kinofilmen gewesen sind.

Von der Liebe zwischen einer chinesischen Investmentbankerin, die vor ihrem gewalltätigen Verlobten flieht, und einem todkranken
Von der Liebe zwischen einer chinesischen Investmentbankerin, die vor ihrem gewalltätigen Verlobten flieht, und einem todkranken Straßenhändler erzählt »Bound In Heaven«, der Gewinnerfilm der Ökumenischen Jury.

Die Filmkritikerjury wiederum wählte den in Irland unter rivalisierenden Schafzüchtern spielenden Rachefilm „Bring Them Down“ zum Sieger, die Ökumenische Jury die ungewöhnliche Liebesgeschichte „Bound In Heaven“, und das Publikum favorisierte „Across The Sea“: die über zwölf Jahre gespannte Geschichte eines charmanten marokkanischen Einwanderers in Marseille, der einst seine schwangere erste Liebe sitzen ließ.

Favorit des Publikums: der französische Einwandererfilm „Across The Sea“.
Favorit des Publikums: der französische Einwandererfilm »Across The Sea«.

Alle Siegerfilme laufen noch bis Sonntag, Infos gibt es unter www.iffmh.de.

x