Kultur Die Stadt der verlorenen Kinder
Ein zwölfjähriger Junge verklagt seine Eltern, weil er ihretwegen überhaupt auf der Welt ist. In Deutschland undenkbar, im Libanon nicht. Dabei sitzt der Zwölfjährige in Jugendhaft wegen Körperverletzung. Auch dafür macht er seine Eltern verantwortlich. „Capernaum“, die anrührende Geschichte einer kindlichen Odyssee durch die Slums, ist auf der Oscar-Shortlist für den besten nicht englischsprachigen Film – und könnte auch gewinnen, so emotional packend, wie er ist.
„Capernaum“ bedeutet Chaos. Im Leben des zwölfjährigen Zain herrscht viel Chaos, wie sich peu à peu offenbart. Er stammt aus einer kinderreichen Familie in den Slums von Beirut, sieht höchstens aus wie acht und existiert offiziell genauso wenig wie seine Geschwister, denn seine Geburt wurde nie angezeigt. Er hat keine Papiere. Mit dieser Grundkonstellation führt die libanesische Autorenfilmerin Nadine Labaki die Zuschauer in eine Welt, von der man eigentlich nichts wissen will, denn sie ist schlimmer als die Welt der Flüchtlinge, die in Europa ankommen. Zain (gespielt von einem syrischen Laiendarsteller) haust mit seiner Familie in einer dreckigen Bretterbude, die fast auseinanderfällt. An Schule ist nicht zu denken, auch die Eltern sind ungebildet. Er schlägt sich mit kleinen Hilfsarbeiten durch, um etwas zu essen zu kaufen, aber er stiehlt auch. Da sich die Eltern nicht viel um die Kinder kümmern, weil sie selbst schon genug Mühe haben, das Allernotwendigste zum Leben zu organisieren, ist Zains einzige Freude seine elfjährige Schwester Sahar, mit der er spielt. Doch als sie ihre Periode bekommt, weiß er, dass er sie verlieren wird. Denn sie gilt nun als heiratsfähig. Die Eltern verkaufen sie an einen Geschäftsmann. Das nimmt Zain nicht hin, er greift zum Messer – und rennt dann davon, als die Sache nicht so ausgeht, wie er sich das vorstellt. Auf einem Rummelplatz kommt er bei einer illegalen Immigrantin aus Äthiopien unter, einer jungen Frau, die ein Baby hat. Es ist ein Pakt auf Gegenseitigkeit: Sie besorgt Essen und einen Bretterverhau als Wohnung, er kümmert sich um das einjährige Kind, während die junge Mutter arbeitet. Irgendwann kommt sie abends nicht mehr zurück, und Zain läuft nun mit dem fremden Baby durch die Straßen, versucht, Nahrung für das Kind aufzutreiben und herzt es so, wie er von seinen Eltern wohl nie geherzt wurde. Das Leben des Babys ist ihm wichtiger als sein eigenes, lieber gibt er ihm etwas zu essen, als dass er isst. Bis Zain immer schwächer wird, bis er nicht mehr kann – und von der Polizei aufgegriffen wird. Labaki versteht sich als Anwältin für die Kinder (sie spielt auch die Anwältin in der Gerichtsszene). Nach jahrelangen Recherchen schrieb sie diese ungewöhnliche Geschichte und inszenierte sie als gefühlvolles Drama, das wie ein Dokumentarfilm wirkt. Das liegt an der Handkamera, die Zain in fast jeder Einstellung im Blick hat, am Fehlen von Musik, an den vielen Details, mit denen sie das Elend der Welt anklagt. So stellt sich Zain bei einer Essensausgabe für Bedürftige auf einem Markt an, um sich und das Baby zu versorgen, und muss erfahren, dass die Armenspeisung nicht für jeden Bedürftigen ist, sondern nur für syrische Flüchtlinge. Zain erfährt, dass auch andere kein Mitleid kennen. Wenn ihm nur ein paar Piaster (ein paar Cent also) fehlen für die Trockenmilch, ist der Händler auf dem Slummarkt gnadenlos und gibt ihm nichts. Andererseits lehnt es Zain entrüstet ab, als ihm ein Mann auf der Straße etwas zu essen geben will. Selbst die Ärmsten der Armen haben ihre Würde, will Labaki sagen. Und wie schnell Kinder zu Erwachsenen werden, wenn sie keine Wahl haben. Nadine Labaki, 1974 in Beirut geboren, wurde 2007 mit ihrem Film „Caramel“ über fünf Frauen im Libanon bekannt. In diesem, ihrem vierten Film, vermeidet sie allzu offensichtliche Klischees. Das Elend, für das keiner etwas kann und dem doch so schwer beizukommen ist, zeigt sie psychologisch geschickt in Häppchen als Rückblenden. Das macht den Film spannend. Zumal vieles nur angedeutet wird. Warum Zains Eltern ihren Kindern so gleichgültig sind, erfährt man nicht. Ebenso wenig, warum die Frau, die Zain aufnahm, nicht mehr zurückkommt. Zu viele Schicksale auf einmal zu erzählen, funktioniert im Film nicht. Labaki hat da wohl eher „Fahrraddiebe“, „Rom, offene Stadt“ und andere Meisterwerke des italienischen Neorealismus der 40er Jahre zum Vorbild genommen als die typischen Sozialdokumentationen. Mit dem 14-jährigen Zain Al Rafeea hat Labaki einen wunderbaren Laiendarsteller gefunden, den man trotz seiner Fehler und gelegentlicher Gewaltausbrüche ins Herz schließt. Auch, wenn er nie lächelt. Nur ganz am Schluss, wenn die Sache vor Gericht ein unerwartetes Ende nimmt.