Kultur Die Sprache von Gibraltar

An den eifersüchtigen Platzkämpfen, mit denen in der kleinen Lyrik-Gemeinschaft um die Deutungshoheit gerungen wird, hat sich der Dichter Björn Kuhligk nie beteiligt. Der in Berlin lebende Schriftsteller, der heute in Speyer mit dem Arno-Reinfrank-Literaturpreis ausgezeichnet wird, zieht das lässige Understatement dem wuchtigen Bekenntnis vor.
Am Ende der neuen Lyrik-Anthologie „Spitzen“, in der sein prominenter Kollege Steffen Popp die für ihn „schönst-umwerfenden Gedichte“ des 21. Jahrhunderts vorstellt, hat Kuhligk ein sehr abgeklärtes, cool-lakonisches Manifest platziert, das alle Lyrik-Dogmen der vergangenen Jahrzehnte aushebelt. Gegen die stolze Begriffswut seiner Dichterkollegen setzt er einige trockene Sätze, die zwischen Sarkasmus und Banalität changieren: „Wenn man eine neue Grammatik erfinden möchte, kann man das tun.“ Dieser Satz steht gleichwertig neben einer wunderbaren Banalität: „Wenn ich einen Wurstsalat esse, esse ich einen Wurstsalat.“ Vielleicht sollte man Kuhligks Text „Das Gedicht geht durch einen Körper und grüßt nicht mal“ eher ein Anti-Manifest nennen. Konturiert sich etwas heraus, das man für den Ansatz einer Theorie halten könnte, wird es von Kuhligk gleich wieder abgeräumt: „Ich weiß, dass jemand, der sich für einen großen oder wichtigen Dichter hält, einen Knall hat.“ Oder: „Ich schreibe, wenn die Liebe, die Leere, der Hass und so weiter.“ Auf solche kleinen poetischen Sabotageakte ist der in Berlin lebende Björn Kuhligk spezialisiert. Nach einer Ausbildung zum Buchhändler debütierte der 1975 geborene Kuhligk im Jahr 2001 in der damals noch aufregenden Reihe „Lyrik Edition 2000“ mit dem Band „Es gibt hier keine Küstenstraßen“. Der Band war eine poetische Mixtur aus urbanem Berliner Neo-Expressionismus, dem frühen Wolf Wondratschek und dem späten Rolf Dieter Brinkmann. Die Gedichte kokettierten ein bisschen mit kraftmeierischen Gesten und einer gestischen Unmittelbarkeit, die bereits damals historisch war. Gleichzeitig begann Kuhligk aber, an einer Aktualisierung des politischen Gedichts zu arbeiten und verfeinerte in den folgenden Jahren sein poetisches Instrumentarium. Zur Rettung des politischen Gedichts, fern von den Moralismen einer lupenreinen Gesinnungsästhetik, trug sein starker Band „Die Sprache von Gibraltar“ (Hanser Berlin, 2016) bei, in dem sich der Autor in einer Art Selbstversuch direkt und unmittelbar den politischen Verwerfungen der Gegenwart aussetzte. Im Oktober 2015 reiste Kuhligk an den südwestlichen Rand Europas, um eine für ihn unerträgliche Situation der Gleichgültigkeit zu durchbrechen. Das Leid der Flüchtlinge, die in Booten den Weg von Afrika nach Europa suchen und in Melilla, der spanischen Exklave an der Nordküste Nordafrikas, auf meterhohe Grenzzäune treffen, ließ ihn nicht mehr los. In Melilla warten auch heute noch Zehntausende afrikanischer Flüchtlinge, hauptsächlich in improvisierten Camps auf dem Berg Gourougou, auf einen Weg in die erträumte Freiheit. Aber Europa zeigt sich als Festung und versperrt mit bis zu sieben Meter hohen Zäunen aus Stacheldraht den Zugang zum vermeintlichen Paradies. Kuhligk hat auf dieses Bild gespenstischer Abschottung mit seinem langen Gedicht „Die Sprache von Gibraltar“ reagiert, das nicht mit wohlfeilen Appellen daherkommt, sondern sehr genau und unprätentiös die Erfahrungen mit dieser Grenze zwischen Arm und Reich aufzeichnet. Kuhligk wählt ein unpathetisches Sprechen, das mit vielen Aufzählungen und Wiederholungen arbeitet und die luxuriöse Lage des Dichters nicht ausspart, sondern sie als Teil der tiefen Spaltung zwischen den Hemisphären von Arm und Reich kenntlich macht: „Es ist 2015, Oktober/ es ist Bewegung auf den Kontinenten/ die Stewardess mit den Apfelbrüsten/ rammt ihre Absätze in den Flugzeugteppich/ und fragt, ob süß oder salzig/ ich bin bei den Satten, den Siegern/ das ist mein Standpunkt.“ Nur so können wir uns einen zeitgemäßen politischen Dichter vorstellen: nicht als unfehlbaren Präzeptor der Nation, der die Akteure der politischen Klasse entlarven will, sondern als selbstkritischen Beobachter, der unsere Bereitschaft zum Wegsehen empfindlich stört. Die „Poesie der Fakten“, wie sie einst Arno Reinfrank schrieb, besitzt in Björn Kuhligk eine starke Stimme. Termin —Preisverleihung heute, 19.30 Uhr, Historischer Ratssaal Speyer, im Anschluss ab 20 Uhr Autorenlesung mit Björn Kuhligk, zu dieser ist der Eintritt frei.