Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Die Sonntagsfrage: Wie Bibliotheken sich gerade ändern, die Öffnungszeiten aber nicht

Leuchtendes Beispiel, aber auch sonntags zu: Die Stadtbibliothek Ludwigshafen von außen .
Leuchtendes Beispiel, aber auch sonntags zu: Die Stadtbibliothek Ludwigshafen von außen .

Bibliotheken sind mittlerweile sogenannte „Dritte Orte“, an denen sich die Gesellschaft begegnet. Das heißt: außer sonntags. Schuld ist das Bundesarbeitszeitgesetz. Die Bundesregierung wollte es eigentlich neu regeln. Der Deutsche Bibliotheksverband und der Deutsche Städtetag drängen darauf, dass die Wissensorte den Museen gleichgestellt werden. Aber wollen die das auch? Gute Frage.

Vielleicht ist das Ludwigshafens bester Platz: das Wohnzimmer in Wurfnähe des Baulochs auf dem Berliner Platz. Ein Mann im Cord-Sakko liest Zeitung im Entree. Auf der Empore des Lesesaals, vier junge Frauen, die auf Stuhlkanten um einen Tisch sitzen und – „Alter“ – krasse grammatikalische Fragen diskutieren. Jungs chillen vorm Gaming-PC. Infos gibt es auch auf Ukrainisch.

An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

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Wer will, kann sich hier Silikonformen zum Seifengießen oder eine E-Gitarre ausleihen. Den 3D-Drucker im Makerspace zum Sirren bringen. Deutsch lernen. Plaudern, wenn es sich im Lautstärkerahmen hält. In Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ blättern. Sitzen und rausschauen und warten, bis es dunkel wird. Von draußen sieht die Stadtbibliothek in Mitte dann aus, wie von einem anderen Stern. Das Haus, das dieses Jahr schon 185.000 Besucher hatte und in dem rund 1000 Menschen Tag für Tag ein- und ausgehen, kommt dem schon sehr nah, was der US-amerikanische Stadtsoziologe als „home away from home“ beschrieben hat: ein Zuhause fern der eigenen Wohnung, an dem unverwandte Menschen aufeinandertreffen.

Für die einen ist es ein Lernort, für andere ein Ruhepol: die einladend mit vielen Sitzen gestaltete Ludwigshafener Stadtbibliot
Für die einen ist es ein Lernort, für andere ein Ruhepol: die einladend mit vielen Sitzen gestaltete Ludwigshafener Stadtbibliothek.

Selbst, wer kein Geld hat, kann teilhaben, einen Laptop nutzen zum Beispiel, um ein Referat für die Schule vorzubereiten. Teil einer sozialen Gemeinschaft sein, die sich jeden Tag neu zusammensetzt, ohne eine Cola für 3,50 Euro trinken zu müssen. Die Bibliothek als „Dritter Ort“, mit Parks vergleichbar, ein wahrer demokratischer, öffentlicher, konsumfreier Raum, so wie er in Ludwigshafen funktioniert, ist inzwischen Usus. Oder wird zumindest angestrebt. In kleineren Orten sind die Gemeindebüchereien oft die einzigen Kulturträger, in denen sich etwas bewegt und die sich fußläufig erreichen lassen. Wenn sie denn geöffnet haben. Die Öffnungszeiten sind seit einiger Zeit so etwas wie der neuralgische Punkt der Zukunftsdebatte über die Wissensorte, die trotz oder wegen der Digitalisierung eine Renaissance als Erlebnis-, Begegnungs- und Lernort erfahren. Und nicht nur, weil die Stadtbücherei in Stuttgart die ganze Nacht aufhat. Und die Gemeindebücherei in Winnweiler zehn Stunden die Woche. Was beide verbindet, ist, dass sie sonntags notgedrungen geschlossen bleiben müssen.

Im Prinzip ja, aber

Auch Tanja Weißmann, die vife Leiterin der Ludwigshafener Stadtbibliothek, würde ihre „wichtige Anlaufstelle“, wie sie ihre Institution selbst nennt, am siebten Tag der Woche gerne aufschließen, darf aber nicht. Ausgerechnet dann, wenn viele Familien, Alleinerziehende und Berufstätige frei haben und anderen die Decke auf den Kopf fällt. „Grundsätzlich gut“, fände Tanja Weißmann es, könnte sie – was das außer in Nordrhein-Westfalen in 15 Bundesländern geltende Arbeitszeitgesetz verbietet – nicht nur samstags, wie jetzt schon, aufhaben: sondern auch dann, wenn die Familien Zeit haben. Also abseits dessen, dass ihr das derzeit „personaltechnisch“ gar nicht möglich wäre. Und wohl auch finanziell, bei der Finanzlage der Stadt. Ähnliches wird immer wieder gesagt, wenn man sich zu dem Thema umhört.

So ist auch Claudia Germann, die Leiterin der zum Bezirksverband gehörenden Kaiserslauterer Pfalzbibliothek, „prinzipiell“ für die Sonntagsöffnung, zu deren gesetzlicher Regelung sich die Bundesregierung 2021 in ihrem Koalitionsvertrag verpflichtet hat, ohne, dass was in diese Richtung passiert wäre. Also, sie ist dafür, „wo das ohne Personal und Sicherheitskräfte möglich ist“. Aber, wie soll das gehen, wenn sie gleichzeitig sagt: Ohne Fachpersonal sei ein Betrieb der Wissenschaftsbibliothek „schwierig“.

Vorbild Schausteller

Zum „Tag der Bibliotheken“ am 24. Oktober hat der Deutsche Bibliotheksverband noch einmal nachdrücklich gefordert, dass endlich die rechtlichen Voraussetzungen für eine Sonntagsöffnung geschaffen werden. Es bedürfe dazu lediglich, Paragraf zehn des Bundesarbeitszeitgesetzes zu ändern, der die Ausnahmen des Sonntagsarbeitsverbots definiert. So darf im Not- und Rettungsdienst an diesem Tag Personal eingesetzt werden, aber auch in Opernhäusern, Theatern, Kinos oder bei den Schaustellern. Auch der Deutsche Städtetag hat deshalb jetzt gefordert, die Ungleichbehandlung der Kultureinrichtungen endlich zu revidieren.

Rund 9000 Bibliotheken gibt es in Deutschland, die Besucherstatistik weist rund 132 Millionen Besucher jährlich für sie aus. Öffentliche Büchereien seien die am stärksten genutzten Bildungs- und Kultureinrichtungen in den Städten, aber gleichzeitig fast die einzigen, die sonntags nicht öffnen dürften, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, neulich den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Städte sollten künftig selbst entscheiden können. Wenn die Forderung allerdings konkret wird, werden die Töne gedimmt.

Die kritische Masse

Von einer „Frage der Finanzen“ spricht der Pressesprecher des für 579 Bibliotheken und Büchereien zuständigen rheinland-pfälzischen Landesbibliothekszentrums, Hans Erich Au. Es klingt wie eine im wahrsten Wortsinn abschließende Antwort auf die Sonntagsfrage. Auch Heilwig Dietrich, die Leiterin der mit drei nebenamtlich und drei ehrenamtlich tätigen Frauen geführten Gemeindebücherei in Winnweiler, hört sich nicht so an, als würde sie, wenn das geht, die Türen aufreißen. Sie meint, es sei auch so schon sportlich für sie als Team, ihre Bücherei samstags von 10 bis 12 Uhr aufzuhaben. Der Tag werde insbesondere von Familien gut angenommen, erzählt sie. Aber jetzt noch den Sonntag dranzugeben? Sie sei da „sehr kritisch“, ob sie und die anderen Frauen das auch noch schaffen (wollen).

Tatsächlich glaubt kaum jemand auf Nachfrage, dass sich die zeitliche Ausweitung des Angebots überhaupt realisieren ließe – unter den gegebenen Bedingungen, den klammen Kommunen und den endlichen Personaldecken. Allerdings zeigt das Beispiel Nordrhein-Westfalen, wie sich etwas ändern lässt, wenn man das will und Prioritäten setzt. Dort hat ein 2019 verabschiedetes Bibliotheksstärkungsgesetz – die Gewerkschaft Ver.di klagte vergeblich dagegen – dafür gesorgt, dass etwa die Düsseldorfer Zentralbibliothek im KAP1 sonntags von 13 bis 18 Uhr aufhat. Unter anderem 600 Arbeitsplätze, davon 60 mit PC stehen dann zur Verfügung. Internet ist frei. Das Haus ist jetzt gerade zur „Bibliothek des Jahres 2023“ gewählt worden.

Anderes Beispiel: Aarhus. Die dortige Bibliothek DOKK1 (Architektur: Schmidt Hammer Lassen) wird selbstbewusst als Touristenattraktion beworben. Der Bürgerservice der dänischen Stadt befindet sich dort. In dem Haus, in dem eine riesige zentrale Fläche als Veranstaltungsareal genutzt wird, sind Bücher fast eine Randerscheinung. Das DOKK1 ist die Blaupause einer Bibliothek, die als zeitgenössisches Stadtwohnzimmer fungiert. Selbstverständlich hat es – wie in Skandinavien und vielen europäischen Ländern üblich – das ganze Wochenende auf.

Kleine Brötchen

In der Pfalz derweil backt man erst einmal kleinere Sonntagsbrötchen. Vorreiter ist, so weit sich das überblicken lässt, einmal mehr die Stadtbibliothek im regionalmetropolen Ludwigshafen. Seit das Haus saniert, umgebaut und im August 2017 wiedereröffnet worden ist, hat es 40 Prozent mehr Besucher. 60 Prozent davon, schätzt Bibliotheksleiterin Tanja Weißmann, Schülerinnen und Schüler. Auch die Verweildauer habe sich erhöht, von 30 Minuten bis eine Stunde auf vier Stunden und mehr. Manche blieben auch den ganzen Tag. Jetzt hat ihre Stadtbibliothek in der Zweigstelle in Edigheim ein Pilotprojekt gestartet, das die Sonntagsöffnung doch noch möglich machen könnte.

Open Library, nennt sich das aus Dänemark stammende Konzept. Es kommt ohne Personal aus, dafür sind Kartenlesegeräte im Einsatz, automatische Türen, zeitgenössische Technik, die keinem Arbeitszeitgesetz unterliegt.

Fortschritt durch Technik

In Dänemark arbeiten schon mehr als 400 Bibliotheken mit dem System In Deutschland 30 bis 40 – wie in Moers, wo sich die Öffnungszeiten der Bücherei seit Einführung von 35 auf 69 Stunden ausgeweitet haben. Ulrike Weil, die Leiterin der Pirmasenser Stadtbücherei, jedenfalls meint, dass sich mit Open Library auch das Sonntagsproblem lösen wird. „Vielleicht schon in fünf Jahren“, sagt sie, stelle sich die Frage, ob und wie lange die Bibliotheken öffnen, in dieser Dringlichkeit nicht mehr. Bis dahin lässt sich etwa auf die Katholische öffentliche Bücherei St. Jakobus in Neustadt-Hambach hinweisen, die sich ehrenamtlichem Engagement verdankt und sonntags von 11 bis 12.45 Uhr geöffnet hat. Oder noch besser, auf Initiativen wie die Kleine Bücherei unweit in Neustadt-Mußbach. Ein kindgroßes Bücherhaus in der Herrenhofstraße 23 mit Satteldach und doppelstöckigem Regal im Innern. Die Werke dort sind zum Tauschen und wechseln häufig. Dafür sind die Öffnungszeiten unschlagbar: 24/7.

Uni-Bibliothek in Landau
Uni-Bibliothek in Landau
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