Kultur Die rätselhafte Stadt in der Wüste
Ein Fest für Freunde archäologischer Rätsel: In den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen (REM) stellt die Schau „Margiana“ eine hierzulande noch völlig unbekannte zentralasiatische Hochkultur der Bronzezeit vor. Spektakuläre Funde aus ihrer möglichen Hauptstadt Gonur Depe („Grauer Hügel“) lassen rätseln über die Bewohner, die sie um 1700 vor Christus verließen. Danach war die Anlage im Wüstensand versunken, bis 1972 ein sowjetischer Archäologe auf sie stieß. Heute ist sie Unesco-Weltkulturerbe.
Sie hatten keine Schrift, ihre Sprache ist unbekannt, ihre Glaubenswelt ebenso, aber sie waren hoch talentierte (Kunst-) Handwerker und Baumeister, oft ihrer Zeit voraus: Aus den Siedlungsresten sowie 2800 Gräbern in der Wüste Karakum stammen die Erkenntnisse über die Bewohner Gonur Depes, gelegen in einem Gebiet, das seinen jetzigen Namen einem alten Perser verdankt. König Dareios I. – aus den Geschichtsbüchern durch die Perserkriege mit Griechenland bekannt, – hinterließ um 570 vor Christus eine Felsinschrift über das „Land, das Margusch heißt“ und seine Bewohner, die „Margianer“. Margiana liegt im Südosten Turkmenistans. Zu der Region gehören neben der in Mannheim präsentierten ältesten Siedlung Gonur Depe aus der späten Bronzezeit – Ende des 3./ Anfang des 2. vorchristlichen Jahrtausends – auch die etwas jüngeren Unesco-Welterbestätten Merv und Nisa. Das historische Baktrien ist Nachbar im Osten (weitgehend in Afghanistan), Nisa liegt an der südlichen turkmenischen Grenze zu Iran. Nördlicher Nachbar ist Usbekistan. Seit 4000 Jahren lebt in Gonur Depe niemand mehr – ein Glücksfall für die Archäologen um Viktor Sarianidi, der die Siedlung 1972 entdeckte, sozusagen unberührt unter dem Wüstensand. „Sie lag im Dornröschenschlaf“, verdeutlicht die Mannheimer Projektkoordinatorin Gabriele Pieke, Leiterin der REM-Ägyptenabteilung. Das 28 Hektar große, heute Gonur-Nord genannte Areal lag um einen palastartigen mehrstöckigen Lehmbau im Innern dreier Befestigungsanlagen, es gab eine Nekropole, in der Herrscher in Prunkgräbern bestattet wurden, dazu Handwerkerviertel und etwas entfernte Gehöfte mit Rinder- und Schafhaltung. Diese Besiedlung der Wüste war nur möglich, da die Stadt an den Fluss Murgab gebaut wurde, ein Wasserspeicher war angelegt, und man arbeitete mit einem komplexen Wasserleitungssystem – aus Keramik. Denn außer Lehm und Ton hatte man nichts, alle Steine und Erze, aus denen Häuser, Schmuck, Werkzeuge und Waffen entstanden, waren importiert: Gonur Depe lag an wichtigen Handelsrouten, etwa von Mesopotamien nach China. Als Handelsgut könnten eigene Töpfereien gedient haben. Denn Funde von Amphoren und feinstem Geschirr zeigen: In dem fernen Land wurde schon vor 4000 Jahren mit Töpferscheiben gearbeitet. Die Technik kam in Europa erst 1500 Jahre später auf, sagt Althistoriker Philipp Gros, der die Ausstellungspräsentation begleitet, mit spürbarer Begeisterung in der Stimme. Das keramische Wasserleitungssystem sei gar beispiellos. Innovativ zudem: die Keramikbrennöfen mit zwei Kammern, die wie auch die Rohrsysteme auf großformatigen und höchst kunstvollen Fotos präsent sind und den Besuchern der Schau ein wenig das Gefühl vermitteln, selbst in dem unzugänglichen Wüstengebiet zu stehen. Die beeindruckenden Fotografien, die die 200 übrigen Exponate begleiten, stammen von der berühmten Porträtfotografin Herlinde Koelbl, bekannt etwa für ihre Politikerserie „Spuren der Macht“. Die jetzt 79-Jährige hatte im Januar 2018 zwei Wochen in Turkmenistan verbracht – begleitet von Mitarbeitern des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, das auch die erste Station der Ausstellung war. Weiterer Träger ist das Archäologische Museum Hamburg, von dem auch vor zehn Jahren die Idee zur Ausstellung kam: Ein dortiger Mitarbeiter mit turkmenischen Wurzeln hatte Kontakt zum Entdecker der Siedlung, der 2013 starb. Die Ausstellung „Margiana“ ist die erste Präsentation der Funde in Europa. Gegraben wird in Turkmenistan indes immer noch. Noch viele Fragen sind offen, gerade da Schriftzeugnisse fehlen. Auch Berliner Archäologen vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) sind involviert, ebenso die Mannheimer Experten für Metalldatierung vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie, das zu den REM gehört. Sie studierten die Metallfunde, unter denen etwa Axtspitzen sind, oft elegant verziert. Dass es sich um eine tatsächlich bronzezeitliche Anlage und damit die bisher älteste bekannte turkmenische Siedlung handelt, ergaben wiederum C-19-Analysen der Knochenfunde. Überhaupt seien die Grabstätten die Hauptquelle des Wissens, erläutert Gabriele Pieke: Diese waren regelrechte unterirdische Häuser mit mehreren Räumen. Manche waren komplett mit Mosaiken bedeckt, in einer Technik, die damals andernorts noch nicht bekannt war, Ähnlichkeit gebe es nur zu jüngeren Funden aus Syrien. Es gab Herrscher, die prunkvoll bestattet wurden – etwa mit repräsentativen Wagen, Schmuck aus afghanischem Lapislazuli und bis zu 15 Bediensteten. Auch Artefakte, deren Bedeutung noch völlig unbekannt sind, entdeckte man, darunter Keramiksäulen oder dünne lange Keramikstäbe. Viele Gefäße, Schmuckstücke und Siegel zieren Tiermotive: Schlangen, Vögel, Rinder, aber auch das baktrische Kamel. Oder Schafe, deren Wolle Schutz vor winterlicher Kälte spendete. Die wenigen menschlichen Darstellungen zeigen bisweilen Figuren in einer Art gemusterter Mantel, der sich als Wollstoff deuten lässt. Woran die Margianer glaubten, ist ebenfalls unbekannt. Manche Wesen aber haben fantastische Züge. So zeigt ein Siegel eine Frau mit Flügelarmen, die einen Raubvogel reitet. Eine andere weibliche Figur hat die Hände ineinander verschränkt: eine Geste des Betens, die aus Mesopotamien bekannt sei, erläutert Gabriele Pieke. Und warum ging die Hochkultur an der später als Seidenstraße bekannten Handelsroute nach etwa 700 Jahren unter? Die Wüste ist schuld: Der Fluss wanderte, entfernte sich von der Stadt, Bewässerung war nicht mehr möglich, ergab die Forschung. Wohin diese Margianer zogen, deren Zahl in die Tausende gegangen sein dürfte, weiß man ebenfalls nicht. Es gibt noch viel zu entdecken unter dem Wüstensand. Die spannende Ausstellung macht Lust, das Entschlüsseln dieser archäologischen Geheimnisse weiter zu verfolgen. Die Ausstellung „Margiana: Ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan. Mit Fotografien von Herlinde Koelbl“; ab Sonntag bis 16. Juni, Museum Weltkulturen der REM; dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, www.rem-mannheim.de; Katalog 29,95 Euro.