Kultur Die Pfalz, ein Preissegen

Bekommt den Johann-Preis: Juli Zeh.
Bekommt den Johann-Preis: Juli Zeh.

Der Schifferstadter Ernst-Johann-Literaturpreis wird an, wie es heißt, „Personen, die dem literarischen Schaffen Ernst Johanns vergleichbar sind“, verliehen. Das dürfte die mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Bestsellerautorin, die gerade ans Verfassungsgericht des Landes Brandenburg berufene Juli Zeh, hinkriegen, die am Sonntag im Alten Rathaus in Schifferstadt den Preis überreicht bekommt. Ihr vom ZDF verfilmter Roman „Unterleuten“ verkaufte sich 625.000 Mal. Zeh ist die Liga Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“). Eine öffentliche Frau. Die hyperaktive, mit einer Arbeit über das Völkerrecht promovierte Prädikats-Juristin ist häufig Gast in Talkshows, wenn es darum geht die Rolle der gesellschaftspolitisch engagierten Intellektuellen stupend auszufüllen. Erste Reihe im öffentlichen Diskurs ist die 44-Jährige, seit 2017 SPD-Mitglied, eine ideelle Nachfahrin Heinrich Bölls. 2013 reichte sie – vergeblich – Verfassungsbeschwerde gegen die Speicherung von biometrischen Daten in ihrem Reisepass ein. Sie ist: der seltene Fall einer populären Schriftstellerin mit literarischem Anspruch. Ihre von moralischen Gegenwartsfragen thesenhaft unterströmten Werke wie „Spieltrieb“ (2004) oder ihr Drogen-Völkerrechts-Thriller „Adler und Engel“, das Debüt aus dem Jahr 2001, sind Schullektüre. In 35 Sprachen übersetzt. Die ungerechte Frage ist vielmehr, wer war noch einmal Ernst Johann? Rund 700 Literaturpreise werden in Deutschland vergeben. Nicht unoft ergibt sich dabei eine gut gemeinte Unwucht. Das heißt die Preisträger/innen nutzen dem Preis mehr als umgekehrt. Ernst Johann, jedenfalls, 1909 in Schifferstadt geboren, 1980 in Groß-Gerau gestorben, ist ein Journalist gewesen, erster Chefredakteur der RHEINPFALZ, Südwestfunkredakteur, Cheflektor beim Frankfurter S. Fischer-Verlag, erster Fernsehkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Später Generalsekretär der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Dazu noch Herausgeber und Verfasser eigener Werke wie „Die Luftschaukel. Stelldichein kleiner Prosa“, „Das Jahr des Metzgers. Der Lissnerschen Wurstologia anderer Band“. Oder „Deutschland, deine Pfälzer“. Ein honoriger Mann. Mit einer in Pfälzer Dimensionen raren Karriere. Man wird ihm damit nicht sehr zu nahe treten, aber er ist nicht ganz Zehs Kategorie. Umso schöner, dass die in einem Brandenburger Dorf lebende Autorin den Preis angenommen hat und so das Gedenken an Johann illuminiert. Außerdem verschafft Zeh der Pfalz – Schifferstadt vor allem – ein gesellschaftlich-literarisches Ereignis. Nicht das einzige in den kommenden Tagen. Nächsten Dienstag wird in Deidesheim der erste Turmschreiber nach acht Jahren eingeführt. Einen Tag später erhält der Dichter Björn Kuhligk in Speyer den nach dem in Mannheim geborenen Lyriker, Publizisten und Pfälzer Mundartdichter Arno Reinfrank (1934 bis 2001) benannten Preis. Er wird alle drei Jahre vergeben. Reinfrank lebte seit 1955 im Londoner Exil, wohin er aus Protest gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ausgewandert war. Die nach ihm benannte Auszeichnung würdigt Autor/innen, die „im Sinne“ seines Werks arbeiten. Mehrmals schon bewies die Jury dabei ein Näschen. So bekam 2006 Jan Wagner den Preis. Viel später wurde er mit dem Büchner-Preis geehrt. Auch die Pfälzer Sappho Monika Rinck kam 2009 noch rechtzeitig zu Reinfrank-Ehren, bevor ihre Karriere richtig Fahrt aufnahm. Der neue Deidesheimer Turmschreiber Andreas Maier, Jahrgang 1967, zählt derweil schon länger zu den wichtigen deutschsprachigen Autoren. Zudem ist er Weintrinker, was bei einem täglichen Weindeputat bei seinem Amtieren nicht ganz unwichtig ist. Zumindest in dieser Hinsicht war indes auch Maiers unmittelbare Vorgängerin prädestiniert. Die Pfälzer Katja Schweder ist Deutsche Weinkönigin gewesen. Mit Literatur hatte sie ganz anders als der doppeltbegabte Andreas Maier weniger zu tun. Keine Frage, er wird der Turmschreiberei wieder aufhelfen. Termine —Johann-Preis-Verleihung an Juli Zeh am Sonntag, 11 Uhr, im Alten Rathaus in Schifferstadt. —Einführung des Deidesheimer Turmschreibers Andreas Maier am Dienstag, 23.10., 16 Uhr, im Alten Rathaus in Deidesheim. —Reinfrank-Preis-Verleihung an Björn Kuhligk am Mittwoch, 24.11., 19.30 Uhr, im Historischen Rathaus in Speyer.

Deidesheimer Turmschreiber: Andreas Maier.
Deidesheimer Turmschreiber: Andreas Maier.
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