Kultur Die Macht des Augenblicks
Geplant war ein neues Album, am Ende wurden es zwei. Bei Michael Wollny sollte man stets auf das Überraschende gefasst sein. „Wartburg“ wurde von dem Jazzpianisten und seinem Trio live eingespielt, „Oslo“ im Tonstudio, aber trotz weiterer Unterschiede gehören beide Produktionen unbedingt zusammen. Der demnächst 40-jährige Pianist hat damit erneut eine bemerkenswerte Etappe auf seiner weiterhin steil nach oben führenden Musikerkarriere erreicht.
Es war 2015 im Gesellschaftshaus der BASF in Ludwigshafen. Jemand hatte die Idee, den Klassikpianisten Kit Armstrong und seinen Jazzkollegen Michael Wollny in einem Konzert zusammenzubringen. Nach zwei Soloparts sollten die beiden in einen Dialog treten, spontan und improvisierend die Kluft zwischen den Genres überwinden. An Wollny hat es nicht gelegen, dass dies gnadenlos schief ging. Für Armstrong ist Improvisation wie Komposition ein Regelwerk, das man verstehen und das man weiterentwickeln kann, für Wollny ist es die Macht des Augenblicks, das Reagieren auf Neues, Überraschendes. Für Armstrong war der neue Partner ein ungewohnter Störfaktor, den er vielleicht bewunderte, mit dem er aber nichts anzufangen wusste. Da konnte Wollny noch so viele Angebote machen, sogar Armstrongs Klassikphrasen improvisierend aufgreifen. Nutzte alles nichts. Der eine wollte kommunizieren, der andere mathematische Gleichungen lösen. Seit Michael Wollny 2005 mit seinem Trio die Aufmerksamkeit der Jazzszene gefunden hat, bildet das improvisatorische Moment das Zentrum seiner Musik. Natürlich ist im Jazz die Improvisation immer entscheidender Bestandteil dieser Musik, aber Wollny ging anders damit um. Seine Musik lebt vom Input unterschiedlichster Reize, das können Filme sein, Bücher, klassische Musik, Punkrock, Jazzstandards. Bei Wollny lassen solche Reize völlig neue Musikstücke entstehen, die meist zum Gegenteil dessen führen, was zu erwarten wäre. Aus Scott Walkers kitschtriefender Ballade „Big Louise“ macht er eine nordisch kühle Hymne, einem „Interludium“ von Hindemith verpasst er einen verschleppten Beat und einen Breitwandsound, in Faures opus 120 entdeckt er einen sentimentalen Popsong, „Roses Are Black“ des Jazzsaxophonisten Heinz Sauer dampft er ein auf seine lyrische Essenz mit melancholisch tröpfelnden Einzeltönen. Womit wir bei den beiden neuen Alben wären, eingespielt an zwei verschiedenen Orten, unter unterschiedlichen Bedingungen, mit unterschiedlichen Gästen. Durchgängig zu hören ist sein Trio mit Schlagzeuger Eric Schaefer, von Anfang an Wollnys Partner, und dem Kontrabassisten Christian Weber, Nachfolger von Eva Kruse und Tim Lefebvre und seit drei Jahren dabei. Die Alben sind nach den Aufnahmeorten betitelt, auf der Wartburg bei Eisenach, wo Luther Zuflucht vor dem päpstlichen Bann fand, wurde die eine CD live eingespielt, bei drei Stücken kam der französische Saxophonist Emile Parisien hinzu. Das zweite Album entstand im Tonstudio in Oslo, bei einigen Stücken unter Mitwirkung des Norwegian Wind Ensembles, eines klassischen Bläserorchesters, das seit einigen Jahren mit Improvisationen experimentiert. Der Klangkörper zerfällt dabei nicht in Einzelstimmen, sondern agiert im Kollektiv, spontan und ohne Absprachen, man benutzt höchstes Handzeichen, um Tonartwechsel anzuzeigen. Die Norweger steuern anschwellende oder flirrende Klangflächen bei, die wunderbare Räume schaffen für Wollny und seine Kollegen. Auf den meisten der insgesamt 24 Stücke der beiden Alben dominiert aber das Trio, souverän unterwegs zwischen schwarzer Romantik, groovigem Jazz und druckvoller Intensität. Das Zusammenspiel der drei ist dabei kaum dichter, intensiver und spannungsreicher vorstellbar, natürlich technisch alles auf höchstem Niveau. In Europa dürfte aktuell schwerlich ein perfekteres Trio zu finden sein, und dass der mittlerweile in Leipzig lebende Michael Wollny einer der aufregendsten und immer noch vielversprechendsten Jazzpianisten unserer Zeit ist, hat sich auch längst herumgesprochen. Die CDs Michael Wollny Trio mit Emile Parisien live: „Wartburg“; Michael Wollny Trio mit Norwegian Wind Ensemble: „Oslo“; beide erschienen bei ACT in München.