Kunst und Ökologie
Die Luft ist raus: Frankfurter Schau über die „schöne“ neue Plastikwelt
Die Ausstellung lief 1968 – naheliegend - in der BASF-Stadt Ludwigshafen, im Bürgermeister-Reichert-Haus dort. Eine nicht ganz uneigennützige Feier des unweit hergestellten Kunststoffs „als Werkstoff für den Künstler“, wie der Untertitel lautete. Allerdings waren die Sechziger sowieso das vielleicht plastikseligste Jahrzehnt.
Der französische Soziologiestar Roland Barthes beschrieb damals in seiner Dingwelt-Philosophie „Mythen des Alltags“ Plastik als Stoff der Stoffe und heilbringendes Gegenwarts- und Zukunftsmaterial. Es sei „weniger eine Substanz als eine Idee einer endlosen Umwandlung“, philosophiert Barthes ganz erfüllt von den ins Offene tendierenden Möglichkeiten. Für Plastik galt, dass es alles kann: transparent sein, weich, eine Plastikschüssel und ein Anzug, hart wie Marmor, ohne schwer zu sein. Es war die Hochzeit der Tupperware, der Perlon-Pullover, von Chemiefaserorganza, schwingenden Panton-Stühlen, Milchtüten und plastikrankender Utopien.
Gerhard Hoehme malte zu der Zeit mit Nylonschnüren. Alina Szapocznikow fotografierte gekaute Kaugummis als Skulpturen. Lynda Benglis experimentierte mit halbflexiblen Polyurethan. Caesar trat bei Happenings wie ein Dirigent auf und ließ Kunststofffladen bis zur Erstarrung auf dem Boden schäumen und aus Eierboxen quellen. Christo umhüllte einen Stapel Zeitschriften – Titel: „Look“, auf Deutsch: Schau – mit Synthetikmaterial. Und US-Architekt Buckminster Fuller wollte eine transparente, mit Kunststoff beschichtete Riesenkuppel über große Teile Manhattans stülpen. Jetzt hängt ein Werbe-Plakat für die Science-Fiction-Fantasie in der „Plastic World“-Ausstellung in der von dem Pfälzer Sebastian Baden geleiteten Frankfurter Kunsthalle Schirn.
Euphorie-Rettung
Genau wie die Arbeiten von Hoehme, Szapocznikow oder Caesars wie eine schrille Influencer-Handtasche aussehende Eierbox, mit denen etwas von der ungebremsten historischen Euphorie in die Schau gerettet worden ist. Ergänzt und überschrieben allerdings wird die unschuldige Begeisterung durch das glatte Gegenteil: Ernüchterung über die Folgen der ungebremsten Verbreitung des so durablen wie verfallsanfälligen Materials.
Es ist eine Ausstellung der Gegensätze und Ambivalenzen. Eine Nabelschau unseres Plastikzeitalters, in der Kunststoff als Bereicherung und Bedrohung erscheint, verführerisch schön wie Berta Fischers pastellige Riesenplastik, die unter der Decke und auf dem Boden lichtspielt – und katastrophisch gleichermaßen. Sie erzählt die Geschichte des plastikgetriebenen Aufbruchs der Kunst und unseres Untergangs im Unbeherrschbaren des Plastikmülls im realen Leben. Poetisch, wie der Belgier Francis Alys in einem Video aus dem Jahr 2004 die beiden Welten erzählerisch zusammenbringt. Zu sehen sind „Barrenderos“, Straßenkehrer, die, einer inneren Choreographie folgend, im Morgengrauen von Mexico-City so lange den Plastikmüll auf den Straßen zusammenfegen, bis er sich wandhoch türmt. Sie lachen, Tüten bewegen sich im Wind. Der Müllberg sieht apokalyptisch aus.
„Ich möchte Plastik sein“
„Die Schere wollen wir aufmachen, ohne moralischen Zeigefinger“, sagt die Kuratorin Martina Weinhart, zu dem weiten Feld, das ihre Ausstellung abschreitet, zwischen Andy Warhols Umarmung: „Ich liebe Plastik. Ich möchte Plastik sein.“ Und zum Beispiel Niki de Saint Phalles Aufblas-Nana, die aus Gründen der Materialermüdung als traurige Flachware in einer Vitrine ausliegt. Die Luft ist raus. Zumal sich wissen lässt, dass die Künstlerin an einer, sehr wahrscheinlich durch allzu sorglosen Umgang mit Kunststoffen verursachten Lungenerkrankung gestorben ist.
1909 jedenfalls erfand ein Belgier namens Baekeland synthetisches Phenylharz, das Bakelit. 1911 erschien das erste Fachmagazin zum Thema und nannte sich selbstbewusst „Kunststoff“, weil die Entwicklungsingenieure von PVC, PUR, PET und so weiter sich so empfanden: als Künstler.
400 Millionen Tonnen jährlich
Das Wort Plastik kam in seiner Doppelbedeutung als Werkstoff und bildhauerisches Werk voll zur Geltung. 1960 allerdings wurden weltweit „nur“ 1,5 Millionen Tonnen Plastik jährlich produziert, heute 400 Millionen Tonnen. Mit den bekannten, dauernden ökologischen Konsequenzen, vor allem dem Mikroplastik in Böden, dem Wasser, in Lebewesen wie etwa dem Menschen. Wie die Kunst darauf reagiert, lässt sich in der Schau bis zu Armans konsumkritischen Ansammlungen von Dingen zurückverfolgen.
Seiner „Poubelles Accumulation rasoirs (pour Ben)“ aus dem Jahr 1960 zum Beispiel, einem Werk aus lauter unschön angeranzten Plastik-Rasierapparaten in einem Kasten, die zudem das konservatorische Grundproblem des Kunststoffs Kunststoff illustrieren. Er altert sehr schnell im Vergleich zu Bronzen und Farbpigmenten. Aber er zerfällt fast nie so ganz, wenn er nicht verstoffwechselt wird wie von dem Regenwald-Pilz Pestalotiopsis microspora, den Studierende der Universität Yale im Amazonas entdeckt haben - und den Tue Greenford in seiner Grünspan-grünen Skulptur „Equilibrium“ (2016) blassgelb sprießen lässt. Ein immanentes Problem vieler andere Werke ist derweil, dass selbst, wenn sie Plastik-kritisch gemeint sind, sie dennoch mit Plastik arbeiten wie das Frankfurter Kollektiv HazMatLab.
Ein ganzes Labor durften die drei auch bei der jüngsten Documenta vertretenen Künstlerinnen aufbauen. Kunstschleim tropft von Hockern und sonstigem Interieur. Witzig eigentlich und Material-innovativ, hinterlässt es doch einen zwiespältigen Eindruck. Eindrucksvoll, wie sich die Wahrnehmung der Dinge verändert hat. Die Sicht zum Beispiel auf Otto Pienes Unterwasserwelt, die mit per Windmaschinen aufgeblasenen, riesenhaften Kunststoff-Anemonen nachgestellt ist. Erstmals 1976 installiert, wurde „Anemones. An Air Aquarium“ in zweijähriger Arbeit extra für die Schau rekonstruiert. Fasziniert wie damals die Besucher sicher auch, durchwandert man die Installation – aber denkt jetzt gleichzeitig daran, wie die Verschmutzung mit Mikroplastik die Meere bedroht. Wer mehr darüber wissen will, wird – wieder draußen aus der künstlerischen „Plastic World“ – in der realen Plastikwelt weiterverwiesen. Mit einem Kunstwerk selbstredend.
Plastikschüsselbaum am Rand
Pascale Marthine Tayous Baum mit einer Krone aus Plastikschüsseln steht als Wegweiser am Wegrand. Die von Pinar Yoldas eingerichtete Partnerausstellung läuft unweit im Senckenbergmuseum. „An Ecosystem of Excess“, ein Ökosystem des Überflusses, heißt der Titel. Mit anderen Worten: Es geht um Kunststoff als Werkstoff des Weltenuntergangs.
Die Ausstellung
Bis 1. Oktober, Katalog: 48 Euro. Info: www.schirn.de