Kultur
Die Liebe ist ein Klogeräusch: Ayckbourn-Stück „Ab jetzt“ bei den Ludwigshafener Festspielen
Mit einer Komödie ist die Werkschau des Deutschen Schauspielhauses Hamburg bei den Festspielen Ludwigshafen fortgesetzt worden. Alan Ayckbourns „Ab jetzt“ spielt in einer zukünftigen Welt, die der unseren aber verdächtig ähnlich sieht. Karin Beiers Inszenierung macht daraus einen perfekt funktionierenden Komödienspaß mit Ausblicken in eine Gesellschaft, mit deren Problemen wir uns längst herumschlagen müssen.
Früher war irgendwie mehr Zukunft. Da flogen die Menschen in ihren Science-Fiction-Träumen in blinkenden Raumschiffen durch Zeit und Raum, besiegten hässliche Außerirdische und retteten ihren blau schimmernden Planeten. Als sich der britische Erfolgsdramatiker Alan Ayckbourn 1987 die Zukunft vorstellte, sah er eine einbruchssichere, technisch aufgerüstete Wohnung im Londoner Norden, draußen terroristische Straßengangs, drinnen ein weiblicher Superroboter, der auf Zuruf den Alltagskram erledigt. Die pubertierende Jugend ist unzufrieden und genderverwirrt, die Privatsphäre durch Abhörtechnik und neue Kommunikationsformen gefährdet. Nur das Zwischenmenschliche mit dem ganzen Beziehungsknatsch ist wie gehabt.
Drei Jahrzehnte später hört sich das kein bisschen nach Zukunft an. An No-Go-Areas, Terrorgefahr und genderverwirrte Jugendliche haben wir uns schon gewöhnt, zu Hause sorgt „Alexa“ für Kommunikation und vollen Kühlschrank, und die Privatsphäre haben wir mittels Handy, Social Media und Smart Home ganz freiwillig abgeschafft. Nur der Beziehungsknatsch ist immer noch derselbe.
Ein Komponist im Krisenstatus im intelligenten Heim
Mit Science Fiction hat „Ab jetzt“ also eher wenig zu tun, eine großartige Komödie ist es trotzdem, und wie fast immer bei Ayckbourn lauert hinter dem schrillen Klamauk, den er uns gerne klischeehaft und dick aufgetragen serviert, ein dunkler Abgrund. Wer hineinblickt, entdeckt eine Gesellschaft, die den unguten Veränderungsprozessen mit konsequenter Ignoranz begegnet und ihre Fehler und Unzulänglichkeiten mit technischem Fortschritt zu kompensieren sucht. Dass selbst ein Liebeslied zu einem aus Schlafzimmer und Toilette generierten Soundtrack entwürdigt wird, ist dabei noch das geringste Problem.
Jerome, die Hauptfigur in Ayckbourns Stück, ist ein Komponist im Krisenmodus. Frau und Tochter haben ihn verlassen, Geliebte hat er keine, Freunde sind ihm lästig. Jetzt will er neue Kreativität entfachen, indem wenigstens die Tochter ab und an zu ihm zurückkehrt. Seine Kompositionstechnik ist nämlich auf intime O-Töne angewiesen, in einer leeren Wohnung ist das ein Problem. Neben elektronischem Equipment und ein paar Möbeln befindet sich dort nur ein Gou 300 F, ein Roboter in Gestalt einer jungen Frau, der eigentlich für die Beaufsichtigung von Kindern programmiert wurde und mangels Kindern nun ein wenig fehlerhaft agiert. Zusammen mit einer Schauspielerin, die den Kurzzeitpart von Jeromes neuer Partnerin übernimmt, soll das die Ex, die Tochter und vor allem den Mann von der Jugendbehörde davon überzeugen, dass regelmäßigen Besuchen nichts entgegensteht. Das der komplizierte Plan irgendwie aufgeht, ist die letzte Pointe dieser schwarzen Komödie.
Die deutsche Erstaufführung war 1989 in der Regie von Peter Zadek
Karin Beiers Inszenierung bringt das seit Peter Zadeks deutscher Erstaufführung 1989 ziemlich vergessene Stück nun mit großer Schauspielkunst und perfekt geschmierter Komödienmechanik auf die Bühne. Ute Hannig spielt den Roboter mit bis in den Wimpernaufschlag authentisch ruckelnder Maschinenhaftigkeit. Sogar die Fehlfunktionen, die für unrunden Gang und Kollisionen mit Sofa und Wänden sorgen, sind exakt getaktet. Mangelhafte Sprachmuster und Gesichtserkennung versucht Jerome mittels Elektroschrauber zu verbessern. Und wenn gar nichts mehr hilft gegen den Klammergriff der bärenstarken Roboterfrau wird halt die Reset-Taste gedrückt. Jerome ist bei Götz Schubert ein mürrisch-abgeklärter Midlife-Mann, der sich mit den Zumutungen des Daseins abgefunden hat und nur noch um seinen kreativen Rest ringt, der ihm nach einem lukrativen Werbeclip endlich einen neuen Hit bescheren soll.
Nicht zu vergessen, die nachtdunklen Gestalten
Da wird dann auch die von einer Agentur geschickte Schauspielerin zuallererst zur Quelle brauchbaren akustischen Arbeitsmaterials. Lina Beckmann macht aus dieser Zoe ein pummeliges Nervenbündel, stakst wie ein Model, kämpft mit Weinkrämpfen und seltsamen Grunzgeräuschen, hat hysterische Ausfälle und offeriert einen Ophelia-Monolog, den man unbedingt nicht erleben möchte. Das ist großartig gespielt, und auch als später Lina Beckmann zum Roboter wird und Ute Hannig den Part der Ex übernimmt, ändert das nichts am schauspielerischen Niveau. Dann kommt auch noch Gala Winter als zum Pöbelkerl mutiertes Töchterchen Geain und Yorck Dippe als hibbeliger Sozialarbeiter dazu. Nicht zu vergessen die nachtdunklen Gestalten, die da immer wieder von Gegensprechanlage oder Bildtelefon wandflächengroß ins Wohnzimmer gebeamt werden, allen voran Michael Wittenborn als verzweifelter Freund zwischen Beziehungskrise, Schlagzeugsolo und Kneipentheke. Am Ende viel Applaus im vollen Pfalzbau