Pfalzgeschichte(n)
Die letzten Tage der Pirmasenser Kaufhalle: Mauern mit vielen Erinnerungen
Wer heute durch Pirmasens läuft, braucht eine gewaltige Portion Fantasie, um sich vorzustellen, wie es hier früher zugegangen sein muss. Eine blühende Stadt, boomende Schuhindustrie, florierender Handel, mehr als 60.000 Einwohner. So war es in den 1970er Jahren. Heute leben in der südwestpfälzischen Stadt noch rund 41.000 Menschen. Viele Geschäfte stehen leer. Gleiches gilt für die angegrauten Schuhfabriken, die nach wie vor das Stadtbild prägen.
Aber die Verantwortlichen haben viel getan in den vergangenen Jahren. Das Forum Alte Post ist städtebaulich ein Erfolg, der keinen Vergleich mit ähnlichen Projekten scheuen muss. In einer der ehemals größten Schuhfabriken Europas, dem Rheinberger, ist neues Leben eingezogen. Der Riesenkomplex beherbergt nicht nur die Lokalredaktion der RHEINPFALZ, sondern auch das Mitmachmuseum Dynamikum, eine Schule, ein Fitnessstudio, Arztpraxen und vieles mehr. In fußläufiger Nähe ist mit der Jugendherberge ein weiterer Anziehungspunkt entstanden.
„Ein städtebaulicher Missstand“
Aber trotz all dieser Erfolge gibt es nach wie vor unschöne Ecken in der Stadt. Einer davon ist die ehemalige Kaufhalle. Der Pirmasenser Oberbürgermeister Markus Zwick bezeichnet sie als einen „städtebaulichen Missstand“. Der viergeschossige Komplex, der nun bald der Vergangenheit angehören soll, hat beeindruckende Ausmaße, aber leider auch eine marode Bausubstanz. Hinzu kommt belastetes Material. Beim Wiederaufbau der Kaufhalle 1953 und bei der Erweiterung 1967 wurde Asbest verwendet. Entsorgt werden müssen zudem 200 Quadratmeter Fensterflächen sowie 100 Quadratmeter Schaufenster, über 70 Türen, ein Aufzug, Rolltreppen und 100 Heizkörper. Die Immobilie hat eine Nutzfläche von rund 5200 Quadratmetern. Das Grundstück in prominenter Innenstadtlage ist fast 1900 Quadratmeter groß - etwas mehr als sieben Tennisplätze.
„Ein Zeichen für den Aufschwung“
Die Stadt Pirmasens erhofft sich neue Perspektiven zur Stärkung des Quartiers rund um den gegenüberliegenden Exerzierplatz. Die Verantwortlichen im Rathaus erachten das Areal gar als Schlüsselgrundstück auf der Ost-West-Achse zwischen Messegelände und Bahnhof sowie als Scharnier zur Fußgängerzone. 900.000 Euro sind für den Abriss eingeplant. 90 Prozent davon übernimmt das Land, den Rest steuert die Stadt Pirmasens bei. Für Oberbürgermeister Zwick ist der Abriss „ein Zeichen für den Aufschwung“, den Pirmasens erlebe.
Ein Besitzer der Kaufhalle nahm sich das Leben
Die ehemalige Kaufhalle ist ein Stück Pirmasenser Stadtgeschichte und eng mit dem Schicksal von Susanne und Moritz Kahn verbunden. Das Ehepaar betrieb bereits um die Jahrhundertwende in der Schlossstraße 23 eine Eisenwarenhandlung. Die Firma hatte sich auf Panzerschränke, Geldkassetten, Leder-, Post- und Kalkulationswagen spezialisiert. Am 28. Juli 1933 nahm sich Kahn das Leben, nach der antisemitischen Hetze und des Boykottes jüdischer Geschäfte in seiner Heimatstadt.
Den Grundstein zum Warenhauskonzern Kaufhalle legte 1925 der deutsch-jüdische Kaufmann Leonhard Tietz. Er gründete 1925 in Köln die Ehape Einheitspreis-Handelsgesellschaft mbH. Die Pirmasenser Filiale wurde am 1. Oktober 1928 eröffnet – in angemieteten Räumen von Moritz Kahn. Die Ehape-Niederlassung befand sich zunächst in einem Anbau an der Ecke Schloßstraße/ Höfelsgasse.
Mit der Arisierung wurde der Konzern 1937 in Rheinische Kaufhalle AG umbenannt. Im Dezember 1938 übernahm die Kölner Warenhaus-Kette das Pirmasenser Grundstück von Kahns Witwe Susanne.
Nach 76 Jahren endet die Kaufhallen-Geschichte
Die damals 73-Jährige lebte zu diesem Zeitpunkt in einem Mannheimer Altenheim. Der Verkaufserlös in Höhe von 120.500 Reichsmark wurde offenbar auf ein Sperrkonto überwiesen, das Geld hat Kahn Angaben der Stadtverwaltung zufolge allerdings nie erhalten. Nach der Deportation – zunächst nach Gurs – starb Susanne Kahn im Dezember 1942 im französischen Internierungslager Nexon. An das Schicksal der Familie erinnert eine Gedenktafel am Kaufhallen-Gebäude.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges knüpfte die Kaufhalle an die alten Erfolge an. Das Sortiment reichte von Haushalts- und Spielwaren über Textilien und Schuhe bis hin zu Lebensmitteln und Kosmetik. Im Jahr 2000 veräußerte die Kölner Metro AG die defizitäre Kaufhauskette an den italienischen Textilhändler „Gruppo Coin“. Statt eines Comebacks kam das Aus für das Warenhaus. Nach 76 Jahren endete im Januar 2004 die Geschichte der Pirmasenser Kaufhalle. Die verbliebenen 45 Mitarbeiter – überwiegend Frauen – verloren ihren Job. Im Anschluss mietete sich die Neckermann AG in das Gebäude ein. Zwei Jahre bot die stationäre Vertriebsschiene des Frankfurter Versenders dort unter dem Namen „Radikalkauf“ einen Restpostenmarkt für Textilien an. Seit 2006 steht die Gewerbe-Immobilie leer.
Sechs private Investoren scheiterten schon
Es gab seitdem mehrere Anläufe, den Dornröschenschlaf des Warenhauses zu beenden. Sechs private Investoren haben zwischen 2004 und 2012 versucht, das Areal zu entwickeln. Sie scheiterten nicht zuletzt an den höchst komplexen Eigentumsverhältnissen. Mit dem Ziel, das Grundstück für die Stadt zu erwerben, hatte 2013 der damalige Oberbürgermeister Bernhard Matheis Verhandlungen mit Erbengemeinschaft und Eigentümer aufgenommen. Nach vier Jahren gelang es der Stadtverwaltung 2017, sämtliche Grundstücke zu sichern. Im Oktober 2018 stellte eine Entwicklergruppe um den Pirmasenser Architekten Christoph Arnold und Ideengeber Rolf Schäfer das Konzept „Schuhstadt“ dem Stadtrat vor: ein Fachmarktzentrum für Outdoor-Artikel und Schuhe. Im Stadtrat wurden kürzlich Zweifel laut, ob das Projekt verwirklicht wird. Die Entwickler verweisen darauf, dass es Mietzusagen gebe. Eigentlich sollten schon 2021 Schuhe in den neuen Läden verkauft werden, nun hat der Stadtrat die Frist für das Projekt „Schuhstadt“ um ein Jahr verlängert.
Für viele Pirmasenser ist die Kaufhalle aber nach wie vor mit schönen Erinnerungen verbunden. Oberbürgermeister Markus Zwick, der ein Gymnasium in der Nähe besuchte, erzählte unlängst etwa davon, dass er sich in der Kaufhalle immer mit Comics eingedeckt habe. Der Nahrungsmittelbereich im Keller des Warenhauses ist bis heute bei vielen Bürgern legendär. Vor allem der Sauerbraten aus der dortigen Metzgerei hatte es vielen Pirmasenser angetan. Sie berichten noch heute davon, wie gut das Fleisch geschmeckt habe.
Das Rätsel der verschwundenen Mädchen
Aber es gibt nicht nur schöne Erinnerungen. Als der Abriss beschlossen wurde, machte im Internet und in der Pirmasenser Öffentlichkeit auch ein anderes Thema wieder die Runde. In den 1960er Jahren verschwanden in der Südwestpfalz mehrere kleine Kinder. Die Vorgänge waren damals so spektakulär, das sogar das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ darüber berichte. Am 8. September 1967 verschwand ein kleines Mädchen, das zuletzt in der Kaufhalle gesehen wurde. Auch die beiden anderen Kinder wurden jeweils an einem Freitag zuletzt in der Nähe der Kaufhalle gesehen. Bis heute fehlt von ihnen jede Spur. Die Vermisstenfälle konnten nie aufgeklärt werden.
Eine Abrissfirma verhindert den Abriss
Eigentlich sollten die Abrissarbeiten an der ehemaligen Kaufhalle in Pirmasens längst begonnen haben. Der Start war für Mai anvisiert, verzögerte sich jedoch mehrfach. Wann es losgeht, hängt nun von den Richtern des Zweibrücker Landgerichtes ab. Dort ist ein Verfahren anhängig. Initiiert wurde es von einer Abrissfirma, die von dem Vergabeverfahren ausgeschlossen wurde, obwohl sie das günstigste Angebot abgegeben hatte. Die Stadt wiederum verweist darauf, dass die Firma nicht alle notwendigen Unterlagen vorgelegt habe. Am Dienstag verhandeln die Richter die Angelegenheit. Im Pirmasenser Rathaus hoffen die Verantwortlichen, dass sie ihre Rechtsauffassung Bestand hat – und dann endlich der Abriss beginnt. Drei bis vier Monate sind dafür vorgesehen.