Rock am Ring RHEINPFALZ Plus Artikel Die Legende Iron Maiden lebt – und wie! So war Tag drei bei Rock am Ring

Bruce Dickinson, Sänger von Iron Maiden, ist noch immer ein fantastischer Sänger.
Bruce Dickinson, Sänger von Iron Maiden, ist noch immer ein fantastischer Sänger.

Bei legendären Bands, die tief im vergangenen Jahrhundert gegründet wurden, kann man ja so seine Zweifel haben. Headliner am Ring? Iron Maiden!

Tag drei bei Rock am Ring ist auch der Tag der Entscheidungen. Hält das Lineup mit Linkin Park, Volbeat und Iron Maiden wirklich, was es versprochen hat? Hat der Wettergott vielleicht endlich ein Einsehen und schenkt uns einen komplett trockenen Tag? Vor allem aber: Wie lange reichen die eigenen Kräfte noch? Macht der Rücken schlapp? Die Beine?

Während man am Eröffnungsfreitag fast nur erwartungsvolle Gesichter auf dem Gelände traf, die bereits in Partylaune waren, haben die beiden ersten Festivaltage deutlich sichtbare Spuren hinterlassen. Man selbst hat den Spiegel vorsichtshalber mal abgehängt und die Selfie-Funktion am Handy deaktiviert. Über dem am frühen Nachmittag noch ziemlich leeren Gelände liegt am Sonntag eine Art Schleier der Erschöpfung. Da tut die eiskalte Punkdusche, die einem die Briten von Bad Nerves als erste Band auf der Mainstage verpassen, richtig gut. Gleiches gilt auch für die zwei Auftritte der beiden amerikanischen Bands Black Veil Brides und Hollywood Undead, die am frühen Nachmittag folgen. Das macht wieder wach für einen Tag, an dessen Ende eine ikonische Band der Musikgeschichte steht: Iron Maiden.

Die Fans feiern die Metal-Legenden von Iron Maiden.
Die Fans feiern die Metal-Legenden von Iron Maiden.

1975 in London gegründet, ist der Einfluss dieser Metal-Formation gar nicht hoch genug einzuschätzen. Fast jede neue Richtung oder neue Entwicklung, die das Genre seitdem eingeschlagen oder genommen hat, geht nicht zuletzt auch auf Iron Maiden zurück. Jeder kennt ihren Namen, auch wenn er vielleicht sogar nicht einen einzigen Song benennen könnte. Fast scheint, als sei der Name größer als die Band, die mit dem 1958 geborenen Bruce Dickinson einen Sänger hat, der außer Singen noch andere Qualitäten hat. Er besitzt eine Pilotenlizenz, flog einst Band und Staff in einem großen Jet selbst. Und ist passionierter Fechter.

Der deutsche Rapper Finch auf der Mainstage des Nürburgrings.
Der deutsche Rapper Finch auf der Mainstage des Nürburgrings.

Jedenfalls ist der Mann topfit. Das merkt man auch bei dem zwei Stunden langen Konzert, mit dem Rock am Ring 2026 endete. Dickinson ist ständig in Bewegung, er singt nicht nur, er holt die Fans auch ab. Beziehungsweise, er nimmt sie mit auf eine Zeitreise – ins vergangene Jahrhundert. Es ist schlichtweg faszinierend, zu beobachten, wie diese Musik aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer noch ganz wunderbar funktioniert. Vor einem Publikum, das eigentlich viel zu jung ist dafür. Während man selbst einfach dankbar ist, dass Bruce Dickinson offensichtlich viel fitter ist, als man selbst. Obwohl er älter ist.

Die Zeitreise führt durch die großen Hits von Iron Maiden, wobei auch hier gilt, das Ganze ist mehr als der einzelne Song. Aber natürlich werden „Fear Of The Dark“, „Run To The Hills“ und „The Trooper“ zelebriert. Letzterer von der Band sogar mit Deutschlandfahne. Ankommen am Ring musste Iron Maiden allerdings nicht. Sie waren zum vierten Mal Headliner.

Dexter Holland von The Offspring.
Dexter Holland von The Offspring.

Wenn man einen Wunsch frei hätte, dann würde der lauten: Hoffentlich haben Iron Maiden nicht bei dem Act zugeschaut, der zwei Zeitfenster vor ihnen auf der Bühne zu sehen war. Die Rede ist von Finch, dem 1990 in Frankfurt/Oder geborenen – ja, was eigentlich: Rapper? Schlagerfuzzi? Techno-Freak? Wobei sich seine Rolle tatsächlich auf das Rappen weitgehend beschränkt, Musik und Gesang aus anderen Genres drumherum kommen von anderen. Und man muss fairerweise sagen: Finch selbst zeigt sich auf der Bühne des Nürburgrings begeistert vom Iron-Maiden-Auftritt einen Abend zuvor in Nürnberg: „Das ist geisteskrank, was die abliefern!“

Klar, dass die Texte noch nicht einmal an der Untergrenze des guten Geschmacks kratzen, schließlich nannte sich der Mann mal Finch Asozial. Hinzu kommt, dass auch sein Aussehen mit viel Kalkül mit dem Image des ostdeutschen Assis spielt. Wie Electric Callboy auch, liebt er ziemlich trashige Trainingsanzüge (am Ring allerdings ein Trikot, das eine Mischung ist zwischen DFB-Elf und Union Berlin). Das alles ergibt eine Kunstfigur, an der man sich durchaus reiben kann, mit der man aber eben auch sehr viel Spaß haben kann. Es ist so eine Mischung von „Wie geil ist das denn?“ und „Aua, aua“, die einen während eines Finch-Konzerts überfällt. Die beiden TV-Comedians Elton und Bernhard Hoecker scheinen das Konzert jedoch auf der VIP- und Medientribüne zu genießen.

Schließlich ballert Finch einen Song nach dem anderen raus, und ballern ist genau das Stichwort, schließlich sind wir genau wieder dort, wo das Festival mit Mehnersmoos am Freitag gestartet war: am Ballermann. Mit vermeintlich politischen Songs wie „Kein Bock auf Krieg“ steht er sich eher selbst im Weg. Die Menschen wollen den Kopf ausschalten und Spaß haben. Das funktioniert mit Songs wie „Kamikaze“ oder „Abfahrt“ oder „Easy Peasy“, um nur Beispiele zu nennen, tatsächlich sehr gut. Und wenn dazu auch noch die Sonne über dem Nürburgring lacht, kann Finch ja nichts falsch gemacht haben.

Mit The Offspring war das dann alles vergessen. Und der Schritt zu Iron Maiden war nur noch ein kleiner. Denn irgendwie wirkte es genau so, als würden die Väter ihre Söhne nach sich ziehen. Oder eben die Söhne ihren Vätern vorangehen. Wobei der Start von The Offspring natürlich im Punk lag. An diesem Punkt hat das Lineup jedenfalls mal, um ein Bild zu gebrauchen, den Nagel auf den Kopf getroffen. Allerdings wäre es dann schon auch fair gewesen, Social Distortion auch auf die Mainstage zu holen. Es wäre so ein geschlossener Kreis geworden.

Anyways. The Offspring, 1984 in Kalifornien gegründet, lieferten. Und das vor prall gefülltem ersten und zweiten Wellenbrecher. Diese Musik ist einfach unwiderstehlich, aber sie klingt eben nicht immer genau gleich. Zwischen „Pretty Fly (For A White Guy)“ und „Self Esteem“ liegen, etwas übertrieben formuliert, musikalische Welten. Aber beides hat den Ring so richtig in Ekstase versetzt. Wie auch eine Interpretation eines Klassik-Klassikers durch den Gitarristen Noodles, der eigentlich Kevin Wasserman heißt. Er spielte „In der Halle des Bergkönigs“ aus Edward Griegs „Peer Gynt“. Selten war ein Studium der Musikwissenschaft so wichtig gewesen auf dem Ring.

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